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Raus aus dem Gedankenknast: Wie wir Grübelschleifen verlassen und kreativer denken

Grübeln, Selbstzweifel und festgefahrene Denkmuster kennt fast jede*r. Viele glauben außerdem, Kreativität sei eine angeborene Begabung. Dabei ist sie eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt – und die uns helfen kann, Probleme zu lösen, neue Perspektiven einzunehmen und aus mentalen Sackgassen herauszufinden. In ihrem Buch “Raus aus dem Gedankenknast” zeigen Dr. Maja Storch, Dr. Giovanna Eilers und Prof. Dr. Georg Adlmaier-Herbst, wie kreatives Denken entsteht und warum es der Schlüssel zu mehr Freiheit im Kopf sein kann.

Im Interview sprechen die Autor*innen über verbreitete Mythen rund um Kreativität, die Rolle von Gefühlen und Perspektivwechseln sowie darüber, welche Erkenntnisse unter anderem die PSI-Theorie zum Verständnis kreativer Prozesse beiträgt. Sie erklären, warum Kreativität kein Talent weniger Auserwählter ist, sondern eine Fähigkeit, die jede*r entwickeln kann.

Eine Illustration, die einen Menschen zeigt, der statt eines Kopfes einen Vogelkäfig hat. Dieser ist offen und ein Vogel fliegt heraus

Bild: Shutterstock / fran_kie

Was ist eigentlich der „Gedankenknast“? Warum geraten wir immer wieder in Schleifen und wie kommen wir da wieder heraus?

Der Gedankenknast ist kein äußerer Zustand, sondern ein inneres Gefangensein im eigenen Denken: Wir grübeln, drehen uns im Kreis und stoßen immer wieder auf dieselben, letztlich nutzlosen Gedanken. Paradox dabei ist, dass es uns nicht an Anstrengung mangelt, sondern an neuen Ideen – je verbissener wir nach Klarheit suchen, desto enger wird es im Kopf. Heraus kommen wir, indem wir bewusst auch ungewöhnliche, selbst scheinbar absurde Gedanken zulassen, statt sofort nach der einen richtigen Antwort zu suchen.

Viele Menschen sagen von sich, sie wären einfach nicht kreativ. Was würden Sie Menschen darauf antworten? Gehört es zu den Mythen rund um Kreativität, dass sie quasi angeboren ist und nicht erlernbar?

Wer von sich sagt, nicht kreativ zu sein, ist einem der hartnäckigsten Mythen aufgesessen: der Vorstellung, Kreativität sei eine exklusive Gabe für einige wenige Auserwählte wie Künstler oder Genies. Die moderne Persönlichkeitsforschung zeigt jedoch eindeutig, dass Kreativität keine feste, angeborene Eigenschaft ist, sondern eine Fähigkeit, die alle Menschen besitzen und die sich – wie ein Muskel – trainieren lässt. Wer bei den letzten Problemen im Job oder zu Hause improvisiert oder einen eigenen Weg gefunden hat, statt eine Standardlösung anzuwenden, hat bereits kreativ gehandelt.

Ihre Formel lautet: Neu + Nützlich = Kreativ. Vermutlich hätten gar nicht so viele Menschen gedacht, dass Kreativität auch einen Mehrwert haben muss. Wie ist das zu verstehen?

Viele Menschen verbinden Kreativität mit Originalität allein – mit einem überraschenden, ungewöhnlichen Einfall. Doch eine Idee ist erst dann wirklich kreativ, wenn sie zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt: Sie muss neu sein, also in dieser Form noch nicht existiert haben, und sie muss nützlich sein, also einen echten Mehrwert bieten, indem sie ein Problem löst oder das Leben erleichtert. Eine Idee, die zwar originell, aber unbrauchbar ist, bleibt eine Spielerei. Erst das Zusammenspiel macht aus einem Einfall eine kreative Leistung – ob bei der originellen Unterrichtsstunde einer Lehrerin oder bei einem simplen Haargummi, das als Griffhilfe am Wasserhahn dient.

