Sinn und Werte: Warum sie für psychische Gesundheit entscheidend sind
Prof. Dr. Alexander Noyon und Prof. Dr. Thomas Heidenreich, Autoren des Bandes „Sinn- und Werteorientierung“ aus der Reihe „Standards der Psychotherapie“, erklären im Gespräch, warum Werte und Sinn entscheidend für psychische Gesundheit und Resilienz sind. Sie beleuchten, wie Werte Orientierung geben, Ziele Richtung schaffen und Methoden Bewegung ermöglichen. Verschiedene therapeutische Ansätze – von ACT bis Frankl – helfen, den inneren Kompass neu auszurichten.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Werten und psychischer Gesundheit?
Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihr Leben im Großen und Ganzen zu dem passt, was Ihnen wirklich wichtig ist, dann trägt das enorm zur psychischen Stabilität bei. Das klingt banal, ist es aber überhaupt nicht. Wir begegnen häufig Menschen, die ein Talent dafür haben, ein Leben zu führen, das wenig zu ihren inneren Überzeugungen passt. Manchmal, weil sie es nie gelernt haben, auf ihre eigenen Werte zu hören. Manchmal, weil sie sie zwar kennen, aber seit Jahren erfolgreich ignorieren. Und manchmal, weil sie einfach im Hamsterrad stecken und vergessen haben, warum sie überhaupt losgelaufen sind.
Wenn Werte gelebt werden, entsteht das, was viele als „Sinn“ bezeichnen – dieses Gefühl, dass das eigene Leben kohärent ist, dass es sich lohnt, es zu gestalten. Und umgekehrt: Wenn jemand permanent gegen seine Werte lebt, entsteht ein innerer Verschleiß. Man macht alles „richtig“, aber es fühlt sich trotzdem falsch an. Typisches Beispiel: Menschen, die eigentlich Wert auf Nähe und Verbundenheit legen, die aber aus Angst vor Ablehnung jeden sozialen Kontakt meiden. Oder Menschen, die den Wert „Selbstbestimmung“ hochhalten, aber in einem Job feststecken, der ihnen keinerlei Handlungsspielraum lässt. Das kann zu einem dauerhaften Rumoren führen, zu einem Gefühl von „gelebt werden” statt wirklich selbst zu leben.
Die Forschung zeigt uns das auch schwarz auf weiß: Wer seine Werte kennt und ihnen weitgehend folgen kann, ist resilienter, weniger gestresst, seltener depressiv. Es ist ein bisschen wie ein innerer Kompass. Wenn der funktioniert, kommt man auch durch dichten Nebel – aber, wenn er kaputt ist oder man ihn nie ernst nimmt, landet man irgendwann im Wald und fragt sich, wie man da hineingeraten ist.
Wie lassen sich die Begriffe Wert, Ziel und Sinn im therapeutischen Kontext voneinander abgrenzen?
Das Trio „Wert – Ziel – Sinn“ klingt erst mal nach akademischer Haarspalterei, sorgt aber tatsächlich oft für Verwirrung. Dabei ist die Abgrenzung erstaunlich elegant – wenn man sie einmal verstanden hat.
Werte sind die tiefen, zeitübergreifenden Leitlinien. Sie beschreiben, was einem im Leben wichtig ist – nicht nur am Dienstag zwischen 15 und 16 Uhr, sondern quer durch alle Lebenslagen. Werte sind die Richtung auf dem inneren Kompass: „Ich möchte ein Mensch sein, der fair ist.“ Oder: „Verbundenheit soll in meinem Leben eine Rolle spielen.“ Werte kann man nicht „erledigen“. Niemand sagt: „So, die Freundlichkeit ist jetzt durchgespielt.“
Dann kommen die Ziele. Ziele sind erreichbare Zustände in der Zukunft: „Ich möchte wieder eine warme, stabile Beziehung zu meiner Schwester haben.“ Oder: „Ich möchte beruflich so arbeiten, dass ich das Gefühl habe, Menschen wirklich zu helfen.“ Ziele haben eine Qualität von „Danach“ – wenn sie erreicht sind, hat sich etwas im Leben verändert. Sie sind überprüfbar, endlich und konkret.
Und dann gibt es noch eine dritte Ebene, die viele beim ersten Nachdenken fälschlich als Ziel bezeichnen: die Methoden oder Strategien. Das sind die ganz konkreten Handlungen, mit denen man ein Ziel verfolgt. Wenn der Wert „Verbundenheit“ wichtig ist und das Ziel lautet „Ich möchte wieder näher an meine Schwester heran“, dann wäre eine Methode: „Ich rufe sie diese Woche zweimal an.“ Und wenn der Wert „Fürsorge“ im Raum steht und das Ziel ist, wieder aktiver Teil der gemeinsamen Elternschaft zu sein, dann könnte die Methode heißen: „Ich übernehme zwei Nachtschichten.“ Methoden sind Werkzeuge, nicht Endpunkte.
