Mit Drache Frido die Matheangst besiegen
Angst vor Mathe – ein weitverbreitetes Phänomen, das Kindern viel Stress bereiten kann – und ihren Eltern auch. Wie kann man dieser Angst begegnen, wie kann man Kinder dabei unterstützen, Spaß an Mathematik zu entwickeln? Mit dem neuen psychologischen Kinderbuch “Frido und seine Reise nach Feuerland” bieten die Autor*innen Prof. Dr. Annemarie Fritz, Lars Orbach und Sinem Karahisarlioğlu eine spannende Geschichte rund um den Drachen Frido. Frido muss auf seiner Reise nach Feuerland viele (mathematische) Rätsel und Aufgaben lösen, die Kinder können miträtseln und so Stück für Stück mehr Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen. Wir haben mit den Autor*innen über ihr Buch und die Angst vor Mathematik gesprochen.
Was ist eigentlich Mathematikangst und wie viele Kinder leiden darunter?
Mathematikangst, das ist nicht einfach nur ein flaues Gefühl vor der nächsten Mathearbeit. Es ist die echte, körperlich spürbare Angst vor Zahlen, die das Herz schneller schlagen lässt und den Kopf plötzlich leer macht. Kinder mit Mathematikangst fühlen sich oft blockiert, obwohl sie mitunter den Stoff auch können. Ihr Gehirn ist im „Angstmodus“, nicht im „Rechenmodus“.
Und das ist gar nicht so selten: Internationale Studien zeigen, dass etwa jedes fünfte Kind unter Mathematikangst leiden. Schon in der Grundschule, teilweise sogar im Vorschulalter, zeigen manche Kinder Stressreaktionen, wenn Zahlen ins Spiel kommen. Und sie bleibt oft hartnäckig: Wenn sie nicht erkannt und aufgefangen wird, kann sie sich bis in die weiterführende Schule oder sogar ins Erwachsenenalter ziehen.
Kurz gesagt: Mathematikangst ist kein „Ich mag Mathe nicht“, sie ist ein echtes emotionales Hindernis. Aber das Gute ist: Wer sie versteht, kann sie auch überwinden.
Was ist der Unterschied zu einer Rechenstörung, einer Dyskalkulie?
Tatsächlich kann beides miteinander zusammenhängen. Trotzdem sollte man genau unterscheiden. Matheangst ist in erster Linie eine emotionale Reaktion auf Mathematik. Kinder erleben Stress, Anspannung oder sogar Panik, sobald sie mit Zahlen oder Aufgaben konfrontiert werden. Diese Angst kann bei Kindern mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten auftreten. Bei manchen, die mit Mathe gut zurechtkommen, ebenso wie bei anderen, die ohnehin Schwierigkeiten haben.
Eine Rechenstörung oder Dyskalkulie, ist dagegen eine dauerhafte Lernstörung, bei der grundlegende mathematische Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Betroffene Kinder haben schon früh große Probleme, Mengen, Zahlen oder Rechenwege zu verstehen. Ganz unabhängig von Angst oder Motivation.
Allerdings: Beide Phänomene können sich gegenseitig verstärken. Kinder mit Rechenschwierigkeiten entwickeln oft Matheangst, weil sie immer wieder Misserfolge erleben. Und Kinder mit starker Matheangst können durch ihre Anspannung so blockiert sein, dass sie wie rechenschwach wirken.
Kennt man die Ursachen von Mathematikangst?
Ja und sie sind so spannend wie vielschichtig! Ein kleiner Teil ist uns tatsächlich in die Wiege gelegt: Studien zeigen, dass Mathematikangst eine ähnliche Erblichkeit wie andere Ängste hat. Manche Kinder reagieren also von Natur aus sensibler auf Stress oder Leistungsdruck.
Aber Gene allein erklären es nicht. Mathematikangst entsteht, wenn biologische Veranlagung, schlechte Erfahrungen und negative Botschaften zusammenwirken. Ein „Das konnt’ ich auch nie!“ von Eltern oder Lehrkräften kann schnell zum inneren Glaubenssatz werden. Und wenn Angst das Arbeitsgedächtnis blockiert, ist im Kopf plötzlich kein Platz mehr zum Denken.
Somit ist Mathematikangst ein bisschen vererbt, stark erlernt, und zum Glück auch wieder verlernbar.
Welche Auswirkungen kann Matheangst haben, wenn sie nicht bearbeitet wird?
Wenn Matheangst bleibt, wirkt sie wie ein unsichtbarer Bremsklotz, im Kopf und im Leben. Im Unterricht führt sie dazu, dass das Arbeitsgedächtnis blockiert ist: Statt Zahlen zu sortieren, sortiert das Gehirn Sorgen. Das Ergebnis? Fehler, Blackouts und schlechte Noten. Egal, wie gut das Kind den Stoff eigentlich kann.