Das Buch arbeitet mit der PSI-Theorie. Was macht dieser Ansatz sichtbar, das klassische Kreativitätstechniken nicht erklären?

Die PSI-Theorie ist deswegen so spannend, weil sie Menschen und ihr Verhalten nicht aus der Perspektive von starren Persönlichkeitseigenschaften oder Typologien betrachtet („sie ist eine kreative Person, er dagegen nicht“). Es geht vielmehr darum, was – in Bezug auf Kreativität – im Gehirn dynamisch passiert. Julius Kuhl nennt das den funktionsanalytischen Blick: Wir schauen auf das Ineinandergreifen von verschiedenen Aktivitäten im Gehirn, wie sie Hand in Hand gehen, gut aufeinander abgestimmt sind oder vielleicht auch eben nicht. Kreativität ist, aus der Brille der PSI-Theorie gesehen, eine supergute Abstimmungsleistung im Gehirn und weniger eine Eigenschaft der Person oder ein Ort im Gehirn. Und die Abstimmung – die ist erlernbar und trainierbar! 

Sie beschreiben Kreativität als „Teamwork im Gehirn“. Das klingt zunächst überraschend. Wer arbeitet in diesem Team eigentlich zusammen – und warum entstehen gute Ideen erst, wenn diese „Mitspieler“ zusammenspielen?

Die PSI-Theorie beschreibt vier große Funktionssysteme im Gehirn, und jedes dieser vier hat seine besondere Aufgabe. Kreativität ist dann im besten Sinne möglich, wenn alle vier Systeme mit im Boot sind und sich „die Bälle zuspielen“: 

Ein System ist verantwortlich dafür, Neues zu entdecken – das braucht es, um Kreativität zu initiieren. Ein zweites sorgt für Reflexion, Struktur und Ordnung für das neu Geplante. Das dritte System im Team ist eine immense Bastelstube, die Bekanntes mit Neuem vielfältig kombinieren kann. Und last but not least ist das vierte System die ausführende Kraft. Wenn jedes dieser vier Systeme von uns genutzt wird, und zwar in passender Abfolge – dann kann Kreativität sich entfalten.

Sie zeigen, dass Kreativität sowohl divergentes als auch konvergentes Denken braucht. Weshalb fällt vielen Menschen gerade dieser Wechsel so schwer?

Divergentes und konvergentes Denken entspringen zwei unterschiedlichen mentalen Systemen: Unser bewusster Verstand denkt strukturiert, analytisch und zielgerichtet, während unser Unbewusstes assoziativ, spielerisch und offen für viele Richtungen zugleich arbeitet. Der Wechsel fällt schwer, weil sich beide Modi in ihrer Arbeitsweise fast widersprechen: Divergentes Denken braucht Freiheit und Toleranz für scheinbar absurde Ideen, konvergentes Denken dagegen Bewertung und Fokussierung – wer beides gleichzeitig versucht, erlebt oft, wie der innere Kritiker frische Einfälle sofort zerpflückt, bevor sie sich entfalten können. Schaltet der Verstand zu früh in den konvergenten Modus, filtert er ungewöhnliche Ideen aus, bevor sie eine Chance hatten; bleibt man dagegen zu lange divergent, fehlt die Struktur für eine Entscheidung. Die eigentliche Kunst liegt deshalb in einer bewussten Choreografie: erst divergent sammeln, dann konvergent auswählen, wieder divergent erweitern und schließlich konvergent zur finalen Lösung kommen.

Welche Rolle spielen Gefühle und Stimmungen im kreativen Prozess – sind sie eher Störfaktoren oder wichtige Hinweise darauf, welches innere System gerade aktiv ist?

