DeutschKlinik und Therapie

Mehr Lebensqualität für Menschen mit geistiger Behinderung

Von Dipl.-Päd. Sabine Zepperitz und Prof. Dr. med. Tanja Sappok.

Eine sogenannte geistige Behinderung hat nicht nur kognitive Auswirkungen. Der aus der ICD 10 bekannte Begriff der „Intelligenzminderung“ wurde in der ICD 11 zur „Störung der Intelligenzentwicklung“ (SIE) erweitert und umfasst nun auch Aspekte der Entwicklung. Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit SIE ist oft durch deren emotionale Bedürfnisse begründbar. Kennen und beachten wir diese Bedürfnisse genügend in der Förderung, Begleitung und Therapie?

SEED Emotionale Entwicklung bei Intelligenzminderung Frau mit Mann mit Trisomie beim Ballspiel

Emotionale Bedürfnisse werden nicht erkannt

Herr K. hält sich nicht an die Regeln der Wohngruppe. Frau O. kann sich keine Minute selbst beschäftigen, immer muss eine Begleitung bei ihr sein. Frau P. nimmt keine Rücksicht auf andere, macht nur, was sie will. Herr B. schmeißt die Teller durch die Gegend, wenn wir in der Gruppe essen wollen. Frau T. trägt ihre Puppe immer mit sich herum, wenn sie diese verlegt, wird sie angespannt, schreit und kann sich nicht beruhigen…

Diese und ähnliche Situationen treten in der Begleitung von Menschen mit SIE immer wieder auf. Sie zeigen oft Verhaltensweisen, die nicht ihrem biologischen Alter entsprechen. Wenn eine 16jährige Jugendliche mit schwerer SIE der Lehrerin auf Schritt und Tritt hinterherläuft, wirkt das Verhalten auf uns ähnlich wie das eines kleinen Kindes, das die Mutter nicht aus den Augen lassen kann. Hält sich der 46jährige Mann mit mittelgradiger SIE verkleidet mit Polizeimütze und Faschingsuniform an Spielplätzen auf und sucht Kontakt zu Kindern, kann das unangemessen und sogar übergriffig wirken - es erinnert aber auch an die Rollenspiele von Kindergartenkindern. Beide Verhaltensweisen sind Ausdruck emotionaler Bedürfnisse. Die Intention des Verhaltens wird in der Begleitung oft fehlinterpretiert, da die emotionalen Bedürfnisse, die dahinter liegen, nicht genügend erkannt und berücksichtigt werden. Auch fremd-, selbstverletzendes oder sachzerstörendes Verhalten kann oft durch emotionale Bedürfnisse bzw. das Nichtberücksichtigen dieser Bedürfnisse erklärt werden. Wir sehen den erwachsenen Menschen, schenken jedoch seiner Entwicklungsstörung und deren Auswirkungen auf seine Bedürfnisse in der Förderung und Begleitung zu wenig Beachtung.

Der entwicklungspsychologische Ansatz berücksichtigt emotionale Bedürfnisse

Mit dem entwicklungspsychologischen Ansatz finden wir Erklärungen für viele Verhaltensweisen, die uns im Umgang herausfordern: Mit diesem Ansatz gehen wir davon aus, dass nicht nur die kognitive, sondern auch die emotionale Entwicklung eines Menschen mit SIE verzögert oder unvollständig abläuft. Wir beobachten emotionale Bedürfnisse, die wir eigentlich aus der kindlichen Entwicklung kennen. Diese emotionalen Bedürfnisse haben wiederum Auswirkungen auf soziale Fähigkeiten, die Fähigkeit, Anspannung zu regulieren, auf Interessen und Vorlieben und vieles mehr. Die Ausrichtung von Förderzielen bei Kindern und Jugendlichen und die Anpassung des Betreuungssettings bei Erwachsenen an deren emotionalen Bedürfnisse ermöglichen häufig Entwicklungsspielräume und Verhaltensänderungen, oft auch in ausweglos erscheinenden Dynamiken. Die Berücksichtigung emotionaler Bedürfnisse bei der medizinisch-psychiatrischen Bewertung von Symptomen und Verhaltensstörungen ist bei Menschen mit SIE unerlässlich (Sappok 2023, Schanze & Sappok, 2024). Eine inklusive Sichtweise schließt ein, dass ein Mensch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat - so ist auch das Ausleben kindlicher Bedürfnisse von Erwachsenen weitestgehend zu respektieren und zu ermöglichen und sollte nicht Gegenstand erzieherischen Beeinflussens sein.

