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Pionierinnen der Psychologie – Karrierewege im frühen 20. Jahrhundert

Der Band „Pionierinnen der Psychologie“ porträtiert 32 Wissenschaftlerinnen, die um 1900 geboren wurden und ihre akademische Laufbahn meist nach dem Ersten Weltkrieg begannen. Er beleuchtet typische Barrieren für Frauen in der Wissenschaft während der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der Nachkriegsjahre und zeigt, welche Voraussetzungen für beruflichen Erfolg entscheidend waren. Zudem werden Gemeinsamkeiten in den Lebenswegen, Emigrationsschicksale und persönliche Netzwerke dargestellt. Das Werk bietet damit die bislang umfassendste deutschsprachige Übersicht über die Karrierewege dieser frühen Psychologinnen. Wir haben mit den Autoren, Prof. Dr. Wolfgang Schneider und Prof. Dr. Armin Stock, über das Buch und die Herausforderungen, denen sich Wissenschaftlerinnen bis heute stellen müssen, gesprochen.

Eine Collage von verschiedenen Pionierinnen der Psychologie, Wissenschaftlerinnen in schwarz-weißen Fotografien

Fotocollage: Katharina Feil, ZGP Uni Würzburg, Bildnachweise im Buch

Wenn man auf die frühen Jahrzehnte der Psychologie blickt: Was war grundsätzlich das größte Hindernis für Frauen, überhaupt eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen?

Es gab verschiedene Hindernisse, die teilweise formaler Art, teilweise gesellschaftlicher Art waren. Zu den formalen Hindernissen gehört die lange fehlende Möglichkeit für Mädchen, ein Abitur und damit die Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen. Erst wenige Jahre vor dem 20. Jahrhundert gelang es vereinzelt jungen Frauen, das Abitur abzulegen und es wurden erste Mädchengymnasien eröffnet. Aber selbst mit dem Abitur konnte man sich als Frau nicht einfach regulär für ein Studium einschreiben. Zunächst wurde oft nur ein Gasthörerstatus bewilligt, später öffneten sich einzelne Fächer wie die Pädagogik und die Medizin für Frauen. Oft blieb es jedoch ein Kampf um die Zulassung, dessen Ausgang in der Regel von der Entscheidung von Männern abhing. Hinzu kamen die einschränkenden gesellschaftlichen Geschlechtsstereotype. Die Rolle der jungen Frauen wurde von Seiten ihrer Familien und Angehörigen in aller Regel nicht in der Wissenschaft gesehen, sondern eher in der Rolle der Mutter und Dame des Hauses bei gesellschaftlichen Ereignissen. Die im Buch beschriebenen Wissenschaftlerinnen mussten deshalb gleich mehrere Pionierleistungen vollbringen: zum einen gesellschaftliche und formale Konventionen überwinden und zum anderen in ihrer Wissenschaft Bedeutendes leisten. 

Ihr Buch zeigt sehr unterschiedliche Lebenswege. Was hat Sie bei der Beschäftigung mit diesen Karrieren am meisten überrascht?

So verschieden und teilweise auch tragisch die Lebenswege der von uns portraitierten Pionierinnen waren, sie alle haben einen Faktor gemeinsam, nämlich eine oft schon früh vorhandene, von Neugier getriebene große Leidenschaft für die Wissenschaft und besonders für die Psychologie. „Überrascht“ ist für uns vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber wir waren tief beeindruckt, von der Flexibilität dieser Pionierinnen, die sich in vielen Fällen z.B. durch die erzwungene Emigration in fremde Länder zeigte. Und die es diesen Frauen ermöglichte, sich in kurzer Zeit an neue kulturelle Umgebungen, an eine neue Sprache und an andere Denkweisen anzupassen. Würden wir das als „Überraschung“ bezeichnen, dann würde das bedeuten, dass wir diese Leistungen den Frauen nicht zugetraut hätten. Die Zielstrebigkeit, mit der sie ihre Lebenswege angingen, lässt unsererseits der Entfaltung von Überraschung, in der Art, wie diese Pionierinnen auch Krisenzeiten bewältigten, keinen Raum. Starke Beeindruckung und großer Respekt gegenüber ihren Lebensleistungen trifft es besser. Außerordentlich scheint uns in diesem Zusammenhang, dass immerhin acht der aus Deutschland in USA emigrierten Wissenschaftlerinnen später auch zu den amerikanischen Pionierinnen der wissenschaftlichen Psychologie gezählt wurden.