Gefühle sind Kompass und Schlüsselbund für den kreativen Prozess – sie erleichtern uns den Zugang zu Kreativität! Immer, wenn eines unserer vier Funktionssysteme im Gehirn aktiviert wird, entsteht eine dazugehörige spezifische Stimmung. Wenn ich in einer Situation die eigene Stimmung bewusst wahrnehme, habe ich eine Information darüber, welches System gerade aktiv ist – wie eine Art innerer Kompass. Die nächste Stufe ist es, das System, das man gerade am besten brauchen könnte, um kreativ zu sein, bewusst ansteuern zu können. Dazu braucht es das Wissen um Stimmungen, wie man sie herunterfahren kann, sie verstärken oder sie verändern kann, also die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren. Gefühlsregulation ist ganz zentral für den kreativen Prozess – es ist der Schlüsselbund, der die verschiedenen Systeme im Gehirn „aufschließt“.

„Spontaneität braucht Vorbereitung“ ist eine der überraschenden Aussagen im Buch. Was steckt dahinter?

Wenn man gerne spontan sein möchte, dann kann man in der Tat Vorbereitungen treffen. Wir sprechen natürlich nicht davon, dass man spontan völligen Unsinn verzapft, sondern von einer Spontaneität, die eine angemessene und adäquate Handlung beinhaltet. Aus der PSI-Theorie ergibt sich, dass für diese Art der schnellen Verarbeitung von Umweltstimuli das emotionale Erfahrungsgedächtnis zuständig ist. Wenn es mir gelingt, zielgerichtet Zugriff auf das emotionale Erfahrungsgedächtnis zu bekommen, kann ich mich darauf verlassen, dass aus meinem großen Erfahrungsarchiv etwas Passendes bereitgestellt wird. Und zwar in kürzester Zeit. 

Warum hilft es manchmal, ein Problem nicht weiter zu zerdenken, sondern die Perspektive, die Rolle oder sogar die Körperhaltung zu wechseln?

Der Verstand, der für das Denken zuständig ist, fährt halt oft immer in den gleichen Bahnen. Das ist eben der Gedankenknast, der unserem Buch den Titel gegeben hat. Wenn wir auf frische, neue Ideen kommen wollen, müssen wir dem Verstand auch neuen Input geben. Und das klappt über Perspektivwechsel, ein neues Narrativ in Form einer neuen Rolle oder über Embodiment-Vorgänge ganz hervorragend und verblüffend einfach.

Wenn Leser*innen sofort etwas ausprobieren möchten: Welche Übung empfehlen Sie als ersten Schritt aus dem Gedankenknast?

Ganz wichtig ist in unseren Augen, sich damit zu befassen, wie ich sicher, schnell und zuverlässig Zugang zum emotionalen Erfahrungsgedächtnis bekomme. Übungen dazu finden sich in gut sortierten Häppchen in unserem Buch. Wenn man das gut im Griff hat, hat man den besten Grundstein für Kreativität gelegt, den wir kennen.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Georg Adlmaier-Herbst

Prof. Dr. Georg Adlmaier-Herbst leitet die Forschungsstelle „Berliner Management Modell für die Digitalisierung (BMM)“ am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin. Er lehrt Selbstmanagement im Masterstudiengang Wissenschaftsmanagement an der Technischen Universität Berlin und verantwortet seit vielen Jahren Module in Executive-Programmen an der Universität St. Gallen.

Foto: © Jan Knoff Eyes Ears of Europe

Dr. phil. Maja Storch

Dr. phil. Maja Storch, Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin. Sie ist Gründerin und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich (ISMZ). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Motivation, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstmanagement, Ressourcenaktivierung, Training und Coaching. Zu ihren Themen hat sie zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen verfasst.

Dr. med. Giovanna Eilers

Dr. med. Giovanna Eilers, Coach und Trainerin. Sie lebt in Berlin, wo sie als Internistin und Diabetologin viele Jahre als Ärztin in der Klinik und in der eigenen Praxis tätig war. Inzwischen ist sie beruflich vorrangig als Coach und Trainerin aktiv. Ihre Schwerpunkte liegen inhaltlich bei den Themen Motivation und einer ressourcenorientierten Herangehensweise an die Besonderheiten, die Menschen durch ihre Persönlichkeit mitbringen.

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