Pflege betrifft uns alle – Herausforderungen und Belastungen von pflegenden Angehörigen
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Die Pflege von Angehörigen betrifft uns alle
„Es gibt nur vier Arten von Menschen auf der Welt", sagte einst Rosalynn Carter, die frühere First Lady der USA: „diejenigen, die pflegende Angehörige waren, diejenigen, die gerade pflegende Angehörige sind, diejenigen, die zukünftige pflegende Angehörige sein werden, und diejenigen, die aktuell die Pflege durch pflegende Angehörige benötigen."
Dieses Zitat zeigt, dass praktisch jeder von uns im Lauf seines Lebens mit diesem Thema konfrontiert ist. In Deutschland werden aktuell rund fünf Millionen pflegebedürftige Menschen überwiegend von Angehörigen im häuslichen Umfeld versorgt – eine Aufgabe, die das Leben der Betroffenen von Grund auf verändern kann.
Wenn sich der Alltag grundlegend verändert
Die Übernahme von Pflegeaufgaben kann unter unterschiedlichen Umständen erfolgen. Manche übernehmen Pflegeaufgaben bewusst und freiwillig, andere dagegen aus einem Mangel an Alternativen. Manche finden sich von einem Tag auf den anderen in der Pflegerolle, andere übernehmen schrittweise mehr und mehr Pflegeaufgaben. Insbesondere Kinder und Schwiegerkinder müssen die Pflege zusätzlich zur eigenen Arbeit und Familie unter einen Hut bringen. Was folgt, ist eine völlige Neuordnung des Lebens – mit oft unerwarteten Herausforderungen und geringer Planbarkeit.
Zu den Veränderungen im Alltag zählen auch die Aufgabe und Neugestaltung bisheriger Rollenverteilungen. Entscheidungen müssen plötzlich allein getroffen oder Aufgaben übernommen werden, für die die pflegebedürftige Person bislang zuständig war. Gemeinsame Urlaubsreisen, Hobbys, selbst sexuelle Aktivitäten – vieles ist nicht mehr wie früher. Bei demenziellen Erkrankungen erleben Angehörige zudem den schmerzlichen Verlust der Person, die sie einst war. Bei Tumorerkrankungen ist die Angst vor dem bevorstehenden Sterben häufig ein täglicher Begleiter.
Die Last der Emotionen
Angehörige erleben deshalb meist ein breites Spektrum belastender Gefühle: Angst vor Verschlimmerung, Zukunftsängste oder Schuldgefühle, wenn sie glauben, nicht richtig zu reagieren. Besonders quälend ist das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht. Schwierige Pflegesituationen können auch Gefühle wie Wut, Ekel und Überforderung auslösen. Wenn daraus impulsive Reaktionen wie Anschreien folgen, entsteht nicht selten ein Teufelskreis aus Gefühlen von Schuld, Ohnmacht und sinkendem Selbstwert.
Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen zeigt klinisch auffällige depressive Symptome.
Wissen schafft Entlastung
Überforderung entsteht auch durch unzureichende Informationen über die Erkrankung und den Umgang mit dieser. Eine gute Information und Aufklärung sind daher von Anfang an wichtig. Besonders bei kognitiven Beeinträchtigungen ist empathisches Verständnis zentral, da sich viele schwierige Situationen aus der Erkrankung ergeben und ein direkter Austausch darüber oftmals nicht mehr möglich ist. „Ich denke dann, dass sie sich einfach etwas mehr anstrengen müsste", berichtet ein pflegender Angehöriger über seine Frustration an schwierigen Tagen. Für einen möglichst kräftesparenden Umgang miteinander im Alltag sind Informationen und die Inanspruchnahme von Beratung durch Fachpersonen sowohl in der Planung als auch in Krisen unerlässlich und hilfreich.
Selbstfürsorge – zwischen Notwendigkeit und Schuldgefühl
Um die Pflege langfristig bewältigen zu können, ohne selbst zu erkranken, ist Selbstfürsorge für pflegende Angehörige essenziell. Doch in der Vereinbarkeit von Pflege und Selbstfürsorge liegt vielfach das Problem. Neben der ohnehin meist hohen Aufgabenlast werden zusätzliche Verpflichtungs- und Schuldgefühle zum Hindernis für die eigene Selbstfürsorge: „Ich habe ein schlechtes Gewissen, mir etwas Gutes zu tun, während er mich brauchen könnte." Oder: „Mir darf es nur gut gehen, wenn es ihm gut geht."
Viele Angehörige sind zu belastet, um aktiv nach Unterstützung zu suchen. Sie haben niemanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. „Ich fühle mich allein gelassen", beschreibt ein Betroffener seine Situation, „Wenn ich denn doch mal was sage, habe ich den Eindruck, dass viele Leute die Situation einfach nicht erfassen können." Hier können geleitete Gesprächs- oder Selbsthilfegruppen eine Möglichkeit zum Austausch, zu praktischen Tipps und zum Kontakt mit Menschen in ähnlicher Situation bieten.
Der Hogrefe Ratgeber „Zu Hause pflegen" (siehe unten) bietet anhand vieler Fallbeispiele Informationen zum Umgang mit pflegebedingten psychischen Belastungen und zu Möglichkeiten der Selbstfürsorge und Entlastung. Für die Vertiefung einzelner Aspekte enthält der Ratgeber Hinweise auf zusätzliche kostenfreie Online-Materialien, Übungen, Filme und Interviews des AOK-Familiencoaches Pflege (https://pflege.aok.de/).
Die Pflege eines Angehörigen ist eine der größten Herausforderungen des Lebens. Sie kann sinngebend und wertvoll sein – aber nur, wenn Pflegende auch auf sich selbst achten und Unterstützung annehmen. Denn nur wer selbst bei Kräften bleibt, kann langfristig für andere da sein.
Prof. Dr. Gabriele Wilz
Prof. Dr. Gabriele Wilz, geb. 1966, 1986-1993 Studium der Psychologie in Marburg. 1998 Promotion. 2008 Habilitation. Approbierte psychologische Psychotherapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie) und Supervisorin. Seit 2009 Professorin für Klinisch-Psychologische Intervention an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Leitung der Hochschulambulanz und des Weiterbildungsprogramms Psychologische Psychotherapie an der FSU Jena. Forschungsschwerpunkte sind u.a. Psychotherapie im Alter, Entwicklung und Evaluation therapeutischer Interventionskonzepte für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz und anderen chronischen Erkrankungen, Ressourcenaktivierung, therapeutische Wirkfaktoren und Beziehungsgestaltung.
Dr. Klaus Pfeiffer
Dr. Klaus Pfeiffer, geb. 1966, 1991-1997 Studium der Psychologie (Bremen und Tübingen), 2010 Promotion, seit 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart (RBK), 2001-2006 Koordinator des Geriatrischen Kompetenzzentrums am RBK, seit 2006 Leitung von Forschungsprojekten, Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und Hochschulen, Anbieter von Fortbildungen für Pflegeberaterinnen und Pflegeberater. Forschungsschwerpunkte: Beratung und Unterstützung pflegender Angehöriger, Sturzangst und geriatrische Rehabilitation. Derzeit selbst pflegender Angehöriger.
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