Langfristig kann Matheangst das Selbstvertrauen und die Lernmotivation untergraben. Kinder vermeiden Rechensituationen, trauen sich immer weniger zu und entwickeln ein „Ich-bin-nicht-gut-in-Mathe“-Selbstbild. Später kann das sogar Berufswahl und Studienentscheidungen beeinflussen. Viele Menschen mit Matheangst meiden alles, was mit Zahlen zu tun hat.
Deshalb schrumpft unbehandelte Matheangst nicht nur die Lust am Lernen, sondern auch die Zukunftsoptionen. Aber: Wer sie ernst nimmt, kann sie auch wieder lösen. Schritt für Schritt, Zahl für Zahl.
Wie kann der Drache Frido Kindern helfen, ihre Angst vor Mathe zu besiegen? Warum haben Sie sich für eine Abenteuergeschichte entschieden und keinen Lernratgeber geschrieben?
Frido ist kein gewöhnlicher Drache! Er ist ein Mutmacher! In der Geschichte erlebt er gemeinsam mit den Kindern Abenteuer, die auf spielerische Weise zeigen, dass Fehler erlaubt sind und dass man vor der Angst nicht weglaufen, sondern sie überlisten kann. Durch Frido lernen Kinder, ihre Angst zu benennen, sie anzuschauen und Schritt für Schritt den Mut zu finden, sich ihr zu stellen.
Wir haben uns bewusst für eine Abenteuergeschichte entschieden, weil Geschichten Kinder dort abholen, wo Ratgeber oft nicht hinkommen: im Erleben, dem Gefühl. Ein klassischer Lernratgeber erklärt, was man tun sollte, eine Geschichte lässt Kinder mitfühlen und mitwachsen. Wenn Frido Angst hat und trotzdem weitermacht, erkennen sie sich selbst wieder und merken: Mut ist keine Zauberei, sondern Übung. Wir alle können mutig sein.
Im Text sind Aufgaben und Tricks integriert, aus welchen Bereichen kommen diese? Welche Strategien lernen die Kinder?
Die Aufgaben und Tricks stammen aus zwei ganz unterschiedlichen Bereichen: aus der Mathedidaktik und der psychologischen Angstforschung. Und genau das ist das Besondere, denn aktuelle Studien zeigen eindeutig: Diese beiden Welten müssen zusammenwirken, wenn Kinder ihre Matheangst wirklich überwinden sollen.
Nur Rechentraining reicht nicht und reine Entspannungsübungen auch nicht. Erst wenn Kinder gleichzeitig mathematische Strategien erlernen und Angstregulation üben, können sie dauerhaft Sicherheit gewinnen.
Darum gibt es im Buch zwei Arten von Kästen:
Die grünen Kästen enthalten Matheaufgaben und Denkstrategien, die Kindern helfen, Strategien zu erkennen und Schritt für Schritt vorzugehen.
Die blauen Kästen zeigen Tricks gegen die Angst. Also Atemübungen, Körperübungen oder Gedankenhilfen, die den Stress im Moment reduzieren. So erleben Kinder, dass Denken und Fühlen zusammengehören: Wer ruhig bleibt, kann besser rechnen – und wer Erfolg beim Rechnen spürt, fühlt sich mutiger.
Wie helfen diese Strategien, das Selbstvertrauen zu stärken – also das Gefühl: Ich kann das!?
Selbstvertrauen entsteht nicht einfach durch Lob, sondern durch erlebte Erfolge. Kleine Momente, in denen ein Kind merkt: Ich schaffe das wirklich! Genau hier setzt Frido an.
Die mathematischen Aufgaben vermitteln Struktur und Klarheit: Kinder lernen, wie sie eine Aufgabe systematisch angehen können. Wenn sie merken, dass sie mit einer guten Strategie ans Ziel kommen, wächst das Vertrauen in die eigene Fähigkeit. Die Emotions- und Körperübungen helfen parallel, den Stress zu senken. Wenn Angst und Anspannung abnehmen, wird der Kopf wieder frei – und das Kind kann zeigen, was es eigentlich kann. So entsteht ein Kreislauf aus Erfolg, Mut und Motivation.
Das Besondere ist: Kinder lernen, dass sie nicht „hilflos ausgeliefert“ sind, sondern Werkzeuge in der Hand haben, um schwierige Situationen selbst zu steuern. Dieses Gefühl von Kontrolle („Ich kann was tun!“) ist der Kern echter Selbstwirksamkeit.
Könnten die "Tricks gegen die Angst" auch bei anderen Ängsten helfen?
