Wie moderne Personalentwicklung Orientierung in der flexiblen und digitalen Arbeitswelt schafft
Die digitale und flexible Arbeitswelt stellt Mitarbeitende und Führungskräfte vor neue Anforderungen – von der Nutzung digitaler Technologien und KI bis zur Zusammenarbeit in hybriden Strukturen. Personalentwicklung muss dafür passende Kompetenzen fördern und Rahmenbedingungen schaffen, die Autonomie, Kompetenz und soziale Einbindung unterstützen. Der Band «Personalentwicklung in der digitalen und flexiblen Arbeitswelt» aus der Reihe «Praxis der Personalpsychologie» erklärt zentrale Modelle zu Motivation und Wohlbefinden, zeigt praktische Handlungsempfehlungen und veranschaulicht diese anhand von Fallbeispielen zu Homeoffice und Vier-Tage-Woche. Wir haben mit den Autor*innen Dr. Arabella Mühl, Dr. Eva Straus und Prof. Dr. Christian Korunka über die Herausforderungen und Chancen der neuen Arbeitswelt gesprochen.
Welche zentralen Herausforderungen bringt die digitale und flexible Arbeitswelt aktuell für die Personalentwicklung mit sich?
Die digitale und flexible Arbeitswelt stellt die Personalentwicklung aktuell vor mehrere zentrale Herausforderungen, da Mitarbeitende und Führungskräfte veränderten Arbeitsanforderungen begegnen. So sind Mitarbeitende beispielsweise stärker gefordert, ihre Arbeit selbst zu strukturieren, Arbeitsort und -zeit zu planen und Grenzen zu setzen, wenn sie zeitlich und örtlich flexibel arbeiten. Auch müssen sich Mitarbeitende zunehmend digitale Kompetenzen aneignen und mit Informations- und Kommunikationsmedien sowie mit Künstlicher Intelligenz umgehen lernen, um in digitalen und flexiblen Arbeitsumgebungen gesund und produktiv arbeiten zu können. Gleichzeitig verändert sich die Kommunikation, Möglichkeiten für spontane Gespräche und Austausch gehen zurück und das Risiko für soziale Isolation steigt. Führung auf Distanz verlangt neue Fähigkeiten und Rollenverständnisse. So sehen sich Führungskräfte vor der Herausforderung digital zu führen, eine Balance zwischen Struktur und Autonomie herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Die Personalentwicklung ist hier besonders gefordert, da es eine ihrer zentralen Aufgaben ist, die Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen: Sie muss Herausforderungen erkennen, unterstützende Maßnahmen zur Bewältigung veränderter Anforderungen entwickeln und umsetzen und sich dabei selbst an die zunehmend schnellen Veränderungen in der Arbeitswelt anpassen. Dabei soll sie sicherstellen, dass grundlegende Bedürfnisse der Mitarbeitenden nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung erfüllt werden – auch wenn digital und flexibel gearbeitet wird. Der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz verändert zudem Anforderungen und Ressourcen bei der Arbeit. Die Personalentwicklung steht vor der Aufgabe, KI so zu begleiten, dass sie als unterstützende Ressource wirkt – etwa durch lernförderliches Feedback – und nicht als Kontrollinstrument erlebt wird, das Autonomie oder Kompetenzwahrnehmung beeinträchtigt.
Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf in Organisationen, um diese Herausforderungen gut zu bewältigen?
Der größte Handlungsbedarf liegt in einer strategischen und evidenzbasierten Weiterentwicklung der Personalentwicklung. Organisationen sollten nicht nur digitale Prozesse einführen und Infrastruktur bereitstellen. Vielmehr müssen sie gezielt digitale Kompetenzen sowie Selbstmanagement- und Reflexionskompetenzen fördern, um Mitarbeitenden jene Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie brauchen, um veränderte Anforderungen erfolgreich zu bewältigen. Gleichzeitig sollen sie klare Strukturen schaffen und gemeinsam getragene Regeln (z.B. zur digitalen Kommunikation und Erreichbarkeit) erarbeiten, um Motivation, Wohlbefinden und Produktivität zu fördern. Eine erfolgreiche Digitalisierung und Flexibilisierung erfordern außerdem, die Veränderung und Anpassung bestehender Prozesse, um weiterhin sozialen wie formellen Austausch, produktive Zusammenarbeit und Lernen zu ermöglichen. Besonders wichtig ist außerdem eine Neuausrichtung der Führungskräfteentwicklung hin zu vertrauensbasierter und autonomieunterstützender Führung. Vor diesem Hintergrund sollte die Personalentwicklung den Einsatz von KI gezielt integrieren. Beispielsweise zeigt sich, dass Führungskräfte KI-gestütztes Feedback mit persönlichem, wertschätzendem Feedback verbinden sollten, da Feedback je nach Quelle unterschiedlich auf Motivation, Kompetenz- und Autonomieerleben wirkt.
