Warum EMDR bei Kindern und Jugendlichen wirkt – ein transdiagnostischer Ansatz für die Praxis
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EMDR als neues Paradigma der Psychotherapie
EMDR ist die aktuell am besten untersuchte Methode eines neuen Paradigmas in der Psychotherapie, das gängigerweise, zwar ungenau, aber dennoch als Traumatherapie beschrieben wird. Ungenau deswegen, weil alle Arten von Belastungserfahrungen – nicht nur die für die Entstehung einer PTBS beschriebenen traumatischen Erfahrungen – ein symptomatisches Geschehen zur Folge haben können, das mit EMDR behandelt werden kann.
Diese fünfte Brille – neben einer der humanistischen, verhaltenstherapeutischen, psychodynamischen und systemischen Sichtweise – zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen quasikausalen ätiologisch orientierten und transdiagnostischen Ansatz verfolgt. Subjektiv als belastend erlebte Lebenserfahrungen, die „verzerrt im Selbst symbolisiert werden“ (Rogers), werden als Ausgangspunkt dysfunktionaler psychischer Entwicklung verstanden, die sich durch chronische Stress- und Affektdysregulation und dem Entstehen einer kompensatorischen Symptomatik auszeichnet. Der therapeutische Ansatz liegt primär in einer Nachverarbeitung der Ursprungserfahrung. Diese wird durch das subjektive Bekunden der Klient*innen definiert, und nicht etwa durch objektive Befunde, die eine geringe Korrelation zur Symptomatik aufweisen (Danese & Widom, 2020). Die dahinter liegende Idee, die inzwischen durch hunderte von Studien immer wieder neu belegt wird, ist, dass die emotionale Auflösung unverarbeiteter Belastungserfahrungen eine kompensatorische Symptombildung überflüssig sein lässt.
Das klientenzentrierte Menschenbild im EMDR
EMDR ist ein – nach eigener Aussage (Laliotis et al., 2021) – ein klientenzentriertes Verfahren. Diese Einschätzung gründet sich einerseits auf das humanistische Menschenbild im EMDR, das zentral davon ausgeht, dass jeder Mensch ein inhärentes Potential konstruktiver ressourcenhafter Kräfte besitzt, das sowohl Selbstregulation wie Selbstverwirklichung (Entwicklung) und eine Tiefendimension (Werte, Führung) beinhaltet. Zum Zweiten ist die Störungslehre des EMDR - das AIP-Modell - aus dem Ansatz von Carl Rogers abgeleitet. Dies betrifft sowohl das Verständnis von der Entstehung chronischen psychischen Stresses und einer Symptombildung (siehe oben) wie auch die Annahme eines inhärenten autonomen Heilungsvermögen (Aktualisierungstendenz).
Gedächtnisrekonsolidierung als neurobiologische Grundlage
Die Therapietheorie im EMDR beruht auf der sogenannten Gedächtnisrekonsolidierung (Nader et al., 2000), die im Wesentlichen besagt, dass dysfunktional gespeicherte Erinnerungen durch prozessuale Aktualisierung für eine gewisse Zeitspanne veränderungsoffen werden und durch die gleichzeitige Aktivierung ressourcenhafter psychischer Aspekte eine Auflösung der mit dieser Erinnerung verbundenen chronischen Spannung (Stress) erreicht wird. Dies entspricht dem Wirkfaktorenansatz von Grawe (1998) und kann als neurobiologische Fundierung desselben verstanden werden. Diese nachträglichen Verarbeitungsprozesse kommen im EMDR allerdings nur unter der Bedingung des sogenannten Dualen Fokus zustande. Dissoziieren Klient*innen während der Nachverarbeitungsphase (Phase VIER im Standartprotokoll) oder wird er*sie von intensiven Gefühlen überflutet, stoppt der Verarbeitungsprozess. EMDR ist also eine achtsamkeitsbasierte Psychotherapie (Harrer & Weiß, 2016), die eine duale Aufmerksamkeit, eine Nicht-Identifikation mit der Symptomatik und eine wohlwollende akzeptierende Betrachtung des psychischen Veränderungsprozesses umfasst.
EMDR als traumaprozessierende statt traumarekonstruktive Methode
Die Therapieprinzipien des EMDR umfassen eine bereits oben geschilderte ätiologische Ausrichtung auf subjektiv bedeutsame Stressoren (Hensel, 2020). Therapietechnisch hat dies eine transdiagnostische Behandlungsplanung zur Folge, die mit dem Slogan Stressor First beschrieben werden kann. (Relativ) unabhängig von der Diagnose werden Themen des Klienten/der Klientin auf einzelne Erfahrungsmomente heruntergebrochen, die dann einzeln mit EMDR nachverarbeitet werden. Bob Tinker, der Pionier der EMDR-Arbeit mit Kindern, hat es so formuliert: „Suche nach Traumata, belastenden Erfahrungen und Punkten emotionaler Stagnation und wende EMDR als erstes unabhängig von der Diagnose an.“
Dabei hat sich gezeigt, dass die spezifischen Inhalte der Erinnerung für die sogenannte Prozessierung nicht bedeutungsvoll sind. Alle Inhalte (Unfall, interpersonelle Gewalt, Verluste, ...) werden auf die gleiche Weise prozessiert. Im Gegensatz zur traumafokussierten kognitiv-behavioralen Therapie und zur Narrativen Expositionstherapie ist EMDR keine traumarekonstruierende, sondern eine traumaprozessierende Therapieform.