Und schließlich ist da noch der Sinn. Sinn ist weder Wert noch Ziel. Sinn ist das Gefühl, das entsteht, wenn beides zusammenpasst – wenn das, was mir wichtig ist, sich auch in meinem Leben zeigt. Sinn ist die innere Rückmeldung: „Ja. Das bin ich.“ Oder: „Das hier ergibt für mich einen stimmigen Bogen.“ Sinn lässt sich nicht machen, aber er zeigt sich, wenn Werte Orientierung geben, Ziele Richtung schaffen und Methoden Bewegung ermöglichen.
Im therapeutischen Alltag nutzen wir oft die Metapher eines Navigationsgeräts:
- Werte sind die Himmelsrichtung („Nordost!“).
- Ziele sind die Wegpunkte („In 200 Metern rechts abbiegen.“).
- Methoden sind die einzelnen Schritte („Jetzt halten, jetzt Gas geben.“).
- Und Sinn ist das Gefühl unterwegs: „Wir sind auf der richtigen Strecke.“
Diese Klarheit ist hilfreich – nicht, um Menschen in Schubladen zu stecken, sondern um ihnen zu zeigen, dass ihr inneres Chaos eigentlich ein ziemlich gut sortierbares System ist.
Frankl, Schwartz oder ACT: Verschiedene Modelle verstehen unter „Werten“ Unterschiedliches. Welche dieser Unterschiede beeinflussen im Alltag einer Therapie wirklich, wie man arbeitet?
Diese Modelle haben alle ihren Charme – und ihre je eigene Marotte. Und wie immer in der Psychotherapie gilt: Die Theorie kann man schätzen, aber im Alltag muss man mit Menschen arbeiten. Da zeigt sich schnell, welche Unterschiede wirklich etwas ausmachen.
Schwartz bietet ein inhaltliches Raster, das viele Menschen sofort anspricht. Wenn jemand die 19 Wertkategorien sortiert, sieht man sofort: „Ah! Leistungswert extrem stark, Selbstfürsorge im Keller.“ Das ist wie ein Röntgenbild für die eigene Lebenslogik. Und man erkennt Muster, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte – etwa, dass man unbewusst traditionellere Werte lebt als gedacht.
Frankl bringt eine ganz andere Dimension hinein als Schwartz: eine existenzielle Tiefenschärfe, die nicht aus der Psychologie, sondern aus der Erfahrung kommt, dass Leben immer auch Bruch, Verlust und Leid kennt – und dass Werte gerade dort sichtbar werden.
Sein Modell der schöpferischen, Erlebnis- und Einstellungswerte ist nicht einfach eine Sortierhilfe, sondern eine Haltung:
Werte sind nicht nur das, was wir tun (schöpferisch), und nicht nur das, was wir erleben (erlebnisbezogen), sondern auch das, was wir dem Unvermeidlichen entgegenhalten – nämlich unsere Einstellung dazu.
Dieser dritte Bereich ist das wirklich Frankl‘sche. Er beschreibt ihn mit seinem Konzept der Selbsttranszendenz: Der Mensch findet Sinn nicht, indem er im eigenen Nabel kreist, sondern indem er über sich hinaus auf etwas oder jemanden zugeht. In Beziehung, in Verantwortung, in Hingabe. Und gerade im Umgang mit Leid — bei Frankl die berühmte „tragische Trias“ aus Leid, Schuld und Tod — zeigt sich dieser Wert am stärksten.
Das ist therapeutisch hochrelevant:
Viele Menschen kommen nicht deshalb in die Krise, weil ihnen „schöpferische Werte“ fehlen, sondern weil sie in einer Situation stecken, die sich nicht lösen, sondern nur annehmen und gestalten lässt. Angst, Krankheit, Endlichkeit, Schuldgefühle, biografische Brüche – für diese Situationen bietet ACT gute Werkzeuge, aber Frankl benennt die Ebene darunter: die Frage nach der inneren Haltung, dem „Wie“ des Ertragens und Gestaltens.
ACT schließlich liefert die praktische Direktheit: Werte sind Richtungen, und man bewegt sich dorthin – auch wenn es unangenehm ist. Das ist wunderbar alltagstauglich, weil es keinen Sinn von Pathos braucht. Man muss nicht erst die große Lebensphilosophie klären. Man fängt an.