Was beinhaltet die Arbeitsanforderungen-Ressourcen-Theorie und wofür kann man sie nutzen?
Die Arbeitsanforderungen-Ressourcen-Theorie unterscheidet zwischen Arbeitsanforderungen, deren Bewältigung mit Aufwand einhergeht und Energie kostet, und Arbeitsressourcen, die motivierend wirken. Anforderungen wie Zeitdruck oder emotionale Belastung führen zu Erschöpfung, während Ressourcen wie Autonomie, soziale Unterstützung oder Feedback Arbeitsengagement fördern und die Auswirkungen von Arbeitsanforderungen abschwächen. Stehen hohen Anforderungen zu wenige Ressourcen gegenüber, steigt die Belastung und Leistung sowie Wohlbefinden werden beeinträchtigt. Sind Ressourcen in angemessenem Ausmaß vorhanden, fördern sie Motivation, Leistung und Wohlbefinden. Im Rahmen der Digitalisierung und Flexibilisierung haben sich Anforderungen und auch Ressourcen verändert: So sind beispielsweise kognitive Anforderungen an die Planung und Strukturierung der Arbeit gestiegen, während zunehmende Kontrolle über die Arbeitszeit eine Ressource darstellt. Die Theorie eignet sich besonders gut, um Arbeitsbedingungen systematisch zu beurteilen, gesundheitsförderliche Arbeit zu gestalten, gezielte Maßnahmen zu entwickeln und flexible Arbeitsmodelle oder New-Work-Initiativen wissenschaftlich fundiert zu evaluieren.
Welche Kompetenzen sollten aus Ihrer Sicht heute besonders im Fokus der Personalentwicklung stehen?
Im Zentrum der Personalentwicklung sollten heute Kompetenzen stehen, die Selbststeuerung und Zusammenarbeit in sich wandelnden und digitalen Kontexten ermöglichen. Dazu zählen insbesondere Selbstmanagement und selbstorganisiertes Handeln aber auch der bewusste Umgang mit eigenen Ressourcen und Grenzen, um Erholung und die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zu gewährleisten. Auch digitale Kompetenzen sollten besonders im Fokus stehen: Neben Kompetenzen in Bezug auf Datenschutz, Cybersicherheit und den Umgang mit Informations- und Kommunikationsmedien, rückt zunehmend der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ins Zentrum. Ebenso wichtig sind Reflexions- und Lernfähigkeit sowie der konstruktive Umgang mit Veränderungen. Führungskräfte übernehmen zunehmend eine Coachingrolle, wodurch Vertrauensaufbau, das Geben von wertschätzendem Feedback und die Fähigkeit, Sinn und Orientierung zu vermitteln, an Bedeutung gewinnen.
Welche Rolle spielen psychologische Grundbedürfnisse für Motivation und Wohlbefinden in flexiblen Arbeitssettings?
Grundsätzlich spielen die psychologischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung in allen Arbeitskontexten eine zentrale Rolle für Motivation und Wohlbefinden. Wenn Menschen selbstbestimmt handeln können, ihre Aufgaben kompetent bewältigen und sich zu ihrem Team zugehörig fühlen, steigt ihre Motivation. Wird die Erfüllung dieser Bedürfnisse hingegen behindert, etwa durch Kontrolle, fehlende Anerkennung oder soziale Ausgrenzung, kann dies zu geringerer Motivation und Belastung führen. Autonomie, das Erleben von Kompetenz und soziale Einbindung sind also entscheidend dafür, wie motiviert, produktiv und gesund Mitarbeitende sind. Flexible Arbeitsmodelle bieten Chancen für die Erfüllung dieser Bedürfnisse, besonders für das Bedürfnis nach Autonomie. Gleichzeitig entstehen Risiken. Entsprechend braucht es Strukturen, an denen sich Mitarbeitende orientieren können sowie Möglichkeiten für die Kompetenzentwicklung und wertschätzendes Feedback. Besonders wichtig ist es, soziale Einbindung der Mitarbeitenden auch auf Distanz zu fördern, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu steigern. Das Potenzial von digitaler und flexibler Arbeit kann sich nur dann entfalten, wenn Organisationen nicht einseitig auf Autonomie setzen, sondern auch Zugehörigkeit und Kompetenzentwicklung fördern. Die Grundbedürfnisse bieten damit einen wichtigen Orientierungsrahmen für die Gestaltung moderner Arbeit.
Worauf sollte HR achten, damit Autonomie im flexiblen Arbeiten nicht zur Überforderung wird?