Bilaterale Stimulation als zentraler Wirkfaktor von EMDR
Interessant ist - und das lässt sich jetzt nach 30 Jahren EMDR-Therapieerfahrungen in Deutschland mit Sicherheit sagen -, dass dieser Verarbeitungsprozess unter der bilateralen Stimulation ein autonomer Prozess im Klienten/in der Klientin ist, der nicht von einer gefestigten oder entwickelten Beziehung zum Therapeuten/zur Therapeutin oder dessen/deren empathischem Verstehen abhängt. Ebenso ist es nicht notwendig, dass der Therapeut/die Therapeutin die Inhalte der Klient*innen kennt. Klient*innen müssen sich also nicht offenbaren, wenn sie es nicht möchten und können trotzdem ihre Stressoren verarbeiten. Dieses Primat des Körperempfindens und Emotionalen über das Kognitive spiegelt sich auch darin wider, dass EMDR im Wesentlichen eine Bottom-up Therapie ist. EMDR führt primär zur funktionalen Neuregulation von Körperspannungen und maladaptiven sekundären Gefühlen (Greenberg, 2011), in deren Folge sich die kognitiven Bewertungen der Ursprungssituation hin zu einer realistischen Perspektive ändern. Dieses Verständnis erhellt außerdem die Tatsache, dass EMDR bei Säuglingen, Menschen mit schwerer Intelligenzminderung und auch bei Tieren (Hunde) wirkt (Kapteijn et al., 2021).
Das Alleinstellungsmerkmal von EMDR ist die sogenannte Bilaterale Stimulation, d.h. die rhythmische Links-rechts-Stimulierung über die Mittellinie des Körpers, die visuell, auditiv oder taktil erfolgen kann. Nach Lee & Cujipers (2013) stellt sie einen eigenständigen Wirkfaktor mit einer Effektstärke von d=.41 dar. Phänomenologisch wirkt sie als Prozesskatalysator, d.h. Verarbeitungsprozesse laufen schneller ab und sind nicht an Bedingungen wie etwa Alter, Intelligenzniveau oder Symptomatik gebunden.
Die anhaltende Kritik, dass der Wirkungsmechanismus (noch) nicht aufgeklärt sei, ist nicht fair, da es bisher für keine einzige psychotherapeutische Methode ein eindeutiges neurobiologisches Korrelat gibt (und auch nicht geben wird). Zudem gibt es zur bilateralen Stimulation inzwischen so viele qualitativ hochwertige Studien (siehe Baek et al., 2019), dass Spitzer (2019) resümiert: „Wer also dazu neigt, EMDR eher für Vodoo zu halten, wird durch dieses Ergebnis (der Baek-Studie) eines Besseren belehrt.“
Zusammengefasst lässt sich der Charme von EMDR wie folgt darstellen:
- Es hat ein positives ressourcenvolles Menschenbild.
- Es ist wissenschaftlich fundiert, stützt sich auf die ACE- und Folgestudien, sowie auf die neurobiologische Fundierung von Grawes Wirkfaktorentheorie (Gedächtnisrekonsolidierung).
- Es hat ein einfaches Störungsverständnis, das plausibel ist und an den Alltagserfahrungen der Klienten anknüpft. Daraus lässt sich leichter eine Motivation für die Psychotherapie kreieren.
- Es entlastet Klient*innen vollständig von der Verantwortung für ihre Symptome, indem ihre Symptome als verständliche Folge bestimmter Belastungserfahrungen beschrieben werden.
- Es kann sofort mit der Prozessierung von Stressoren begonnen werden, ohne dass alle Aspekte einer vollständigen Diagnostik und Anamnese erfolgt sein müssen.
- Eine spürbare Entlastung der Klient*innen durch frühe positive Erfahrungen in der Therapie stärken die Besserungserwartung der Klient*innen. Dies stellt nach Grawe einen wesentlichen Faktor für die Motivierung und Heilungserwartung der Klient*innen dar.
- Neben dem sogenannten Standardprotokoll existieren inzwischen eine ganze Reihe von adjunktiven Verfahren (Self Care, Flashtechnik, Bipolares EMDR, Blind-to Therapist-Protokoll, Externalisierung, Narrativarbeit...), die die Anwendungsmöglichkeiten der Methode erweitern und Vertiefen.
