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Trennungsangst bei Kindern

Von Kathrin Sevecke und Rüdiger Kißgen

In den ersten sechs Lebensjahren vollziehen sich vielzählige Entwicklungsschritte bei Kleinkindern, die in der Intensität und Vielschichtigkeit mit keiner anderen Lebensphase vergleichbar sind.  Bereits in diesen frühen Jahren sind aber auch psychische Störungen und damit zusammenhängende Schwierigkeiten bei Säuglingen und Kleinkindern keine Seltenheit. Die Häufigkeit liegt bei 14-26 %, somit sind die Zahlen durchaus vergleichbar mit Auffälligkeiten bei älteren Kindern und Jugendlichen. Das bedeutet vor allem aber auch, dass junge Kinder und deren Eltern eine entsprechende Unterstützung und Versorgung brauchen. 
 

 

Trennungsangst bei Kindern weinendes Mädchen auf dem Arm der Mutter

Ein wichtiger Schritt zur altersadäquaten Erkennung und Behandlung von frühkindlichen psychischen Erkrankungen ist das seit 2019 in der deutschen Sprache vorliegende Diagnosemanual DC:0-5 (Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit). Es gilt als zentrale Ergänzung zu den Systemen ICD-10, ICD-11 und /oder DSM-5, abgestimmt für die Alterspanne der 0-5-Jährigen.   

Ein praxisnahes Lehrbuch: „Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren

Auf Basis dieses Diagnosemanuals (DC: 0-5)  wird in dem Lehrbuch „Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren“ vertiefend ein fundiertes Verständnis über den Hintergrund zur Entstehung und Verbreitung der Störungsbilder (Epidemiologie, Ätiologie und Pathogenese, Symptomentwicklung) und das Vorgehen zur Diagnosestellung und Aspekten zu häufigen Begleiterkrankungen (Diagnose und Differentialdiagnostik) beschrieben. Im Weiteren werden der allgemeine Verlauf der Erkrankung (Verlauf und Prognose) und entsprechende Behandlungsempfehlungen (Behandlung und Prävention) angeführt, sowie ein Überblick über aktuelle Forschungsschwerpunkte (Forschungsdesiderate und Ausblick) der jeweiligen Störung gegeben. Unsere Vision für diesen Sammelband war es, die aktuelle Forschung auf dem Gebiet der psychischen Störungen im Vorschulalter zu organisieren, zu integrieren und zu bündeln, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf evidenzbasierten Strategien für die Diagnostik, Behandlung und Prävention liegt und das aktuelle Wissen aus Wissenschaft, klinischer Praxis und frühen Kindheitsentwicklung berücksichtigt wird. Obwohl bei einigen Störungen der frühen Kindheit die zugrundeliegenden Ursachen für die Entstehung und Entwicklung einer Krankheit bekannt sind, fehlt dieses Wissen bei anderen Syndromen noch gänzlich. Dennoch benötigen auch diese Interventionen und weitere Forschung.

In der Praxis zeigt sich nach wie vor eine große Hemmschwelle bei der Diagnosestellung in der Frühen Kindheit. Wir wollen an einem Fallbeispiel aufzeigen, wie für Kliniker*innen, Fachkräfte, Studierende und Interessierte der aktuelle Wissenstand in unserem praxisnahen Lehrbuch aufbereitet wurde. Dazu folgen nun Auszüge aus dem Kapitel der Angststörungen und im folgenden Fallbeispiel „Anna“ wird anhand der Struktur des Buches „Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren“ die Diagnosestellung erarbeitet.

Ängste bei Kindern

Ängste zählen neben Freude und Ärger zu den ersten Emotionen, die Kinder im Verlauf des ersten Lebensjahres entwickeln. Solche Ängste im Kindesalter sind typischerweise mild in der Intensität, altersspezifisch und vorübergehend. Von einer Angststörung wird dann gesprochen, wenn die Symptome die weitere Entwicklung des Kindes behindern, Stress und Leid beim Kind verursachen und Kontakte zu Gleichaltrigen sowie altersangemessene Aktivitäten verhindern.  Die Angst ist intensiv (verursacht starkes Leiden), unkontrollierbar (kann nicht durch z.B. Rückversicherung bei Eltern vermindert werden) und tritt anhaltend (über einen Monat) auf.  

