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DeutschGesundheitswesenPflege und Health professionals

Traumatisierte Menschen professionell begleiten

Patient*innen mit Traumafolgestörungen, etwa einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer komplexen PTBS, können noch sehr lange von den Folgen ihres Traumas beeinträchtigt sein. Um sie richtig und traumasensitiv versorgen zu können, braucht es Wissen über Symptome, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten. 

Wir haben mit Dr. Werner Tschan und Dr. Jörg Wanner, Autoren von «Trauma Survivorship - Leben statt Überleben» über ihr Konzept und den Einsatz in der Praxis gesprochen.

Grüne Blattknospen an einem braun-grauen Ast Foto: Shutterstock / TannySolt

Welche Dinge sollten Pflegefachkräfte und Menschen in Gesundheitsberufen über Traumafolgestörungen unbedingt wissen?

Das Wichtigste bei der Behandlung von Patient*innen ist für Gesundheitsfachpersonen, überhaupt daran zu denken, dass eine Traumafolgestörung vorliegen könnte. Deshalb müssen sie mit deren wichtigsten Symptomen wie dem Wiedererleben traumatischer Erlebnisse in Form von lebhaften, aufdringlichen Erinnerungen, Flashbacks oder Alpträumen vertraut sein. Dazu gehört auch das Vermeiden von Erinnerungen an die traumatischen Ereignisse, oder von Situationen oder Personen, die an diese Ereignisse erinnern. Weitere wichtige Symptome sind: ausgeprägte innere Anspannung mit Schreckhaftigkeit; Probleme mit der Affektregulation bis hin zu inadäquatem aggressivem Verhalten, ausgeprägte Scham-, Schuld-, Minderwertigkeits- oder Versagensgefühle; Misstrauen; Beziehungsprobleme; Schmerzen, die nicht ohne weiteres einzuordnen sind, um nur die wichtigsten zu nennen. In Anbetracht der Häufigkeit von Traumfolgestörungen hat Maggie Schauer vorgeschlagen, alle Patient*innen zum Screening einen Traumafragebogen ausfüllen zu lassen, vergleichbar mit der Blutdruckmessung, die bei den meisten Patienten routinemässig durchgeführt wird.

Was ist das Survivorship-Konzept und was bedeutet es in Hinblick auf Menschen mit Traumafolgestörungen?

Mit dem Survivorship-Konzept wollen wir darauf hinweisen, dass die Nachwirkungen als Folge der durchgemachten traumatischen Erfahrungen mit dem Ende des traumatischen Ereignisses nicht vorbei sind und noch lange nachwirken können. Betroffene werden durch Triggerphänomene immer wieder an die traumatische Erfahrung erinnert. Auch nach einer Therapie bleiben oft negative Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen zurück, die sie lange Zeit ihres Lebens begleiten. Mit diesem Konzept wollen wir eine umfassende Sicht über die verschiedenen Aspekte geben, die bei der Bewältigung von Traumata eine Rolle spielen.

Mit welchen Behandlungskonzepten werden Traumafolgestörungen heute behandelt?

Für die Behandlung von Traumafolgestörungen stehen verschiedene multimodale Therapieverfahren zur Verfügung. Am besten haben sich kognitiv verhaltenstherapeutische Ansätze bewährt, kombiniert mit Psychoedukation sowie Stabilisierungstechniken. Wir beide setzen zudem IRRT (Imagery Rescripting and Reprocessing Therapy) ein – vor allem zur Aufarbeitung emotionaler Nachwirkungen.

Welche Haltungen und Fertigkeiten brauchen Gesundheitsfachpersonen, um traumasensitiv zu handeln?

Eine traumasensitive Behandlung beruht auf einem empathischen und verständnisvollen Eingehenkönnen auf Betroffene. Voraussetzung sind ausreichende Kenntnisse über Traumafolgen. Betroffene zögern oft, offen zu legen, was sie erlebt haben und wie es ihnen geht. Mit offenen Fragen und Empathie können Fachleute die Betroffenen dazu bewegen, mehr preiszugeben. Wichtig ist es auch die Betroffenen ernst zu nehmen und ihnen Glauben zu schenken, damit sie Vertrauen fassen können. Zentral ist auch Verlässlichkeit in der therapeutischen Beziehung.

Ein zentrales Thema ist das Schweigen nach dem Trauma: Viele Betroffene können oder wollen nicht über das Erlebte sprechen. Wie können Fachpersonen dennoch Kontakt, Vertrauen und Sicherheit schaffen?

Dass Survivor nicht sprechen können/wollen, hängt mit drei Dingen zusammen: (1) Reden über traumatische Erfahrungen destabilisiert Betroffene. (2) Betroffene wollen nicht als beschädigt, bedürftig oder schwach angesehen werden und haben oft die Überzeugung, es allein zu schaffen und versuchen deshalb ihre Beeinträchtigungen zu verharmlosen. (3) Traumatische Erfahrungen sind in der Regel mit ausgeprägten Schamgefühlen verbunden, insbesondere, wenn es sich um sexualisierte Gewalt handelt.

