Wie man Frauen mit ADHS gezielt unterstützen kann
Mit dem Buch “ADHS bei Frauen” bietet Neuropsychologin Julia Frey einen umfassenden Überblick zum Thema. Wir haben mit ihr über die Schwierigkeiten in der Diagnostik und die Besonderheiten der ADHS bei Mädchen und Frauen gesprochen. Auch Möglichkeiten der Therapie und wirkungsvolle Unterstützung kommen zur Sprache sowie die wichtige Rolle der Ressourcenstärkung.
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ADHS bei Frauen wird trotz wachsender Aufmerksamkeit noch häufig spät erkannt. Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Lücken in Diagnostik und Versorgung?
Dass ADHS bei Mädchen und Frauen seltener erkannt wird, ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Beispielsweise wird mit den Diagnosekriterien in erster Linie das typische Bild des «Zappelphillips» erfasst, obwohl sich ADHS gerade bei Mädchen und Frauen auch anders zeigen kann. Zudem zeigen sich die Symptome bei Mädchen und Frauen teilweise erst später in einem klinisch relevanten Ausmass, gleichzeitig werden die gleichen Symptome geschlechterabhängig beispielsweise von Eltern oder Lehrpersonen anders interpretiert, wobei bei Jungen eher eine Abklärung empfohlen wird.
Zum einen müssen wir verstehen, warum diese Mädchen keine Diagnose erhalten haben, denn das ist auch für die Diagnostik im Erwachsenenalter relevant. Zum anderen gibt es zwar mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema, aber nach wie vor fehlt an vielen Stellen Wissen und bestimmte Aspekte werden noch zu wenig berücksichtigt. Fachpersonen müssen sich diese Expertise jedoch meist selber und auf eigene Initiative aneignen, da gendermedizinisches Wissen in Ausbildung und Weiterbildung insgesamt noch keinen ausreichend hohen Stellenwert hat.
Die Abgrenzung zu anderen Störungsbildern – insbesondere Depressionen – ist zentral. Welche diagnostischen Fallstricke begegnen Ihnen hier am häufigsten?
Gerade beim Thema Depression, das sehr häufig gemeinsam mit ADHS vorkommt, kann die differentialdiagnostische Einordnung herausfordernd sein. Frauen erhalten häufig zuerst eine Depressionsdiagnose – deutlich häufiger als Männer. Das kann zu einer sogenannten Symptomüberschattung führen: Alles, was später berichtet wird, wird dann der Depression zugeschrieben, und eine zusätzliche ADHS bleibt unerkannt.
Gleichzeitig entwickeln viele Frauen mit primärer, aber nicht erkannter ADHS im Laufe ihres Lebens depressive Symptome, etwa aufgrund dauerhafter Kompensationsleistungen und chronischer Überforderung. Dann ist es diagnostisch wichtig zu unterscheiden, ob die depressive Symptomatik Folge der unerkannten ADHS ist oder ob ADHS-ähnliche Symptome ausschließlich im Rahmen der Depression auftreten. Hier ist eine sehr sorgfältige, differenzierte Anamnese entscheidend. Das gilt auch für andere Störungsbilder, bei denen es Symptomüberschneidungen gibt. Gerade Konzentrationsprobleme können bei diversen anderen Erkrankungen auftreten.
Wichtig ist dabei: Wenn einer Depression tatsächlich eine ADHS zugrunde liegt, kann eine ADHS-spezifische Behandlung oft deutlich wirksamer sein und einen Wendepunkt in der Therapie darstellen.
ADHS ist eine entwicklungsbezogene Störung mit Beginn in der Kindheit. Welche Bedeutung hat die biografische Anamnese gerade bei Frauen, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden?
Die biografische Anamnese ist immer ein zentraler Bestandteil der Abklärung. Bei Frauen ist es oft so, dass die Kindheit rückblickend als „unauffällig“ beschrieben wird. Dennoch muss man genau hinschauen: Welche Kompensationsstrategien gab es? Wie hoch war das kognitive Leistungsniveau? Gab es viel äußere Struktur, zum Beispiel durch das Elternhaus? Gab es ein Geschwisterkind, das viel auffälliger war?
