Wittener Werkzeuge – das Konzept für Gespräche und Beratung in der Pflege
Angelika Zegelin gehört zu den prägenden Stimmen einer Pflege, deren Komplexität und Professionalität noch immer oft unterschätzt werden. Im Gespräch erläutert die Autorin, warum Pflege ein anspruchsvoller Beziehungs- und Kommunikationsberuf ist. Sie gibt Einblicke in die Entstehung der „Wittener Werkzeuge“ und zeigt, weshalb pflegespezifische, alltagstaugliche Ansätze für Beratung und Selbstfürsorge unerlässlich sind – gerade unter den Bedingungen von Zeitdruck und Personalmangel im heutigen Gesundheitswesen.
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Viele Menschen glauben noch immer, dass Pflege vor allem aus eher einfachen, praktischen Tätigkeiten besteht. Sie betonen dagegen, dass Pflege ein anspruchsvoller Kommunikations- und Beziehungsberuf ist. Was wird aus Ihrer Sicht an der Arbeit von Pflegefachpersonen häufig unterschätzt?
Leider ist das tatsächlich so. Es gibt kaum einen anderen Beruf, der ähnlich falsch eingeschätzt wird. Pflege wird häufig nur in kurzen, hektischen Momenten beobachtet, sodass viele glauben, dafür brauche man keine Ausbildung. „Pflege kann doch jeder machen“ – das höre ich regelmäßig. Dass Pflege ein einfacher Beruf sei, entspricht jedoch überhaupt nicht der Realität.
Pflege bedeutet weit mehr als die körperlichen Tätigkeiten. Menschen, die Hilfe brauchen, befinden sich oft in Notlagen, leiden unter Symptomen, machen sich Sorgen oder haben Angst vor Operationen. In solchen Krisensituationen ist es entscheidend, dass Pflegende nicht nur medizinisch handeln, sondern auch wahrnehmen, beruhigen, informieren und begleiten. Dieser Aspekt der Pflege ist mindestens genauso wichtig wie das Verabreichen von Medikamenten oder das Anlegen von Verbänden.
In der Praxis wird dieser kommunikative und emotionale Anteil leider oft vernachlässigt, besonders unter Stress oder bei Personalmangel. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Denken, Fühlen, Verhalten und Wahrnehmung eng miteinander verknüpft sind. Deshalb ist dieser Teil der Pflegearbeit so zentral.
Von außen wirkt Pflege deshalb häufig wie ein einfacher Beruf. Ärzte sehen ihre Patient*innen oft nur kurz, Psycholog*innen kaum – Pflegende sind die Hauptansprechpartner. Ich bin überzeugt, dass Pflegende eine fundierte Ausbildung, idealerweise mit einem starken Anteil Psychologie, benötigen, um ihre Patient*innen umfassend unterstützen zu können.
Wie ist die Idee zu den „Wittener Werkzeugen“ entstanden? Warum braucht die Pflege einen eigenen, pflegespezifischen Beratungsansatz?
Die Wittener Werkzeuge wurden für die Pflege entwickelt und ab etwa 2010 durch Vorträge, Veröffentlichungen und Schulungen bekannt. Sie entstanden an der Universität Witten/Herdecke durch eine studentische Arbeitsgruppe unter Begleitung von Günter G. Bamberger und mir.
Ich habe viele Semester Psychologie an der Fernuni Hagen studiert und im Laufe der Zeit viel unterrichtet, sodass ich die unterschiedlichen psychologischen Ansätze gut kenne. Allerdings passen viele dieser Konzepte nicht direkt zur Pflegearbeit. Es gibt zwar eine große Bandbreite an Methoden, aber sie müssen speziell auf die Pflegesituation zugeschnitten werden.
Therapeutische Konzepte, wie geplante, zielorientierte Gespräche, funktionieren in der Pflege kaum. Hier braucht es einen anderen Ansatz: praxisnahe Werkzeuge, die situativ eingesetzt werden können. In der Pflege ergeben sich Gespräche oft spontan im Alltag, zum Beispiel beim Verbandwechsel oder bei Routinetätigkeiten. Dann kommen plötzlich Fragen oder Äußerungen von Patient*innen oder Angehörigen, die eine enorme Tiefe und Breite haben. Die Patient*innen testen oft, ob die Pflegenden ihnen wirklich zuhören – und genau in diesen Momenten beginnt die eigentliche Arbeit.