Autonomie ist sowohl eine zentrale Ressource als auch ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis und trägt zu Motivation, Leistung und Wohlbefinden bei. Sie kann aber auch überfordern, wenn Orientierung und Unterstützung fehlen. HR sollte deshalb darauf achten, dass Autonomie stets mit klaren Erwartungen und unterstützenden Strukturen verbunden ist. Transparente Regeln zu Erreichbarkeit, Kommunikation und Arbeitszeiten sind essenziell, um erweiterte Erreichbarkeit zu vermeiden. Gemeinsame, klare Zielvereinbarungen bieten Orientierung und reduzieren Unsicherheiten. Zusätzlich sollten Mitarbeitende beim Priorisieren von Aufgaben, Planen von Arbeitszeit und -ort und bei der Selbstregulation unterstützt werden. Führungskräfte können Mitarbeitende unterstützen, indem sie einen autonomieunterstützenden Führungsstil zeigen, bei dem Mitarbeitenden Wahlmöglichkeiten eröffnet werden, informativ statt kontrollieren kommunizieren und Belohnungen sowie Sanktionen vermeiden. Dabei sollen Ziele und Erwartungen trotzdem klar gemacht und Unterstützung angeboten werden. Regelmäßiges Feedback und Reflexion helfen, Überforderung frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.
Welche Unterstützung brauchen Führungskräfte aus Sicht der Personalentwicklung besonders dringend?
Um in digitalen und flexiblen Kontexten wirksam und gesundheitsförderlich zu führen, benötigen Führungskräfte vor allem Unterstützung bei der Neudefinition ihrer Rolle. Statt Kontrolle steht zunehmend das Ermöglichen von Leistung, Entwicklung und Wohlbefinden im Vordergrund. Dazu brauchen sie Trainings in vertrauensbasierter und autonomieunterstützender Führung, im Geben von wertschätzendem Feedback und im Umgang mit Leistungseinschätzung auf Distanz. Sie müssen Mitarbeitende zunehmend aktiv einbeziehen, übernehmen eine Coachingfunktion und unterstützen Mitarbeitende beim Setzen und Verfolgen von gemeinsamen Zielen. Austausch mit anderen Führungskräften und eine Entlastung von administrativen Aufgaben sind ebenfalls zentrale Unterstützungsfaktoren.
Was ist die wichtigste Erkenntnis aus Ihren Fallstudien zur 3-Tage-Homeoffice-Regelung und Einführung einer komprimierten 4-Tage-Woche?
Die wichtigste Erkenntnis aus den Fallstudien ist, dass die Einführung flexibler Arbeitsmodelle wie einer 4-Tage-Woche oder Homeoffice maßgeblich von ihrer Gestaltung abhängen. Damit Motivation und Wohlbefinden erhalten bleiben (oder verbessert werden können), müssen Ziele klar definiert, Veränderungen transparent kommuniziert und ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Das Wohlbefinden der Mitarbeitenden verbessert sich insbesondere dann, wenn die Regelungen als fair wahrgenommen werden, Mitarbeitenden ein Mitspracherecht eingeräumt wird, Führungskräfte Veränderungsprozesse unterstützen und Teams gemeinsam Regeln ableiten. Nachhaltige Effekte entstehen vor allem dann, wenn flexible Modelle von gezielter Personalentwicklung und kontinuierlicher Evaluation begleitet werden.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. Arabella Mühl
Dr. Arabella Mühl, geb. 1995. 2015-2021 Studium der Psychologie in Wien. 2021-2025 Promotion in Wien. Seit 2025 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Wien sowie am Institut für Managementwissenschaften der TU Wien. Arbeitsschwerpunkt: Arbeits- und Organisationspsychologie, psychische Belastung am Arbeitsplatz, flexibles Arbeiten, Veränderungsprozesse.
Dr. Eva Straus
Dr. Eva Straus, geb. 1995. 2014–2020 Studium der Psychologie in Frankfurt am Main. 2017–2023 Country Manager Germany bei Project Cece e.V. 2020-2024 Promotion in Wien. Seit 2019 Partner der Paathshala Trust NGO in Indien, Jaipur. 2024 Dozentin an der Universität von Amsterdam. 2024 Arbeitspsychologin beim Arbeitsmedizinischen und Sicherheitstechnischen Zentrum Linz. 2025 Personalkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen e.V. in Côte d’Ivoire. 2026 Externe Wissenschaftlerin an der KU Leuven.
Prof. Dr. Christian Korunka
Prof. Dr. Christian Korunka, geb. 1959. 1979–1986 Studium der Psychologie in Wien. 1979-2006 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Wien. 1997 Habilitation. 1996 und 1999 Visiting Professor an der University of Wisconsin, Madison, USA. 2007-2024 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Psychologie, Universität Wien. 2024 Emeritierung. Arbeitsschwerpunkt: Veränderungen in der Arbeitswelt.
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