EMDR in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Bezugspersonen
EMDR mit Kindern, Jugendlichen und deren Bezugspersonen ist ein klinisch seit 25 Jahren im deutschsprachigen Raum bewährtes Verfahren. Es kann ab Geburt eingesetzt werden und ist nicht an bestimmte kognitive Voraussetzungen gebunden. Somit ist es universell symptomunabhängig innerhalb eines Behandlungsplanes einsetzbar. Die WHO (2013a) und die ISTSS (der Dachverband der weltweiten Traumafachgesellschaften) bewerten EMDR mit Kindern als First-Line-Verfahren.
Die WHO (2013a) beschreibt die Vorzüge wie folgt:
- Keine detaillierte Beschreibung des Traumas notwendig,
- bestehende Überzeugungen der Klient*innen werden nicht direkt herausgefordert,
- EMDR verlangt keine belastende langanhaltende Exposition
- keine Hausaufgaben.
- Zudem kann EMDR spielerisch durchgeführt werden und auf der Ebene kindlicher Symbolisierungsformen (Zeichnungen, Sandbilder, (szenische) Geschichten).
Zusätzlich bietet EMDR den unschätzbaren Vorteil, dass mit den Bezugspersonen in gleicher Weise wie mit den Kindern gearbeitet werden kann. Dysfunktionales Elternverhalten wird nicht über pädagogische Ratschläge, sondern über die Prozessierung der damit verbundenen elterlichen Stressoren beeinflusst. Dies fördert in starkem Maße die Selbstregulation der Bezugspersonen.
Das “Praxishandbuch EMDR mit Kindern und Jugendlichen” (siehe unten) reflektiert die 25jährige Erfahrung des Autors in der Anwendung der Methode bei allen Störungsbildern und fasst den aktuellen Forschungs- und klinischen Erfahrungsschatz zusammen. Es appelliert an die Therapeut*innen, sich den eigenen Ängsten im Umgang mit Traumafolgestörungen zu stellen und bietet sowohl ein positives Mindset ("Trau Dich, es ist sicher und wirksam.") sowie umfassende praktische Vorschläge für die Durchführung.
Literaturnachweise:
Baek, J., Lee, S., Cho, T., Kim, S.-W., Kim, M., Yoon, Y. et al. (2019). Neural circuits underlying a psychotherapeutic regimen for fear disorders. Nature, 566, 339 – 343. doi.org/10.1038/s41586-019-0931-y
Danese, A. & Widom, C. S. (2020) Objective and subjective experiences of child maltreatment and their relationships with psychopathology. Nature Human Behaviour, 4, 811 – 818. doi.org/10.1038/s41562-020-0880-3
Grawe K. (1998). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
Greenberg, L. S. (2011). Emotionsfokussierte Therapie. München: Ernst Reinhardt.
Harrer, M. E. & Weiss, H. (2016). Wirkfaktoren der Achtsamkeit – wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern. Schattauer: Stuttgart.
Hensel, T. (2020). Stressorbasierte Psychotherapie. Belastungssymptome wirksam transformieren – ein integrativer Ansatz (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer. doi.org/10.17433/978-3-17-037536-9
Kapteijn, C. M., van der Borg, J. A. M., Vinke, C. M. & Endenburg, N. (2021). On the applicability of eye movement desensitization and reprocessing (EMDR) as an intervention in dogs with fear and anxiety disorders after a traumatic event. Behaviour, 158, 1471 – 1487. doi.org/10.1163/1568539X-bja10123
Laliotis, D., Luber, M., Oren, U., Shapiro, E., Ichii, M., Hase, M. et al. (2021). What is EMDR Therapy? Past, Present, and Future Directions. Journal of EMDR Practice and Research, 15(4), 186 – 201. https://doi.org/10.1891/EMDR-D-21-00029
Lee, W. & Cujipers, P. (2013). A meta-analysis of the contribution of eye movements in processing emotional memories. Journal of Behavioral Therapy & Experimental Psychiatry, 44, 231 – 239. https://doi.org/10.1016/j.jbtep.2012.11.001
Nader, K., Schafe, G. E. & Le Doux, J. E. (2000). Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval. Nature, 406, 722 – 726. doi.org/10.1038/35021052
Spitzer M. (2019). Psychotherapie im Mausgehirn. Was bei EMDR gegen PTBS im Gehirn passiert. Nervenheilkunde, 38, 231–239.
World Health Organization (WHO). (2013). Guidelines for the management of conditions that are specifically related to stress. Geneva: World Health Organization.
Thomas Hensel
DP Thomas Hensel, geb. 1954. 1976-1984 Studium der Psychologie in Freiburg i. Brsg.. 1986-2024 niedergelassen in eigener Praxis in Offenburg (Baden) als PP und KJP. 2006-2014 Mitglied im Vorstand der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT). 2006-2024 Leiter des Kinder Trauma Institut.
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