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Warum Feindseligkeit in der Pflege nicht folgenlos bleibt

Von Prof.in Dr. Sandra Bensch.

Der Berufsalltag ist mitunter von feindseligem Verhalten unter Kolleg*innen geprägt. In der beruflichen Pflege handelt es sich aktuell um ein vielbeachtetes Phänomen. Feindseligkeit bleibt nicht ohne Folgen. Sie führt bei den Betroffenen zu Gefühlen von Ohnmacht, Abstumpfung und Monotonie. Körperliche und psychische Erkrankungen entstehen, auch posttraumatische Belastungs-, Herz-Kreislauf- und Verdauungsstörungen. Es entstehen immense volkswirtschaftliche Schäden, wenn beruflich Pflegende kündigen oder ganz den Pflegeberuf verlassen. Es liegen Daten vor, dass sich dadurch Gesundheitsversorgung und Pflegequalität verschlechtern.

Pflegekräfte sitzen am Boden in einer Reihe und sehen sich nicht an und sprechen nicht miteinander

Bild: Getty images

Die Spirale aus Abwertung und Ignoranz im Pflegeteam

Feindseliges Verhalten unter Kolleg*innen passiert oft durch mehrere Personen und dauert länger, bevor Opfer bei sich Folgen bemerken. Beruflich Pflegende empfinden Feindseligkeit am Arbeitsplatz teilweise sogar als normal. Dies geschieht, wenn sie wiederholt Erfahrungen, z. B. mit negativer Kommunikation, gemacht haben und keine positiven Erlebnisse die Beziehungskultur zwischen Kolleg*innen korrigiert haben. Besonders vulnerabel sind Pflegelernende und Berufsanfänger*innen. Es passiert, dass insuffiziente «Vorbilder» sie anleiten bzw. einarbeiten. Das führt häufig zu Orientierungslosigkeit bei den lernenden bzw. neu ankommenden Personen (Bostian Peters, 2014). 

Das Erleben von Ausgrenzung, d.h., nicht zum Team zu gehören und nicht gehört bzw. gesehen zu werden, führt bei den Betroffenen zu Gefühlen von Ärger, Frustration und Isolation (Üzar-Özçetin et al., 2021; Minton & Birks, 2019). Die oft jungen, unerfahrenen Pflegenden erleben Erschütterungen ihres Selbstwertgefühls bzw. eine Bedrohung des Selbstkonzepts. Häufig verlieren sie jegliche Hoffnung auf Wertschätzung, Anerkennung und Weiterentwicklung. International ist dies als «Nurses eat their own Young» bekannt (Üzar-Özçetin et al., 2021; Courtney-Pratt et al., 2018; Minton & Birks, 2019). Im Deutschen zielt dieses Phänomen auf das leider vorhandene und fragwürdige Handlungsmuster «Pflegelernende brechen» ab: Ab einem bestimmten Punkt, wiederholt lächerlich gemacht oder als dumm behandelt worden zu sein, fühlen sich Pflegelernende inkompetent, unfähig bzw. nicht gut genug für diesen Beruf (Courtney-Pratt et al., 2018; Patel & Chrisman, 2020; Scardoelli et al., 2017). Lust und Fähigkeiten, für und im Pflegeberuf zu lernen, lassen nach, ebenso die Ambition, in der Ausbildung bzw. im Beruf zu verbleiben (Blanco-Donoso et al., 2019; Courtney-Pratt et al., 2018; Bostian Peters, 2014). 

Opfer von feindseligem Verhalten haben Angst, Täter*innen auf den Stationen, im OP oder den Büros wieder zu begegnen. In besonders schweren Fällen führt erlebte Feindseligkeit bei beruflich Pflegenden zu selbstverletzendem Verhalten und Suizid (Courtney-Pratt et al., 2018).

