Warum Bewegung ein Kernelement der gerontopsychiatrischen Behandlung sein sollte
Von Dr. Rieke Trumpf, Prof. Dr. Tim Fleiner, Prof. Dr. Wiebren Zijlstra, Prof. Dr. Peter Häussermann.
Wer an eine gerontopsychiatrische Behandlung denkt, denkt meist zuerst an Diagnostik, Medikation, Psychotherapie, Pflege und soziale Unterstützung. Bewegung gilt dabei oft als sinnvolle Ergänzung, nicht aber als Teil der eigentlichen Therapie. Dabei wird leicht übersehen, wie eng körperliche Aktivität gerade bei älteren Menschen mit Demenz oder Depression mit zentralen Behandlungszielen verknüpft ist. Sie kann Stimmung, Alltagsfunktion, Verhaltenssymptome, Schlaf und Tagesstruktur beeinflussen. Gemeint ist kein allgemeiner Appell zu einem gesünderen Lebensstil, sondern ein gezielter, in Diagnostik und Behandlung eingebundener und multiprofessionell getragener Behandlungsansatz.
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Bewegung als therapeutischer Baustein
Körperliche Aktivität ist in der Gerontopsychiatrie nicht nur allgemein gesundheitsförderlich, sondern therapeutisch relevant. Sie kann auf verschiedenen Ebenen wirksam werden. Zu den bekannten Mechanismen gehören eine bessere Durchblutung des Gehirns, mehr Stoffe, die Nervenzellen in der Proliferation unterstützen, eine geringere Entzündungsaktivität sowie positive Effekte auf Herz und Kreislauf (Vancamfort et al., 2015). Diese Prozesse können sich wiederum positiv auf Stimmung, Stressregulation und allgemeine Belastbarkeit auswirken (Cotman & Berchtold, 2002; Chaouloff et al., 1989; Schuch et al., 2016). Zugleich hat Bewegung eine psychologische und soziale Seite: Sie kann Selbstwirksamkeit stärken, Handlungsspielräume erweitern und soziale Teilhabe erleichtern. Gerade in der Gerontopsychiatrie ist diese Verbindung aus biologischen, psychischen und sozialen Wirkmechanismen besonders bedeutsam (Fleiner et al., 2025).
Für Menschen mit Demenz ist die Evidenz inzwischen so belastbar, dass sie in Leitlinien und Übersichtsarbeiten berücksichtigt wird. Körperliches Training kann dazu beitragen, Alltagsfunktionen zu stabilisieren oder zu verbessern; beschrieben werden zudem günstige Effekte auf Verhaltenssymptome wie Agitation und auf die Belastung professioneller oder informeller Bezugspersonen (S3-Leitlinie Demenzen der DGPPN & DGN, 2025; Forbes et al., 2015). Wichtig ist dabei die Differenzierung: Die Evidenz für die Effekte von Trainingsinterventionen auf die Aktivitäten des täglichen Lebens ist klarer als die Wirksamkeit für kognitive Verbesserungen. Gerade deshalb lohnt es sich, die Ziele solcher Interventionen realistisch zu formulieren.
Auch bei Depression im höheren Lebensalter ist die körperliche Aktivität mehr als ein begleitendes Aktivierungsangebot. Empfohlen werden vor allem strukturierte und supervidierte Formate, sofern keine Kontraindikationen vorliegen (Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression, 2022). Meta-Analysen bestätigen, dass sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining depressive Symptome lindern können – vor allem dann, wenn die Programme angeleitet sind und regelmäßig durchgeführt werden (Heinzel et al., 2015; Schuch et al., 2016; Heissel et al., 2023; Noetel et al., 2024).
Hinzu kommt ein Aspekt, der im gerontopsychiatrischen Alltag leicht unterschätzt wird: Bewegung kann auch für die zeitliche Struktur des Tages bedeutsam sein. Bei einer Demenzerkrankung können körperliche Aktivität und wiederkehrende Aktivitätsphasen helfen, Ruhe- und Aktivitätsmuster besser zu ordnen. Das ist besonders dort relevant, wo sich Unruhe und Verhaltenssymptome in den Nachmittags- und Abendstunden verstärken – dem sog. Sundowning-Phänomen (Fleiner et al., 2025). Bewegungsinterventionen können hier als eine Art Zeitgeber wirken und damit über die einzelne Trainingseinheit hinaus Bedeutung gewinnen (Baldacchino et al., 2018; Venturelli et al., 2016; Volicer et al., 2001).