 

Fallbeispiel Anna

Anna, 4  Jahre alt, besucht seit einer Woche nach den Herbstferien den Kindergarten nicht mehr. Auch zeigt sie massive Trennungsängste, wenn ihre Mutter außer Haus geht. An zwei Abenden die Woche möchte die Mutter zur Chorprobe gehen - in dieser Zeit würden die Großeltern auf Anna aufpassen, doch bevor die Mutter gehen möchte, klagt Anna über Übelkeit und Bauchschmerzen, auch die Mutter selbst spürt Unruhe und Nervosität an diesen Nachmittagen. Bevor Anna den Kindergarten verweigerte, ereigneten sich über die letzten Wochen hinweg beinahe täglich Ausnahmezustände, wenn sich die Mutter verabschieden möchte. Es kommt bereits einige Zeit vor dem Abschied zu theatralischen Szenen mit Weinen, Schreien, Anklammern am Kindersitz. Teilweise war die Mutter bis zu 4 Stunden in der Garderobe im Kindergarten, damit Anna im Kindergarten bleibt.  Am Abend hat Anna große Mühe einzuschlafen und fürchtet sich vor einem Monster unter ihrem Bett. Auch wacht sie in der Nacht auf und kann nur im Bett ihrer Eltern weiterschlafen. 

Definition und Klassifikation

Bei der Störung mit Trennungsangst des Kindesalters zeigt sich eine entwicklungsmäßig unangemessene und übermäßige Angst, Furcht oder ein Vermeidungsverhalten vor der Trennung von bedeutsamen Bezugs- bzw. Bindungspersonen oder von zu Hause. Häufig vermeiden Kinder auch angstauslösende Situationen und Eltern können dieses Vermeidungsverhalten begünstigen, indem sie Alltagsroutinen entwickeln.

Anna regiert mit intensiver Angst, die für den Entwicklungsstand unangemessen und übermäßig stark ist.  Es zeigt sich wiederkehrender und deutlicher Stress, wenn eine Trennung von der Bezugsperson eintritt oder erwartet wird, sowie vor dem Zuhause sein ohne Hauptbezugsperson. Auch zeigt sich ein anhaltender Widerwille und die Weigerung aus Angst vor einer Trennung in den Kindergarten zu gehen. Dies tritt über einen Zeitraum von mindestens einem Monat auf. Anna zeigt auch körperliche Symptome, wenn eine Trennung von einer wichtigen Bezugsperson zu erwarten ist. Die Symptome der Störung haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie.  (vgl. Diagnostischer Algorithmus Störung mit Trennungsangst nach DC:0-5, Zero to Three, 2019).

Epidemiologie

Es zeigt sich eine allgemeine Prävalenz von Trennungsangst bei 4-jährigen von 4,4 % (Wichstrøm et al., 2012). Laut DC:0-5 wird bei manchen Studien auch auf geschlechtsbezogene Unterschiede verwiesen, Mädchen zeigen dabei höhere Raten.

Symptomentwicklung und Komorbidität

In der Bindungsforschung rund um Ainsworth wird davon ausgegangen, dass sich die physiologische Trennungsangst beim Menschen zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat manifestiert und bis zum Alter von etwa 3 Jahren deutlich beobachtbar bleibt, um danach stetig abzunehmen. Die Trennungsangst ist als Bindungssignal des Kindes zu verstehen, und erst nach dem 18. Lebensmonat kann eine Einschätzung hinsichtlich der Intensität und dem Bestehenbleiben getroffen werden.

Ätiologie und Pathogenese

Neurologische und genetische Faktoren spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Angststörungen. Als weitere Risikofaktoren gelten u.a. spezifische Temperamentsfaktoren, körperliche Erkrankungen und psychosoziale Belastungen. Auf Elternebene ist Überinvolvierung zu berücksichtigen.
 

Diagnose und Differentialdiagnostik

Es empfiehlt sich eine ausführliche Anamnese zur Entwicklungs- und Familiengeschichte sowie eine klinische Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und Eltern. Für die Entwicklung einer Angststörung in der Frühen Kindheit spielt die elterliche Angst eine entscheidende Rolle, weshalb die Eltern auch hinsichtlich eigener Ängste und deren Umgang mit Ängsten befragt werden sollen.

In der biographischen Anamnese zeigt sich, dass Anna als ein sehr pflegeleichtes Kind beschrieben wird, dass aber der Kindsmutter Trennungserfahrungen sehr schwer fallen.