Manche Mädchen konnten Symptome durch hohe Intelligenz oder starke Anpassungsleistung lange kompensieren. Gute Schulnoten oder angepasstes Sozialverhalten schließen eine ADHS nicht aus. Gerade rückblickend sind Auffälligkeiten oft nicht in dem Ausmaß dokumentiert, wie man es vielleicht erwarten würde. Deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell zu sagen: „Die Zeugnisse waren unauffällig, also liegt keine ADHS vor.“ Man muss hinter die Fassade schauen und das gesamte System betrachten, in dem das Mädchen aufgewachsen ist.
Wie zeigt sich ADHS bei Frauen im klinischen Alltag konkret anders als in den klassischen Lehrbuchbeschreibungen – und worauf sollten Fachpersonen besonders achten?
Es gibt durchaus Frauen, die dem klassischen Bild entsprechen. Dennoch sind Frauen im Durchschnitt oft angepasster und weniger auffällig. Hyperaktivität zeigt sich häufig subtiler oder eher nach innen gerichtet, etwa als innere Unruhe. Dadurch wird der Leidensdruck oft unterschätzt, obwohl er genauso hoch sein kann. Bei Mädchen zeigt sich Hyperaktivität beispielsweise häufiger im verbalen Bereich, etwa durch viel Reden. Das Symptom ist im Kern dasselbe, zeigt sich aber anders. Diese Aspekte werden in vielen Fragebögen teilweise kaum erfasst. Das ist mitunter darauf zurückzuführen, dass die Diagnosekriterien auf Stichproben basieren, welche überwiegend aus Jungen bestehen und somit in erster Linie das Verhalten von Jungen beschreiben.
Hinzu kommt die langfristige Kompensationsleistung, die im Erwachsenenalter häufig in Erschöpfungszuständen mündet. Das klinische Bild ähnelt dann zunächst eher einer Erschöpfung als dem klassischen ADHS-Stereotyp.
Welche Rolle spielen hormonelle Veränderungen – etwa im Zyklus oder in den Wechseljahren – für Symptomatik und diagnostische Einordnung?
Wir wissen, dass sich ADHS-Symptome im Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen verändern können. In der prämenstruellen Zyklusphase, wenn der Östrogenspiegel sinkt, können ADHS-Symptome deutlicher hervortreten – kognitiv wie emotional. Auch in den Wechseljahren wird häufig eine Zunahme der Symptomatik beschrieben, wobei es dazu noch wenig Forschung gibt.
Gleichzeitig treten während der Wechseljahre auch ohne ADHS oft Symptome auf, die einer ADHS ähneln können. Viele Frauen berichten in dieser Lebensphase von kognitiven Defiziten wie Vergesslichkeit, erhöhter Ablenkbarkeit und Brainfog. In der Diagnostik ist daher entscheidend zu klären, ob es sich um eine hormonell bedingte vorübergehende Symptomatik handelt oder um die Akzentuierung einer vorbestehenden ADHS.
Sie haben es erwähnt: Viele Frauen haben gelernt, ihre Schwierigkeiten lange zu kompensieren und „nach außen zu funktionieren“. Was bedeutet diese Anpassungsleistung auf Dauer?
Viele Frauen investieren enorm viel Energie in alltägliche Dinge, die für andere selbstverständlich sind. Das bleibt oft lange unsichtbar. Gleichzeitig leidet der Selbstwert, weil vieles trotz großer Anstrengung nicht gelingt. Es entstehen Schuld- und Schamgefühle sowie das Gefühl, grundsätzlich unzulänglich zu sein.