Innere Folgen feindseligen Verhaltens: Warum viele Belastungen im Pflegealltag unsichtbar bleiben

Die frühen Folgen von feindseligem Verhalten werden von den Betroffenen häufig vor- oder unterbewusst wahrgenommen. Da intrinsische Folgen latent sind, d.h. von außen nicht messbar, haben Außenstehende nur in begrenztem Maße Einsicht in körperliche und psychische Prozesse der Opfer feindseligen Verhaltens. Zu den inneren Folgen gehört als Erstes das Gefühl, verletzlich und verletzt worden zu sein. Gefühle von Ohnmacht, Niedergeschlagenheit, Machtlosigkeit und Verbitterung machen sich breit. Feindseligkeit wird vom Opfer als sehr schmerzvoll empfunden (Myers et al., 2016). Besonders geschlossene Systeme wie OP-Bereiche lassen Feindseligkeit am Arbeitsplatz als normal erscheinen, sodass sich Pflegefachpersonen bereits in Angstzuständen oder unter Adrenalin an ihren Arbeitsplatz begeben. Sie fühlen sich unter Druck. Panikattacken, Bauchschmerzen und Diarrhoen treten auf. Im weiteren Verlauf kommt es zu Schlafstörungen, Kopfschmerzen, mentaler und körperlicher Erschöpfung und Resignation (Lang et al., 2022; Patel & Chrisman, 2020; Minton & Birks, 2019). Man wolle einfach nur «überleben» und suche sich Hilfe bei Vertrauten am Arbeitsplatz, in der Familie oder bei Freund*innen (Courtney-Pratt et al., 2018).

Äußere Folgen im Berufsalltag: Kündigungen, Fluktuation und Verlust von Pflegequalität

Opfer von Feindseligkeit in der Pflege entwickeln nicht nur psychische und körperliche Krankheiten. Sie haben auch finanzielle Verluste und sind letzten Endes arbeits- oder gar erwerbsunfähig (Sanner-Stiehr, 2019). In einer Befragung australischer perioperativer Pflegefachpersonen (n = 344) wurde deutlich, dass 74 % von ihnen durch erlebtes feindseliges Verhalten persönliche Geldeinbußen hatten, von ≤ 9.999 bis ≥ 30.000 Dollar (Lang et al., 2022). Das Phänomen „Pflexit“, also der Ausstieg aus der Pflege, nimmt mittlerweile überdimensionale Ausmaße an. Pflegelernende verlassen das Ausbildungsprogramm (Üzar-Özçetin et al., 2021; Park & Kang, 2021). Mehr als 30 % der Berufsanfänger*innen wechseln innerhalb des ersten Jahres ihren Arbeitsplatz, wenn dort Feindseligkeit unter Pflegenden stattfindet. Der Arbeitsplatzwechsel gilt allgemein als eine der am häufigsten geplanten (engl.: intention to leave) oder umgesetzten Konsequenzen, um der Feindseligkeit zu entgehen (Sanner-Stiehr, 2017; Blanco-Donoso et al., 2019; Myers et al., 2016). Eine hohe Anzahl an Pflegefachpersonen verlässt den Pflegeberuf komplett, teilweise ohne den nächsten Arbeitsplatz in Aussicht zu haben (Vessey et al., 2009). 

Die maßgeblich schwerwiegendste Folge von Feindseligkeit in der Pflege ist der Einschnitt in die Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf. Begegnen sich beruflich Pflegende feindselig untereinander, vermeiden sie es, sich gegenseitig in Pflegetherapie und Betreuung der zu Pflegenden zu helfen. Sie ziehen sich zurück, vermeiden Kontakte und arbeiten lieber allein (Myers et al., 2016; Lang et al., 2022; Katurana et al., 2020). Durch Personalfluktuation bzw. fehlende Kommunikation und Zusammenarbeit der verbleibenden Mitarbeitenden steigen Medikamenten- und Behandlungsfehler sowie Sturz- und Dekubitusraten bei Menschen mit Pflegebedarf. Wiederbelebungsmaßnahmen verlaufen fehlerhaft und die Mortalität steigt. Die Patient*innensicherheit ist stark gefährdet (Katurana et al., 2020; Blanco-Donoso et al., 2019; Courtney-Pratt et al., 2018; Sanner-Stiehr, 2017; Myers et al., 2016; Vessey et al., 2009). Pflegelernende sind verunsichert und unterlassen Nachfragen, aus Angst vor negativen Konsequenzen (Minton et al., 2018; Patel & Chrisman, 2020).