In der Pflege sind Beratung und Gespräch nicht getrennt. Viele kurze Gespräche entwickeln sich spontan zu tiefgehenden Lebensberatungen, obwohl die Zeit knapp ist. Das unterscheidet Pflege grundlegend von anderen Beratungsberufen. Im Baumarkt oder beim Autokauf gibt es Beratung – aber die existenzielle Not, die Unvorhersehbarkeit und die emotionale Intensität, die in der Pflege alltäglich sind, erfordern einen spezifischen Ansatz. Deshalb braucht Pflege ihre eigenen, flexiblen Werkzeuge.
Zu den Wittener Werkzeugen gehören beispielsweise Achtsamkeit, Mitgefühl, Ermutigung und Berührung – im Dialog mit Selbstachtung, Intuition, Selbst-Spürung und Selbststärkung. Was verbirgt sich konkret hinter diesen Begriffen?
Die Werkzeuge gibt es auch in anderen Bereichen, aber wir haben sie speziell für die Pflegearbeit weiterentwickelt. In unserer Arbeitsgruppe haben wir über 15 Jahre daran gearbeitet: viel gelesen, diskutiert, in der Praxis ausprobiert und in mehreren Einrichtungen umgesetzt – immer wieder angepasst.
Es geht um Achtsamkeit, Einlassung, Mitgefühl, Ermutigung und Berührung. Früher sprach man von Empathie; die Forschung hat sich jedoch weiterentwickelt. Berührung ist in der Pflege besonders wichtig, weil sie oft lange Gespräche ersetzt und unmittelbare Nähe schafft – typisch für einen Berührungsberuf. Ermutigung bedeutet, Hoffnung zu geben und Patient*innen positiv zu unterstützen, ein Thema, zu dem ich auch ein Buch zur Hoffnungsförderung plane.
Einlassung bezeichnet die Fähigkeit, wahrzunehmen, dass jemand in Not ist, und sich dem zuwenden zu können. Bamberger betont, dass man nicht alle Werkzeuge perfekt beherrschen muss: Wer eines gut einsetzt, kann bereits viel bewirken.
Neben den patient*innenbezogenen Werkzeugen ist Self-Care zentral. Pflegende lernen in der Ausbildung oft nicht, auf sich selbst zu achten. Empathie und Engagement sind gefordert, aber die eigene Selbstfürsorge bleibt häufig auf der Strecke – das führt zu Burnout oder Coolout. Deshalb haben wir die Werkzeuge auch auf die Selbstpflege übertragen: Selbstachtsamkeit, Selbstmitgefühl, Selbsteinlassung. Es geht darum, diese Werkzeuge für sich selbst handhabbar zu machen. Nur wer achtsam ist und sich selbst reflektiert, kann wahrnehmen, was Patientinnen brauchen und sich angemessen einlassen.
Die Self-Care-Werkzeuge sind also keine neuen Konzepte, sondern die patient*innenbezogenen Ansätze für die eigene Praxis angewandt. Sie sollen Pflegende dabei unterstützen, die Werkzeuge bewusst zu durchdenken, auszuprobieren und im Alltag anzuwenden.
Pflegefachpersonen arbeiten oft unter großem Zeitdruck. Wie können die Wittener Werkzeuge trotzdem im Alltag – auch in kurzen Begegnungen mit Patient*innen – angewendet werden?
Es geht dabei gar nicht um lange Gespräche, sondern oft um Minutenbegegnungen. Das Wichtigste ist, dass Pflegende jede Interaktion bewusst nutzen – auch während einer Tätigkeit wie dem Wechseln einer Infusionsflasche oder eines Verbands. Jede Begegnung kann zur Kommunikation werden.
Dabei geht es um Achtsamkeit: Patient*innen bewusst anschauen, kleine positive Gesten zeigen, ein Lächeln, Nicken, eine Berührung oder ein Kompliment. Die meisten Menschen möchten wahrgenommen und beachtet werden. Das kostet nur wenige Sekunden: Augenkontakt aufnehmen, fragen, ob etwas benötigt wird.
Zeitdruck ist dabei keine Ausrede. Selbst kurze Begegnungen können genutzt werden, um Beziehung und Vertrauen aufzubauen und die Interaktion zu stärken. Auch kleine Gesten haben eine große Wirkung.
Im Buch wird auch das Konzept „Team Care“ vorgestellt. Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit im Team, damit solche Kommunikationsansätze im Pflegealltag wirklich funktionieren?