Wie Bewegung Teil der Behandlung wird
Damit körperliche Aktivität therapeutisch wirksam werden kann, reicht ein allgemeiner Hinweis auf ihre Vorteile nicht aus. Sie braucht einen festen Platz in der klinischen Versorgung. An Anfang steht ein umfassendes geriatrisches Assessment, das medizinische, psychische und funktionelle Aspekte zusammenführt und die Mobilität, Alltagsfunktion, Teilhabe und Sturzrisiken mitdenkt (Gladman et al., 2016). Entscheidend ist nicht nur, dass gemessen wird, sondern auch, dass Ergebnisse richtig eingeordnet und in die Behandlung genutzt werden (Trumpf et al., 2020).
Dabei kann objektive Aktivitätserfassung besonders hilfreich sein. Am Körper getragene Bewegungssensoren machen Aktivitätsmuster sichtbar, die in der klinischen Routine leicht übersehen werden – etwa ausgeprägte Inaktivität oder nächtliche Unruhe. Gerade bei kognitiven Einschränkungen ist das ein Vorteil, weil Selbstberichte und standardisierte Befragungen hier rasch an Grenzen stoßen. Solche Daten können helfen, den tatsächlichen Bewegungsalltag realistischer zu erfassen und Interventionen gezielter auszurichten (Fleiner et al., 2019).
Auf das Assessment folgt die Zielvereinbarung. Gemeint ist damit nicht nur das abstrakte Ziel, „mehr Bewegung“ zu erreichen. Entscheidend ist, worauf Bewegung im Einzelfall zielen soll: auf bessere Stimmung, mehr Selbstständigkeit im Alltag, weniger Unruhe, mehr Tagesstruktur oder eine höhere Lebensqualität. Die WHO-Empfehlung von 150 Minuten moderater Aktivität pro Woche bleibt ein wichtiger Orientierungsrahmen. Gleichzeitig gilt: Wer dieses Pensum krankheitsbedingt nicht erreicht, sollte dennoch so aktiv sein, wie es die eigenen Möglichkeiten zulassen. Auch unterhalb der empfohlenen Schwelle sind gesundheitsfördernde Effekte beschrieben (WHO, 2020; O’Donovan et al., 2017; Wen et al., 2011).
Wie Bewegung im klinischen Alltag verankert werden kann
Bewegung entfaltet ihre Wirkung im gerontopsychiatrischen Alltag nicht allein über einzelne Therapieeinheiten. Ebenso wichtig ist, wie sie in den Tagesablauf eingebettet wird. In vielen Kliniken konzentrieren sich Therapien, Visiten und Diagnostik auf den Vormittag. Das ist organisatorisch nachvollziehbar, kann aber dazu führen, dass gerade am Nachmittag und frühen Abend deutlich weniger strukturierende Angebote vorhanden sind. Für Menschen mit Demenz ist das problematisch, weil diese Tageszeiten häufig mit zunehmender Unruhe zusammenfallen.
Deshalb gewinnen kurze, wiederkehrende Aktivitätsphasen an Bedeutung. Für viele Patient*innen sind sie leichter zugänglich als längere Trainingseinheiten und lassen sich besser in den Stationsalltag integrieren. Ein Beispiel dafür ist das „Trainingskarussell“ mit mehreren kurzen Bewegungseinheiten über den Tag verteilt. In einer randomisierten Studie in der Akutversorgung älterer Menschen mit einer Demenzerkrankung wurden neuropsychiatrische Symptome reduziert. Auch agitiertes Verhalten und die wahrgenommene Belastung professioneller Bezugspersonen besserten sich (Fleiner, Zijlstra et al., 2015; Fleiner, Dauth et al., 2017; Fleiner et al., 2020).
Solche Ansätze verweisen auf einen grundlegenden Punkt: Körperliche Aktivität sollte nicht nur im Therapieraum stattfinden. Sie kann auch über niedrigschwellige Angebote im Stationsalltag gefördert werden, etwa über Ergometer auf der Station, kurze Bewegungseinheiten in Kleingruppen oder aktivitätsfördernde Umgebungen. Für viele Patient*innen ist gerade diese niedrigschwellige Form hilfreich, weil sie Teilnahme erleichtert und Ängste die gewohnte Umgebung zu verlassen reduziert. Das gilt besonders für Menschen, die mit längeren oder intensiveren Einheiten überfordert sind.
Körperliche Aktivität ist eine multiprofessionelle Aufgabe
Bewegung ist damit keine Aufgabe einzelner Berufsgruppen. Physiotherapie und Sporttherapie spielen eine zentrale Rolle bei Planung und Durchführung spezifischer Programme (Fleiner & Häussermann, 2024). Damit körperliche Aktivität jedoch tatsächlich Teil der Behandlung wird, muss sie von einem breiteren Team mitgetragen werden. Ärzt*innen können Aktivität systematisch in Anamnese, Visite und Behandlungsplanung einbeziehen. Pflege kann Mobilität fördern, Inaktivität reduzieren und alltagsnahe Aktivierung unterstützen. Ergotherapie verbindet motorische und kognitive Anforderungen. Sozialdienst und Case Management sind wichtig, wenn es um Anschlussmöglichkeiten nach der Entlassung geht.