Welche wirtschaftlichen Folgen feindseliges Verhalten in der Pflege verursacht

Eine hohe Fluktuation im Pflegeteam senkt nicht nur die Pflegequalität, sondern verursacht auch immense Kosten für die Einarbeitung von neuen Mitarbeitenden. Die Neuanwerbung einer Pflegefachperson kostet in den USA zwischen 22.000 und 64.000 Dollar (Fairbanks & Walrafen, 2013; Dellagesa & Volpe, 2014), ihre Einarbeitung zusätzliche 100.000 Dollar (Hubbard, 2014). Für Deutschland lassen sich hierzu noch keine verlässlichen Finanzdaten finden. Gesundheitsmitarbeitende, die in einem toxischen Umfeld arbeiten, reagieren mit sinkender Motivation, Produktivität und Kreativität. Statt Energie für die Entwicklung und Verbesserung von Versorgungsqualität in Organisationen bzw. Institutionen des Gesundheitswesens zur Verfügung zu stellen, legen Mitarbeitende ein Verhalten an den Tag, das mit «Dienst nach Vorschrift» zu bezeichnen ist (Myers et al., 2016; Patel & Chrisman, 2020; Blanco-Donoso et al., 2019; Scardoelli et al., 2017). Das führt für den jeweiligen Staat zu immensen volkswirtschaftlichen Schäden, z. B. in Australien in Höhe von 36 Mrd. Dollar jährlich (Lang et al., 2022). 

Einer der (selbst)schädigenden Auswege, mit dem sich verbleibende Gesundheitsmitarbeitende helfen, handlungsfähig zu bleiben, ist Depersonalisierung. Diese, zusammen mit emotionaler Erschöpfung, hängt statistisch hochsignifikant mit der Burnout-Rate beruflich Pflegender zusammen (r ≥ 0,44, p < 0,01). Depersonalisierung zeigt sich häufig in Zynismus. Patient*innen werden bei ihrer medizinischen Diagnose oder einem bestimmten Attribut («Die Niere!», «Pflegeei») benannt oder infantilisiert («Süße Omi»). Mitarbeitende werden auf ihre Funktionen reduziert («Schwester», «Arzt», «Schülerin») (Livne & Goussinsky, 2018; Lang et al., 2022). An dieser Stelle wird nicht nur eine ethische Problematik aufgeworfen; es ist auch ein «Spiel auf Raten», wann sich weitere unternehmens- und volkswirtschaftliche Schäden einstellen: Bei langandauernder Feindseligkeit am Arbeitsplatz steigt die Anzahl an Diagnosen bei beruflich Pflegenden wie Hypertonie, Tachykardie, Adipositas, Burnout, Depression, pseudoneurologische, thorakale und gastrointestinale Beschwerden und Fehlzeiten (Lang et al., 2022; Minton & Birks, 2019; Livne & Goussinsky, 2018; Scardoelli et al., 2017; Myers et al., 2016; Patel & Chrisman, 2020; Blanco-Donoso et al., 2019). Haarausfall, Schlaf-, Verdauungs- und Angststörungen, Schwächeanfälle bis Fatigue und posttraumatische Belastungsstörungen sind keine Seltenheit (Blanco-Donoso et al., 2019; Katurana et al., 2020, Scardoelli et al., 2017, Myers et al., 2016). Patient*innen wiederum sind mit der pflegerischen Versorgung unzufrieden und suchen sich andere Leistungsanbieter*innen (Patel & Chrisman, 2020; Dellagesa & Volpe, 2014).

Feindseliges Verhalten in der Pflege muss beendet werden

Es ist wichtig, bei feindseligem Verhalten in der beruflichen Pflege genau hinzuschauen, dieses anzusprechen und insbesondere organisational zu bearbeiten. Es ist erschreckend, wie schlecht es um die berufliche Pflege steht, auch in Staaten mit vermeintlich guten Bildungs- und Arbeitsbedingungen in der Pflege, wie in den USA oder Australien. In der Bundesrepublik Deutschland warnen teilweise Eltern und Großeltern ihre (Enkel)Kinder davor, eine Ausbildung in der Pflege aufzunehmen, aus Sorge um deren Gesundheit. Mit feindseligem Verhalten muss Schluss sein. Die berufliche Pflege muss aufhören, ihren Nachwuchs und sich gegenseitig zu attackieren. Zur Stärkung der Berufsorganisation erscheint es sinnvoll, systematisch zu analysieren, welche Machtdynamiken prekäre Situationen in der beruflichen Pflege schaffen und was beruflich Pflegende benötigen, um berufliche Aufgaben zu ihrer Zufriedenheit umsetzen zu können. Dies ist keine leichte Aufgabe, denn Veränderungserfordernisse liegen auf mehreren Ebenen – von gesetzlicher bis individueller – und bedürfen gemeinsamer Anstrengungen. Erfolge erscheinen allerdings vielversprechend: Gesunde beruflich Pflegende können Patient*innen in ihrer Rekonvaleszenz wirkungsvoll unterstützen.