Wir haben festgestellt, dass es in fast jedem Team Menschen gibt, die diese Werkzeuge bereits von sich aus umsetzen. Diese Personen brauchen die Werkzeuge eigentlich nicht – aber sie sind eher die Ausnahme, vielleicht eine*r von fünfzehn.
Grundsätzlich muss diese kommunikative Arbeit zum Selbstverständnis des gesamten Teams gehören und wertgeschätzt werden. Die Teamleitung spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie sollte solche Leistungen hervorheben, ansprechen und dokumentieren. In der Pflegedokumentation wird das bisher kaum berücksichtigt; viele Studien befassen sich fast ausschließlich mit Tätigkeiten. Dabei ist die personenzentrierte Arbeit entscheidend, und die Beschreibung von Patient*innen variiert stark je nach Pflegenden.
Deshalb ist es wichtig, dass kommunikative Arbeit im Team besprochen, unterstützt und anerkannt wird. Personen, die diese Arbeit besonders gut leisten, sollten gelobt werden, und andere sollten ermutigt werden, sich dies abzuschauen und zu übernehmen. Ich würde sagen, etwa zwei Drittel der Pflegearbeit besteht aus dieser kommunikativen Arbeit. Und sie ist immer Teamarbeit. Darum ist es so wesentlich, dass Teams regelmäßig darüber sprechen und sich gegenseitig unterstützen.
Wenn mehr Einrichtungen mit den Wittener Werkzeugen arbeiten würden – was könnte sich Ihrer Meinung nach für Pflegende, Teams und Patient*innen verändern?
Alles verändert sich – das ist klar. Früher war der kommunikative Teil der Pflege besonders wichtig, heute ist er fast verschwunden. Nicht nur durch den Pflege-Notstand, sondern auch, weil er zunehmend nur noch theoretisch vermittelt wird. Wir haben nur sehr wenige Studierende, und die Akademisierung ist in dieser Hinsicht bislang gescheitert. Ich habe die Sorge, dass die kommunikative Arbeit immer weniger gelehrt wird.
Pflegende vermissen diesen Teil der Arbeit sehr. Viele verlassen den Beruf oder brechen die Ausbildung ab, weil sie in die Pflege gehen, um Menschen wirklich zu helfen, und dann feststellen, dass Hilfe oft nur auf wenige Tätigkeiten reduziert wird. Die kommunikative Arbeit ist aber entscheidend – sie macht Pflegende zufriedener und sorgt dafür, dass Patient*innen sich besser wahrgenommen fühlen, selbst in kurzen Begegnungen.
Ich bin überzeugt, dass sich das gesamte Gesundheitswesen verändern würde, wenn diese Arbeit systematisch gestärkt würde. Ärzt*innen berichten ja ähnlich: Drei-Minuten-Medizin bei niedergelassenen Praxen ist ein Problem. Gleichzeitig gibt es praktisch keine fundierte Pflegeforschung. Die wenigen kleinen Studien werden kaum finanziert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Forschung belegen würde: Pflegende, die auf die Bedürfnisse von Patient*innen eingehen, sorgen dafür, dass diese selbständiger werden, gesundheitlich stabiler bleiben und langfristig weniger Kosten im Gesundheitswesen verursachen. Wenn Patient*innen im Akutbereich besser auf ihre Krankheit vorbereitet, informiert und unterstützt werden, steigert das Gesundheit und Zufriedenheit.
Die interaktive, kommunikative Arbeit in der Pflege wird bislang kaum untersucht, weil sie so beiläufig erscheint – aber das ist ein großer Fehler. Sie verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Praxis. Eine stärkere Fokussierung auf Kommunikation würde vieles im Gesundheitswesen verbessern – für Pflegende, Patient*innen und das System insgesamt.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Angelika Zegelin
Prof. Dr. Angelika Zegelin Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin, Magisterabschluss Erziehungswissenschaften, langjährige Tätigkeit in der Pflege- Aus- und Weiterbildung, von 1995 bis 2015 Curriculumbeauftragte im Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke, Promotion zum Thema Bettlägerigwerden, Honorarprofessur der Mathias-Hochschule Rheine, Arbeitsschwerpunkte: Patienten-und Familienedukation, Mobilitätsförderung im Altenheim, Sprache und Pflege, Professionalisierung. Seit 8/2015 im Ruhestand. Zahlreiche Publikationen, vielfältige Gremienarbeit, mehrere Auszeichnungen, u.a. Bundesverdienstorden.
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