In der Praxis mischen wir die Ansätze oft intuitiv:
• Schwartz für Klarheit,
• Frankl für Tiefe und innere Stabilität,
• ACT für Handlungsenergie.
Kurz: Die Unterschiede sind relevant – aber nicht akademisch. Sie bestimmen, wie ich frage, wie ich Struktur anbiete, und wie schnell ich von der Analyse ins Tun gehe.
Welche einfachen Einstiegsfragen oder Übungen helfen, einen ersten Zugang zu persönlichen Werten zu öffnen?
Man muss nicht mit der großen Sinnfrage beginnen. Im Gegenteil: Viele Menschen reagieren allergisch, wenn man sie mit „Wozu leben Sie eigentlich?“ überrascht. Deswegen starten wir gerne niedrigschwellig, mit Fragen, die unaufgeregt daherkommen:
- „Was kommt in Ihrem Leben gerade zu kurz?“ Die meisten wissen das sofort.
- „Wofür würden Sie morgen früher aufstehen, wenn es wirklich wichtig wäre?“
- „Wenn ich Ihre beste Freundin jetzt hier hätte – was würde die mir sagen, was für ein Mensch Sie sind?“
Eine sehr einfache Möglichkeit ist schlicht auch die Betrachtung der Werteliste, die wir im Anhang unseres Buches haben. Das kann man entweder gemeinsam mit einer Person machen, oder aber auch die Liste mit nach Hause geben und sie dann in der nächsten Stunde gemeinsam sichten.
Auch sehr nützlich ist die Lebenslinie. Wenn jemand seine bisherige Biografie aufzeichnet – mit Höhen, Tiefen, Wendepunkten –, zeigt sich fast automatisch, welche Werte immer wieder auftauchen, auch wenn sie lange vergessen waren.
Welche wertebezogenen Interventionen gibt es und bei welchen Störungsbildern werden sie eingesetzt?
Die Palette ist breit und zum Glück auch therapiealltagstauglich:
- Imaginative Übungen, die etwas tiefer gehen: Zukunftsszenarien, Grabrede, die „beste mögliche Version von mir“.
- Strukturierende Tools wie das Vier-Felder-Schema („Was ist mir wichtig – was tue ich tatsächlich?“).
- Verhaltensaktivierung, die in der Depressionsbehandlung bewährt ist: Wir holen Werte zurück ins Leben, Schritt für Schritt, auch wenn gerade keine Kraft da ist.
- Metaphernarbeit: Der innere Kompass, das Haus auf mehreren Säulen, der Rucksack der fremden Erwartungen. Menschen merken sich Bilder besser als Fachbegriffe.
- Werte-Experimente: kleine, unkomplizierte Verhaltensproben („Was passiert, wenn ich drei Tage lang so handle, als wäre Mut ein wichtiger Wert?“).
Bei welchen Störungsbildern wirkt das? Im Grunde überall, aber besonders klar bei:
- Depressionen: wenn Vermeidung das Leben verengt hat.
- Angststörungen: wenn „nicht fühlen wollen“ wichtiger geworden ist als „leben wollen“.
- Zwangsstörungen: Werte helfen, sich vom Ritual loszulösen.
- Burnout/Erschöpfung: häufig wegen Werte-Verlust oder Werte-Kollision.
- Anpassungsstörungen und Sinnkrisen: die natürliche Heimat werteorientierter Arbeit.
- Chronischen Erkrankungen: Frankls Einstellungswerte wirken hier oft wie ein Durchatmen.
Werthaltige Arbeit ist also kein Spezialeffekt der dritten Welle. Sie ist Grundlagenarbeit. Und sie ist in dem Sinne sehr grundsätzlich, als sie transdiagnostisch sehr prinzipiell mit der Frage des gelingenden Lebens zu tun hat.
Wie kann man mit Ziel- und Wertekonflikten umgehen, welche Rolle spielen Erwartungen von außen?
Konflikte zwischen Werten sind normal – unsere Lebensrealität ist kein harmonischer Garten, sondern eher eine Wildwuchs-Wiese: Es wird ständig etwas ausgehandelt, und wir Menschen sind fortwährend im „Dilemma“.
Häufige Konflikte:
- Nähe vs. Autonomie
- Sicherheit vs. Freiheit
- Harmonie vs. Ehrlichkeit
- Verantwortung für andere vs. Verantwortung für sich selbst
Der erste Schritt ist, den Konflikt zu entwirren. Viele Menschen merken nämlich gar nicht, dass sie versuchen, zwei widersprüchliche Werte gleichzeitig auf 100 % zu halten. Das funktioniert nur in PowerPoint-Diagrammen.