Literatur

Blanco-Donoso, L.-M., Amutio, A., Moreno-Jimenez, B., Del Carmen Yeo-Ayala, M., Hermosilla, D., & Garrosa, E. (2019). Incivility at work, upset at home? Testing the cross-level moderation effect of emotional dysregulation among female nurses from primary health care. Scandinavian Journal of Psychology, 60, 267-276.

Bostian Peters, A. (2014). Faculty to Faculty Incivility: Experiences of Novice Nurse Faculty in Academia. Journal of Professional Nursing, 30(3), 213-227.

Courtney-Pratt, H., Pich, J., Levett-Jones, T., & Moxey, A. (2018). “I was yelled at, intimidated and treated unfairly”: Nursing students’ experiences of being bullied in clinical and academic settings. Journal of Clinical Nursing, 27, e903-e912.

Dellasega, C., & Volpe, R. L. (2014). An Exploration of Relational Aggression in the Nursing Workplace. The Journal of Nursing Administration, 44(4), 212-218.

Fairbanks, A., & Walrafen, N. (2013). Tackling Horizontal Violence. Nursing Economics$, 31(1), 42-43.

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Karatuna, I., Jönsson, S., & Muhonen, T. (2020). Workplace Bullying in the Nursing Profession: A cross-cultural Scoping Review. International Journal of Nursing Studies, 11(103628), e1-e19.

Lang, M., Jones, L., Harvey, C., & Munday, J. (2022). Workplace bullying, burnout and resilience amongst perioperative nurses in Australia: A descriptive correlational study. Journal of Nursing Management, 30, 1502–1513.

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Myers, G., Côté-Arsenault, D., Worral, P., Rolland, R., Deppoliti, D., Duxbury, E., . . . Sellers, K. (2016). A cross-hospital exploration of nurses’ experiences with horizontal violence. Journal of Nursing Management, 24, 624-633.

Park, E.-J., & Kang, H. (2021). Experiences of undergraduate nursing students with faculty incivility in nursing classrooms: A meta-aggregation of qualitative studies. Nursing Education in Practice, 52(103002), e1-e11.

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Scardoelli, M. G., Ferracini, C. L., Pimentel, R. R., Dalcin Donini e Silva, J., & Shizue Nishida, F. (2017). Nursing Academics' Experience of Moral Harassment. Journal of Nursing, 11(2), 551-558.

Üzar-Özçetin, Y. S., & Russell-Westhead, M. (2021). Workplace violence: A qualitative study drawing on the perspectives of UK nursing students. Collegian, 28, 27-34.

Vessey, J. A., DeMarco, R. F., Gaffney, D. A., & Budin, W. C. (2009). Bullying of Staff Registered Nurses in the Workplace: A Preliminary Study for Developing Personal and Organizational Strategies for the Transformation of Hostile to Healthy Workplace Environments. Journal of Professional Nursing, 25(5), 299-306.

Prof.in Dr. Sandra Bensch

Sandra Bensch, geb. 1976, lebt in der Nähe von Mainz. Sie ist Pflegefachfrau mit mehrjähriger Berufserfahrung in der stationären neurochirurgischen Frührehabilitations- und Akutpflege bzw. akademischen Abschlüssen in Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft. Ihre Promotion beschäftigt sich mit Konstruktvalidität von Elementen des Begutachtungsassessments zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit. Nach Jahren als Pflegelehrende und stellvertretende Schulleitung wechselte sie 2012 in den Fachbereich „Gesundheit und Pflege“ der Katholischen Hochschule Mainz. Dort hat sie eine Professur für Pflegepraxis und Pflegedidaktik inne. Sie engagiert sich u. a. in der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz (KdöR) und ist maßgeblich an der Entwicklung der Weiter- und Fortbildungsordnung in der beruflichen Pflege beteiligt. Sie ist Herausgeberin des Sammelbandes „Feindseligkeit unter Pflegenden beenden – Wege zu Wertschätzung und gegenseitiger Anerkennung“ und verfasste die Kapitel „Feindseligkeit in der Pflege – Symptome und betroffene Populationen“, „Folgen von Feindseligkeit in der Pflege“, „Status und Sprache“, mit Caroline Körner das Kapitel „Feindseligkeit unter beruflich Pflegenden – Befragungsergebnisse in Deutschland“ und mit Ramona Heister das Kapitel „(Eigen)Sprache als Form von Anerkennung“.

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