Im Weiteren kommen strukturierte diagnostische Interviews und Fragebögen zum Einsatz, mit Fokus auf das Kind und mit Fokus auf die Eltern. Eine Interaktions- und Beziehungsdiagnostik entsprechen ebenso dem goldenen Standard, wie ein Entwicklungs- und Intelligenzdiagnostik (zum Ausschluss von umschriebenen Entwicklungsstörungen).  

Behandlung und Prävention

In der Behandlung von Angststörungen ist ein multimodales Vorgehen zentral. Dies umfasst Psychoedukation, Beratung, Psychotherapie ab dem Kindergartenalter, Familientherapie und eltern- und kindzentrierte Interventionen.

In der Psychoedukation werden Annas Eltern und Anna über entwicklungstypische bzw. über typische Symptome der Angststörung aufgeklärt und die Ursachen und die Aufrechterhaltung der Ängste werden besprochen. In der Eltern- Kind-Therapie werden vorübergehende, schrittweise längere Trennungssituationen mit klarer Ankündigung und Zuwendung bei Rückkehr geübt und die Eltern darin unterstützt, Anna ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. 

Forschungsdesiderate und Ausblick

Aktuelle Forschungsergebnisse verweisen auf die evolutionären, biologischen und kulturellen Elemente im Verständnis der Störung mit Trennungsangst hin. Die Störung mit Trennungsangst stellt einen relevanten Prädiktor für zukünftige psychische und physische Gesundheitsprobleme dar. Eine frühzeitige Identifizierung und Nachsorge von Kindern im Vorschulalter mit ungewöhnliche hohen und anhaltenden Trennungsangst-Profilen kann eine wertvolle Präventionsstrategie darstellen.

Als Fazit für die Praxis gehen wir davon aus, dass dieses Buch auch für Kliniker*innen, Studierende, Interessierte und Forscher*innen von Interesse sein wird, da es auf einer soliden wissenschaftlichen und theoretischen Grundlage geschrieben ist und gleichzeitig klare Empfehlungen für ein praktisches Vorgehen im klinischen Alltag gibt.

Quellen

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum.

Angold A, Egger HL: Preschool psychopathology: lessons for the lifespan. J Child Psychol & Psychiat 2007; 48: 961–6 CrossRef MEDLINE

Taferner, Bonatti & Sevecke: Angststörungen. In: Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren. Lehrbuch zu Grundlagen, Klinik und Therapie. R. Kißgen & K. Sevecke, 2023 Göttingen: Hogrefe; In Press /2023.

Kißgen, R & Sevecke, K. (2023):  Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren. Lehrbuch zu Grundlagen, Klinik und Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Wichstrøm, L., Berg-Nielsen, T. S., Angold, A., Egger, H. L., Solheim, E. & Sveen, T. H. (2012). Prevalence of psychiatric disorders in preschoolers. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 53(6), 695-705.

Zero to Three (2019). DC:0-5. Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit. Stuttgart: Kohlhammer.

Prof. Dr. Kathrin Sevecke

Prof. Dr. med. Kathrin Sevecke, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin, systemische Familientherapeutin, forensische Gutachterin des Kindes- und Jugendalters. Langjährig in leitender Funktion am Universitätsklinikum für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Köln. Seit 2013 Ordinaria und Lehrstuhlinhaberin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Innsbruck und Primaria an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Hall in Tirol. Seit November 2013 W3-Professur für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Seit 2020 Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mitherausgeberin der „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“.

Forschungsschwerpunkte
Persönlichkeitspathologie im Jugendalter
Verlauf von Essstörungen
Forensische Psychiatrie

Prof. Dr. Rüdiger Kißgen

Prof. Dr. phil. Rüdiger Kißgen, nach Abschluss des Studiums neunjährige klinische Tätigkeit im Kinderneurologischen Zentrum Bonn sowie in der Rheinischen Landesklinik Bonn – Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie (1986-1995), approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.Von 1995 bis 2011 Universität zu Köln (Promotion, Habilitation, Ernennung zum apl. Professor), zwischenzeitlich Gastprofessur an der Universität Wien (2006-2009). Seit November 2011 Lehrstuhl (W3) für Entwicklungswissenschaft und Förderpädagogik an der Universität Siegen.

Forschungsschwerpunkte
Klinische Bindungsforschung (ADHS, Frühgeborene)
Kindliche Entwicklung in den ersten 6 Lebensjahren
Wirksamkeitsforschung