Das gilt für viele Lebensbereiche, etwa Organisation im Alltag, soziale Kontakte oder Mutterschaft. Die ständige Anpassung, der Versuch, Erwartungen zu erfüllen, und die Angst vor Kontrollverlust führen langfristig zu Erschöpfung. Manchmal gibt es im Erwachsenenalter einen konkreten Auslöser, beispielsweis der Beginn der Mutterschaft, der dann zur sogenannten Dekompensation führt – ein Ereignis, das das ohnehin fragile Gleichgewicht zum Einsturz bringt.
Sie beschreiben auch Stärken, die mit ADHS einhergehen können. Was würden Sie Frauen sagen, die ihre Diagnose zunächst vor allem als Belastung erleben?
Diagnosen im Erwachsenenalter können auch entlastend wirken, weil biografische Erfahrungen neu eingeordnet werden können. Ein wichtiger Schritt ist zudem, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen. Welche Annahmen über sich selbst stimmen wirklich? Jede Schwäche hat auch eine Kehrseite, also potenzielle Stärken. Ein ressourcenorientierter Blick ist zentral.
Wenn man die eigenen Stärken und Schwächen kennt, ist es möglich, den Alltag besser darauf abzustimmen. Hier gibt es oft kleine Spielräume in Aufgabenverteilung, Kommunikation von Bedürfnissen und Alltagsgestaltung – ohne alles komplett umkrempeln zu müssen. Es geht oft nicht darum, sich mit noch mehr Strategien weiter anzupassen, sondern auch um Akzeptanz und Selbstmitgefühl. Ziel ist nicht, wie eine Frau ohne ADHS zu funktionieren, sondern ein Leben zu gestalten, das möglichst zur eigenen Neurodivergenz passt.
Julia Frey
Mit dem Interesse für das menschliche Sein – dafür, was uns beschäftigt, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen und was uns dabei unterstützt – sowie der großen Faszination für das menschliche Gehirn findet Julia Frey mit der Neuropsychologie einen Fachbereich, der ihre Interessen verbindet. Während des Psychologiestudiums an der Universität Basel vertiefte sie ihr Wissen bei ihrer Tätigkeit in der Hirnforschung und nach dem Masterabschluss im Rahmen der langjährigen Arbeit als klinische Neuropsychologin in verschiedenen Schweizer Akutspitälern. Seit mittlerweile mehreren Jahren arbeitet sie als Neuropsychologin in eigener Praxis in Zürich und Aarau und bietet diagnostische Abklärungen und Coachings an. Ihr diagnostisches Angebot richtet sich neben kognitiver Abklärungen von Patient:innen aus dem gesamten Spektrum vermuteter oder bekannter zerebraler Störungsbilder insbesondere an Erwachsene mit dem Verdacht auf ADHS und ASS. Sie unterstützt zudem Menschen mit ADHS in ihren Coachings und vermittelt Wissen in verschiedenen Formaten zum Thema Neurodiversität und im Speziellen zu ADHS bei Frauen.
Das sagt der Dorsch zu:
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) [engl. attention deficit hyperactivity disorder (ADHD)], [KLI], zählt zu den externalisierenden Verhaltensstörungen. Die Symptomatik wird von der Symptomtrias der Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität geprägt. Symptome der Unaufmerksamkeit werden im Alltag bspw. durch Unachtsamkeit bei der Bearbeitung von (Schul-)Aufgaben, einer starken Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten in der (längerfristigen) Fokussierung auf eine konkrete Tätigkeit oder ein Spiel sowie Unorganisiertheit oder Vergesslichkeit bei der Erledigung von Alltagstätigkeiten deutlich. Symptome der Hyperaktivität finden in ausgeprägten Schwierigkeiten ruhig zu sitzen (insbes. in Situationen, in denen dies verlangt ist), einem exzessiven Bewegungsdrang, welcher im Jugend- und/oder Erwachsenenalter einer inneren Unruhe oder Anspannung weichen kann, sowie einem starken Redefluss und einer mangelnden Fähigkeit, sich ruhig mit einer Freizeitaktivität zu beschäftigen, …
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