Sie unterscheiden verschiedene Karriere-Modelle wie Team-, Mitarbeiterinnen- oder Partnerinnen-Modell. Was sagt diese Typologie über die begrenzten Handlungsspielräume von Frauen in der damaligen Wissenschaft aus?

Nicht zu vergessen die Einzelkämpferinnen, die es sicherlich mit am schwersten hatten. Wir würden diese Typologien jedoch nicht in Form von Einschränkungen auf begrenzte Handlungsspielräume von Frauen deuten wollen. Im Gegenteil, diese Karriere-Modelle eröffneten den Frauen erst die Möglichkeit, überhaupt in einem „geschützten Raum“ wissenschaftlich agieren zu können. Denken wir nur an die sogenannte Quasselstrippe, d.h. das Beisammensein von Kurt Lewin und seinen Doktorandinnen und Doktoranden im schwedischen Café in Berlin. Hier war ein Ort geschaffen, wo jeder frei heraus sagen konnte, was gedacht, erlebt, spekuliert oder kritisiert wurde. Heute würden wir in solchen Situationen von „psychological safety“ sprechen und damit von einem Umfeld, in dem sich wissenschaftliches, innovatives und kreatives Handeln gut entwickeln kann. All diese Modelle waren ein Stück weit hilfreich, um die Karriereanfänge dieser Pionierinnen zu befördern. Entscheidend ist, dass sie es alle geschafft haben, sich aus diesem behüteten Umfeld heraus zu selbständigen und erfolgreich handelnden Wissenschaftlerinnen heranzureifen.

Warum blieb das „Einzelkämpferinnen-Modell“ die Ausnahme – trotz hoher fachlicher Qualifikation vieler Frauen?

Das ist heute wohl nicht groß anders als damals: Als Einzelkämpfer*in hat man weder als Mann noch als Frau in der Wissenschaft große Chancen und daher werden Einzelkämpferinnen und -kämpfer immer eine, wenn auch beachtenswerte, Ausnahme bleiben. Frauen waren in der Weimarer Republik und insbesondere auch während des Nazi-Regimes besonders auf ein unterstützendes Umfeld angewiesen. Dies war im Rahmen der anderen Modelle gegeben, die nicht nur Synergieeffekte, sondern oft auch das anregendere Umfeld bereitstellten. Denken wir nur an die wissenschaftlich inspirierende Atmosphäre am Wiener oder am Berliner Institut in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 

Ein zentrales Thema Ihres Buches sind politische Brüche, insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus. Wie nachhaltig haben Emigration, Berufsverbote und erzwungene Karriereabbrüche die Entwicklung der Psychologie insgesamt geprägt?

Insgesamt gesehen haben diese politischen Brüche, die zunächst in Deutschland entwickelte experimentelle Psychologie, die bis dahin weltweit eine führende Rolle eingenommen hat, weit zurückgeworfen. Es hat viele Jahre nach dem Krieg gedauert, um international wieder anschlussfähig zu werden. Betrachten wir es geschlechtsspezifisch, dann haben wir den Eindruck, dass die zur Emigration gezwungenen Frauen sich oft leichter mit der Anpassung an die neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen taten als die Männer. Charlotte Bühler beispielsweise gelang es in ihrer Umtriebigkeit und Netzwerkfähigkeit schneller, wieder Fuß zu fassen als ihrem Mann Karl. In einigen Fällen halfen auch Kontakte zu ausländischen Wissenschaftlern, die man bereits in Deutschland oder Österreich aufgebaut hatte, um dann in der neuen Heimat wieder in den Beruf und die Berufung zu finden. 

Mehrere emigrierte Pionierinnen konnten im Ausland neue, erfolgreiche Karrieren aufbauen. Welche Rolle spielten internationale Netzwerke und Wissenschaftskulturen dabei?

In der Tat ist es genau dieser rege internationale Austausch gewesen, den die Pionierinnen an ihren Heimatuniversitäten erlebt hatten und der es ihnen ermöglichte, wissenschaftliche Kontakte und Freundschaften mit ausländischen Wissenschaftlern aufzubauen, die in den zwanziger bis dreißiger Jahren Deutschland und Österreich besuchten. Im Falle des Wiener Psychologischen Institut war in diesem Zusammenhang sicherlich die Förderung durch die Rockefeller Foundation sehr hilfreich, die viele Kontakte ermöglichte. In Anbetracht der Geschichte kann man auch heute nur dazu raten, international gut und vor allem freundschaftlich vernetzt zu sein. Die Entscheidung zur Emigration ist sicherlich eine der schwierigsten Entscheidungen. Wie gut, wenn man dann Freunde im Ausland hat, die einem helfen können.