Der zweite Schritt: Welche Anteile gehören zu mir – und welche stammen aus Erwartungen anderer?
Äußere Erwartungen sind wie zusätzliche Stimmen im eigenen Kopf – manche hilfreich, manche nervig, manche einfach nur laut. Eltern, Partner*innen, Chefs, kulturelle Normen: Alle sprechen mit.
Therapeutisch helfen dann:
- Prioritätenlisten („Welcher Wert ist in diesem Lebensabschnitt wichtiger?“)
- harte Entscheidungen („Ich kann nicht beides gleichzeitig maximal haben. Was wähle ich bewusst?“)
- kleine realistische Experimente („Was passiert, wenn ich eine Woche lang Autonomie höher gewichte?“)
Ziel ist weniger, den Konflikt vollständig aufzulösen – meist geht das gar nicht –, sondern eine lebenspraktische, stimmige Rangordnung zu finden. Eine, die man trägt, statt sich von ihr tragen zu lassen. In diesem Sinne ist eine der Kernbotschaften, die wir in Therapien (und auch Supervisionen) wie eine Platte mit Sprung auf Dauerwiedervorlage haben: „Leiden, Verzicht, Wahl, Paradoxie, Dilemma, Imperfektheit … sie alle sind unausweichlich und gehören somit ins Leben hinein, lassen sich nicht herauslösen.“
Eine werteorientierte Therapie lebt auch von der Haltung der Behandelnden. Wo verläuft die Grenze zwischen hilfreicher Selbstöffnung und dem Risiko, den eigenen Weg zu stark in den Vordergrund zu rücken?
Wertearbeit erzeugt Nähe – und Nähe erzeugt manchmal den Wunsch, sich mitzuteilen. Das ist verständlich, aber therapeutisch muss man sehr genau hinschauen. Selbstöffnung ist wie Salz: eine Prise kann das Gericht retten, eine Handvoll ruiniert es.
Hilfreiche Selbstöffnung ist:
- situativ,
- dosiert,
- klar dem Anliegen der Patientin/des Patienten verpflichtet,
- und niemals Selbstzweck.
Typischerweise sagen wir nur dann etwas Persönliches, wenn es einen Prozess öffnet oder entdramatisiert. Wenn es Orientierung schafft, ohne die Bühne an uns zu reißen.
Gefährlich wird es, wenn:
- die Selbstöffnung mehr über meine Bedürfnisse erzählt als über die der Patientin/des Patienten,
- wenn ich beginne, meinen Lebensstil als impliziten Maßstab zu setzen,
- oder wenn ich mit meinen Werten „modellieren“ möchte, was der andere gefälligst wichtig zu finden hat.
Die Haltung, die wir anstreben, ist eine Mischung aus authentisch, transparent und gleichzeitig zurückgenommen. Ich bin anwesend – aber nicht der heimliche Protagonist. Das eigene Leben darf mitschwingen, aber nicht den Ton angeben.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Alexander Noyon
Prof. Dr. Alexander Noyon, geb. 1968. 1989 bis 1994 Studium der Psychologie in Saarbrücken. 1994 bis 1997 Tätigkeit in psychiatrischen und neurologischen Kliniken, 1997 bis 2007 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent am Psychologischen Institut der Universität Frankfurt. 2002 Promotion. 2006 bis 2007 Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt, seit 2000 begleitend eigene psychotherapeutische Praxis. Seit 2007 Professur für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Mannheim. Ausbildungen in Verhaltenstherapie und Logotherapie/Existenzanalyse, seit vielen Jahren Dozent und Supervisor für Verhaltenstherapie und Logotherapie an unterschiedlichen Instituten. Arbeitsschwerpunkt: Sinnzentrierte Psychotherapie und Beratung.
Prof. Dr. Thomas Heidenreich
Prof. Dr. Thomas Heidenreich, geb. 1966, 1988 bis 1994 Studium der Psychologie in Konstanz, 1994 bis 2006 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent am Psychologischen Institut der Universität Frankfurt und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Frankfurt. 2000 Promotion, 2007 Habilitation. 2004 bis 2006 Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2006 Professur „Psychologie für Soziale Arbeit und Pflege“ an der Hochschule Esslingen. Ausbildung in Verhaltenstherapie, Ausbildung als Supervisor, seit vielen Jahren Dozent und Supervisor für Verhaltenstherapie. Arbeitsschwerpunkt: Sinnzentrierte Psychotherapie und Beratung, Achtsamkeitsbasierte Interventionen.