Viele Betroffene merken instinktiv, dass die Vergangenheit sie immer wieder einholt – für viele ist dies oft schlimmer als das ursprüngliche Ereignis. Sie werden von den gleichen Gefühlen übermannt, die damals in der traumatischen Situation auftraten. Wir versuchen Betroffenen klarzumachen, dass sie das ganze überlebt haben und dass sie nun in einer anderen Lebenssituation sind, wo sie mit unserer Hilfe anders an die Dinge herangehen können. Sie sind nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern können sich proaktiv mit den Folgen auseinandersetzen. Wenn dies gelingt, hat das etwas ungemein Befreiendes. Der Heilungsweg führt über vier Stufen: (1) Opfer, (2) Survivor, (3) Kämpfer in eigener Sache und (4) Frieden finden.

Sie zitieren Maggie Schauer: „Wir Menschen tragen die Fähigkeit in uns, das Trauma zu entmachten.“ Wie kann Pflege dazu beitragen, dass Betroffene diese innere Stärke wiederfinden?

Wir müssen versuchen, Betroffenen klarzumachen, dass sich Traumafolgen überwinden lassen. Dabei sollen keine unrealistischen Erwartungen geweckt werden – eine Behandlung erfordert Zeit, Mut, Einsatz und Durchhaltewille. Niemand kann die Vergangenheit ungeschehen machen – das Ziel ist nicht vergessen, was geschehen ist, sondern die Folgen überwinden oder zumindest mit den Folgen leben zu können und eine versöhnliche Haltung zu finden. Das gelingt, abgesehen von einer professionellen Behandlung, je mehr sich Betroffene ernst genommen und verstanden fühlen.

Wie können sich Pflegefachpersonen vor sekundärer Traumatisierung schützen und ihre eigene Resilienz stärken?

Das Wichtigste ist wohl die eigene Einstellung zur Arbeit. Wissen, was man tun muss, und wissen, warum man es tut. Aber auch wissen, was man nicht tun soll. Wichtig ist auch, dass Fachleute nicht allein bleiben, sondern sich vernetzen und sich mit anderen austauschen. Gegenseitige Unterstützung ist eine wertvolle Ressource! Wichtig sind auch genügend Pausen und Erholungszeit.

Das letzte Kapitel heißt: “Die stürmische See – Was lernt man aus Krisen?” Wie kann man es schaffen, trotz erlittener Traumata zu leben und nicht nur zu überleben?

Entscheidend ist es, sich den traumatischen Erlebnissen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen. Das ist oft sehr anspruchsvoll, da neben den Symptomen der Traumfolgestörung oft schwerwiegende Folgen in Bezug auf Beziehungen, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe entstanden sind. Neben einer engagierten therapeutischen Begleitung braucht es von Seiten der Betroffenen Mut, das Aushaltenkönnen von belastenden Situationen und Gefühlen, Durchhaltevermögen und Geduld. Das ist schneller gesagt als getan und ist nicht in allen Fällen möglich. Gleichwohl ist es vielen Menschen gelungen, aus ihren traumatischen Lebenserfahrungen Stärke, Kraft und Zuversicht zu finden. Die drei Beispiele in unserem Buch stellen Personen vor, die weltbekannt geworden sind. Wir wollten damit verdeutlichen, dass Überwindung von traumatischen Erfahrungen möglich ist. Das ist nicht nur diesen drei bekannten Personen gelungen, sondern vielen anderen ebenfalls, die ihren Alltag heute besser bestreiten können. Oft sieht man, dass Betroffene eine unerwartete Stärke aus ihren durchgemachten Erfahrungen gewonnen haben und dass es ihnen gelingt eine versöhnliche Haltung zu finden gegenüber ihrem Schicksal.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Werner Tschan

Dr. Werner Tschan ist als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie seit 1990 in eigener Praxis tätig. Schwerpunkt ist die Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen. Neben dem Medizinstudium verfügt Werner Tschan über einen Masterabschluss in „Angewandter Ethik“ der Universität Zürich sowie einen Zertifikatsabschluss in der „Behandlung von Sexualdelinquenten“ der Universität Mainz. Seine langjährige Tätigkeit mit betroffenen Opfern, deren Angehörigen, den Institutionen sowie den Tätern bzw. Täterinnen gibt ihm einen profunden Einblick in die Opfer-Täter-Institutionsdynamik und die systemischen Zusammenhänge im Hinblick auf die Entstehungsbedingungen von sexualisierter Gewalt.
Werner Tschan war Mitglied am Erweiterten Runden Tisch der Deutschen Bundesregierung „Sexueller Kindesmissbrauch“ und er hat die Schweizer Behörden bei der Überarbeitung des Sexualstrafrechtes beraten.

Dr. Jörg Wanner

Dr. Jörg Wanner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, von 1992–2012 Leitender Arzt und stellvertretender Chefarzt der Externen Psychiatrischen Dienste Baselland. In dieser Tätigkeit war er verantwortlich für das Ambulatorium Bruderholz inkl. Konsiliar- und Liaisondienst, Tagesklinik und Ambulatorium Münchenstein und den Bereich Forensik. Als Mitglied des kantonalen Krisenstabs war er am Aufbau des Care Teams beteiligt und nahm an diversen Einsätze in Katastrophensituationen teil. Seit 2013 ist er in eigener Praxis tätig. Schwerpunkt ab 2016: Behandlung von Traumafolgestörungen. Er hat diverse Veröffentlichungen in Fachzeitschriften verfasst.

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