Gerade in der Gerontopsychiatrie ist diese gemeinsame Verantwortung zentral. Denn körperliche Aktivität wird nur dann dauerhaft relevant, wenn sie nicht als Spezialthema einzelner Therapeut*innen behandelt wird, sondern als gemeinsame Behandlungsaufgabe. Dazu gehört auch, im Team eine gemeinsame Sprache für Ziele, Belastbarkeit, Barrieren und Fortschritte zu entwickeln.
Über den stationären Aufenthalt hinaus denken
Ein stationärer Aufenthalt kann ein wichtiger Ausgangspunkt sein – er reicht aber nicht aus. Wenn Bewegung nach der Entlassung abrupt endet, geht ein Teil ihres therapeutischen Potenzials verloren. Deshalb sollte früh mitgedacht werden, wie Aktivitätsförderung in Rehabilitation, ambulante Behandlung, Physiotherapie, Rehasport oder wohnortnahe Angebote überführt werden kann. Ebenso wichtig ist, relevante Informationen aus Assessment und Therapie weiterzugeben, damit an bereits Erarbeitetes angeknüpft werden kann.
Gleichzeitig bleiben Grenzen und offene Fragen sichtbar. Nicht alle Patient*innen nehmen verlässlich an strukturierten Angeboten teil. Niedrigschwellige Formate können helfen, lösen aber nicht das Grundproblem: Bewegung dauerhaft in Routinen zu verankern. Hinzu kommt, dass für einige Störungsbilder im höheren Lebensalter – etwa Delir, Suchterkrankungen oder Schizophrenie – noch deutlich weniger Evidenz vorliegt als für Demenz und Depression. Umso wichtiger ist es, körperliche Aktivität dort, wo ihre Relevanz bereits gut belegt ist, nicht weiter als Beiwerk zu behandeln, sondern als selbstverständlichen Teil gerontopsychiatrischer Versorgung (Fleiner et al., 2025).
Zum OA-Artikel «Geriatric Psychiatry in Motion“ aus der Zeitschrift GeroPsych
Referenzen
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Dr. Rieke Trumpf
Dr. Rieke Trumpf ist Bewegungswissenschaftlerin und koordiniert die Arbeitsgruppe „Gerontopsychiatrie in Bewegung“ an der LVR-Klinik Köln in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule Köln. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit der Erfassung körperlicher Aktivität und des Bewegungsverhaltens bei älteren Menschen sowie der Ableitung und Durchführung von Maßnahmen zur Förderung der körperlichen Aktivität in der Gerontopsychiatrie.
Prof. Dr. Tim Fleiner
Prof. Dr. Tim Fleiner ist Physiotherapeut und Sportwissenschaftler an der Technischen Hochschule Ulm und dem Universitätsklinikum Ulm. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre adressieren die körperliche Aktivität älterer Menschen, die Sturzprävention sowie die klinische Forschung in der Geriatrie & Gerontopsychiatrie.
Prof. Dr. Wiebren Zijlstra
Prof. Dr. Wiebren Zijlstra, Bewegungswissenschaftler, leitet das Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und den physischen und kognitiven Funktionen älterer Menschen. Besondere Forschungsschwerpunkte sind Mobilität, neuromechanische Anpassungsfähigkeit und Maßnahmen zur Erhalt der Leistungsfähigkeit
Prof. Dr. Peter Häussermann
Prof. Dr. Peter Häussermann ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychiatrie sowie Geriatrie. Seit 2010 ist er Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie an der LVR-Klinik Köln. Seine Schwerunkte in der Forschung, Versorgung und Lehre umfassen die körperliche Aktivität und zirkadiane Rhythmen bei Älteren, neuroradiologische Bildgebung und die klinische Forschung in der Gesundheitsversorgung Älterer.
Zeitschrift GeroPsych
GeroPsych is a leading international journal that provides an interdisciplinary forum for the rapidly growing field of aging research.
It publishes peer-reviewed and original research that addresses biological, psychological, behavioral, social, and cultural aspects of the aging process. GeroPsych seeks articles that combine theoretical, experimental, and applied perspectives on the diversity, heterogeneity, variability, and plasticity of the aging process and older populations. The journal is committed to research that relies on a rigorous quantitative approach, grounded innovative and validated methodology in established or emerging fields of geropsychology, gerontology, or geriatric psychiatry.
The journal targets scientists and readers who are interested in applied and basic research on mental, behavioral, social, cultural, and clinical aspects of the aging process and old age.