Auffällig ist, dass Anerkennung oft sehr spät oder erst nach dem Ende der aktiven Laufbahn erfolgte. Warum geraten wissenschaftliche Leistungen von Frauen so leicht in Vergessenheit?

Dass die wissenschaftlichen Leistungen von Frauen eher in Vergessenheit geraten, liegt vielleicht auch ein Stück weit an unserer Geschichtsschreibung, die von den Taten „großer Männer“ geprägt ist. Deshalb war es uns ein Anliegen, eigens auf die großartigen Leistungen dieser Pionierinnen aufmerksam zu machen. Ein weiterer Grund besteht darin, dass es bislang nur ganz wenigen Frauen gelungen ist, auf die Position einer Lehrstuhlinhaberin zu kommen und dass es üblicherweise diese Positionen sind, denen sich die Geschichtsschreibung zunächst zuwendet. Als Lehrstuhlinhaber verfügt man über andere personelle und finanzielle Ressourcen und hat es daher leichter, in der Wissenschaft bleibende Spuren zu hinterlassen, die in die Geschichtsbücher eingehen. Von Maria Dorer beispielsweise, die es trotz eines Doppelstudiums von Psychologie und Medizin „nur“ zur außerplanmäßigen Professorin in der Medizin brachte, existiert heute nicht einmal mehr ein Foto. Alle Recherchen danach blieben vergebens und an einer potenziellen Quelle erhielten wir die Mitteilung, dass es damals noch nicht so üblich war, auch Fotos von nur außerplanmäßigen Professor*innen in der Medizin zu machen. 

Wenn Sie den Bogen zur Gegenwart schlagen: Was können heutige Wissenschaftlerinnen – und wissenschaftliche Institutionen – aus den Erfahrungen dieser Pionierinnen lernen?

Begeisterung für die Wissenschaft Psychologie und ein unerschütterlicher Forschungsdrang sind auch heute noch entscheidende Grundvoraussetzungen für den beruflichen Erfolg. Hinzukommen sollte die Bereitschaft zu einem hohen Arbeitseinsatz. Die meisten der Pionierinnen hatten keine eigenen Kinder, denn damals und auch heute noch ist es schwer, Wissenschaftlerin und gleichzeitig Mutter zu sein. Damit sich das große Potential der Frauen in der Wissenschaft entwickeln kann, muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in vielfältiger Weise weiter verbessert werden. Auch heute gibt es noch zu viele Frauen, die eine wissenschaftliche Karriere frühzeitig aufgeben oder gar nicht erst in Betracht ziehen, da sie um diese Schwierigkeiten wissen. Aber die Lebensgeschichten unserer Pionierinnen zeigen auch: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – trotz aller Schwierigkeiten. Sie machen daher heutigen Wissenschaftlerinnen Mut, auch steinige Wege zu beschreiten. Denken wir dabei beispielsweise an Hedda Bolgar, die in einem erfüllten Leben bis wenige Wochen von ihrem Tod mit 103 Jahren noch psychotherapeutisch tätig war und so anderen Menschen helfen konnte

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Wolfgang Schneider

Prof. Dr. Wolfgang Schneider, geb. 1950. Studium der Psychologie, Philosophie und Theologie von 1969-1975 in Wuppertal und Heidelberg. Von 1975-1981 wiss. Angestellter am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Promotion in Psychologie 1979 an der Universität Heidelberg. Von 1981-1982 Visiting Scholar am Department of Psychology, Stanford University (USA). Ab 1982-1991 zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann C3-Professor am Max-Planck-Institut für Psychologie in München. 1988 Habilitation an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Von 1991 bis 2016 Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie IV an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Von 2004 bis 2019 Direktor der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg.

Prof. Dr. Armin Stock

Prof. Dr. Armin Stock, geb. 1966. 1987–1992 Studium der Psychologie in Würzburg. 1992-1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem BMBF Forschungsprojekt, Institut für Psychologie der Universität Würzburg. 1996 Promotion. 1997-2006 Wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent am Lehrstuhl für Psychologie III, JMU Würzburg. 2003 Habilitation. 2004 Preis für Wissenschaftspublizistik der DGPs. 2005 nominiert für den René Descartes Preis für Wissenschaftskommunikation der Europäischen Union. 2006-2009 persönlicher Referent des Präsidenten der Universität Würzburg. Seit 2008 Leiter des Zentrums für Geschichte der Psychologie. Seit 2009 Professor mit Schwerpunkt Geschichte der Psychologie an der Universität Würzburg.