Absolut! Viele Strategien, die bei Matheangst helfen, wirken auch bei anderen Ängsten. Denn Angst, egal ob vor Zahlen, Spinnen oder neuen Situationen, funktioniert im Gehirn nach ähnlichen Mustern. Angst verliert ihre Macht, wenn man sie versteht, ihr begegnet und kleine Erfolgserlebnisse sammelt.
Am Schluss des Buches muss Frido eine Prüfung ablegen, das ist nicht nur für Drachen und Kinder eine besondere Stresssituation. Welche Strategien helfen Frido, diese Situation gut zu meistern? Was können wir von Frido lernen?
Frido steht am Ende seiner Reise vor seiner größten Herausforderung. Einer echten Matheprüfung, um in Feuerland aufgenommen zu werden. Früher wäre er am liebsten davongelaufen. Aber jetzt hat er etwas Entscheidendes gelernt. Angst kann man nicht einfach wegzaubern, aber man kann lernen, mit ihr umzugehen. Er erinnert sich an die Strategien, die er auf seine Reise kennengelernt hat. So verwandelt sich seine Angst in Anspannung, die Energie freisetzt, und plötzlich merkt er: Er kann denken, klar bleiben und sogar Spaß an der Herausforderung haben.
Was wir von Frido lernen können? Dass Mut nicht heißt, keine Angst zu haben, sondern weiterzumachen, obwohl sie da ist. Und dass jeder, ob Drache oder Mensch, die Kraft in sich trägt, durch seine Angst die eigenen Stärken zu entdecken.
Ist das Buch eher geeignet dafür, dass Kinder es mit ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen lesen, oder kann es z.B. auch in der Schule und in der Therapie eingesetzt werden?
Am schönsten ist es, wenn Kinder das Buch gemeinsam mit einem Erwachsenen lesen, zum Beispiel mit ihren Eltern, Großeltern, Lehrkräften oder Lerntherapeut*innen. Fridos Geschichte lädt zum Miteinander-Entdecken ein: Kinder können ihre eigenen Gefühle wiederfinden, und Erwachsene lernen, Angst aus der Perspektive der Kinder zu verstehen. Dieses gemeinsame Lesen schafft Nähe, Verständnis und Vertrauen, die beste Basis, damit Mut wachsen kann.
Doch das Buch eignet sich ebenso gut für den Einsatz in Schule und Therapie. Es kann in Förderstunden, im Klassenunterricht oder in der therapeutischen Arbeit verwendet werden. Die Aufgaben und Übungen lassen sich direkt anwenden, in kleinen Gruppen oder einzeln. Lehrkräfte können Frido nutzen, um über Angst zu sprechen, ohne zu belehren, und Therapeuten können an den Erfahrungen der Kinder anknüpfen.
Frido ist ein Buch zum Mitfühlen, Mitdenken und Mitmachen. Überall dort, wo Kinder erfahren sollen, dass Angst sie nicht schwächt, sondern wachsen lässt.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Alle Abbildungen stammen von Sophia Drescher und sind dem Buch „Frido und seine Reise nach Feuerland“ entnommen.
Prof. Dr. Annemarie Fritz
Prof. Dr. Annemarie Fritz ist Universitätsprofessorin für Psychologie an der Universität Duisburg-Essen i.R. und Vorstandsvorsitzende der Akademie Wort + Zahl. Schwerpunkt ihrer beruflichen Tätigkeit in Forschung, Praxis und Lehre war stets die Problematik von Kindern, deren Lernen erschwert ist. Im Zentrum stand die empirische Validierung eines Entwicklungsmodells für arithmetische Konzepte im Alter von 4 bis 8 Jahren. Darauf basierend entwickelte sie Diagnostikverfahren zur Erfassung von Rechenschwierigkeiten und Trainings zu deren Förderung.
Dr. Lars Orbach
Dr. Lars Orbach ist approbierter Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und praktiziert in eigener Praxis in Aachen. Im Rahmen seiner Tätigkeiten berät er Eltern und Lehrkräfte im Umgang mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Zudem forscht er als Postdoc-Researcher an der Akademie Wort + Zahl in einem internationalen Netzwerk zur psychischen Gesundheit von Kindern im Schulkontext. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Ängsten im Schulalltag, besonders der Matheangst.
Sinem Karahisarlıoğlu
Sinem Karahisarlıoğlu studierte an der Universität Duisburg- Essen Grundschullehramt. Sie arbeitet zurzeit an einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Ihre Interessenschwerpunkte umfassen die Entwicklung mathematischer Kompetenzen vom Kindergartenalter bis in die Sekundarstufe sowie die Erstellung von Trainingskonzepten für Kinder mit Schwierigkeiten beim Rechnen Lernen.
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