Die Skala der Emotionalen Entwicklung

Die Berücksichtigung der emotionalen Entwicklung ist im Kontext von SIE sehr bedeutsam. Deshalb haben in der europäischen Forschungsgruppe NEED (Network Europeans on Emotional Development) Personen aus Wissenschaft und Praxis gemeinsam ein Diagnostikinstrument entwickelt. Mit der Skala der Emotionalen Entwicklung – Diagnostik 2 (SEED-2; Sappok et al. 2023) kann der emotionale Entwicklungsstand von Personen mit SIE festgestellt und daraus emotionale Bedürfnisse abgeleitet werden. Die Skala ist umfassend wissenschaftlich untersucht worden und bei Erwachsenen und Kindern – unabhängig von Alter, Geschlecht und Krankheit – valide und reliabel anwendbar. Die Ergebnisse der Diagnostik bilden die Grundlage für Betreuungskonzepte und für pädagogisch-therapeutisches Handeln. Die Umsetzung im pädagogisch-therapeutischen Alltag ist in den Büchern „Das Alter der Gefühle“ (Sappok & Zepperitz, 2019) und „Was braucht der Mensch?“ (Zepperitz, 2022) ausführlich und praxisnah beschrieben.

Literatur:

Schanze, C., & Sappok, T. (Hrsg.) (2024). Störungen der Intelligenzentwicklung. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.
Sappok, T. (Hrsg.). 2023. Psychische Gesundheit bei Störungen der Intelligenzentwicklung. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.
Sappok, T., Zepperitz, S., Barrett, B.F., Morisse, & F., Dosen, A (2023). Skala der emotionalen Entwicklung - Diagnostik 2 (SEED-2). Bern: Hogrefe.
Sappok, T. & Zepperitz, S.  (2019). Das Alter der Gefühle – Über die Bedeutung der emotionalen Entwicklung bei geistiger Behinderung. Bern: Hogrefe.
Zepperitz, S. (Hrsg.). (2022). Was braucht der Mensch? Entwicklungsgerechtes Arbeiten in Pädagogik und Therapie bei Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen. Bern: Hogrefe.

Sabine Zepperitz

Dipl.-Päd. Sabine Zepperitz ist systemische Therapeutin und Traumafachberaterin. Sie arbeitet am Berliner Behandlungszentrum für psychische Gesundheit bei Entwicklungsstörungen sowie im MZEB des Ev. Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge. Sie ergänzt die Behandlung von Menschen mit Entwicklungsstörungen mit pädagogisch-therapeutischen Konzepten und berät im Umgang mit gravierenden Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen. Sie bildet Fachkräfte in der Behindertenhilfe in der Arbeit mit dem entwicklungspsychologischen Ansatz aus und schult Multiplikatoren und Multiplikatorinnen in der Anwendung und Diagnostik der SEED. In verschiedenen Publikationen unterstützt sie die Anwendung des Ansatzes in der pädagogischen Praxis.

Prof. Dr. med. Tanja Sappok

Prof. Dr. med. Tanja Sappok ist Direktorin der Universitätsklinik für Inklusive Medizin und Universitätsprofessorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich mit Themen rund um die psychische Gesundheit von Menschen mit einer Störung der Intelligenzentwicklung. Durch ihr Engagement in verschiedenen nationalen und internationalen Fachgesellschaften, wissenschaftliche Publikationen, Buchprojekte, Mitarbeit an Leitlinien sowie Vortrags- und Lehrtätigkeiten und ihre ärztliche Arbeit setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheit von Menschen mit neuronalen Entwicklungsstörungen ein.

Seminarempfehlung

Fortbildung zur SEED-2 – Interviewer*innen-Schulung

Die Skala der Emotionalen Entwicklung – Diagnostik 2 (SEED-2) hilft, die Betreuung von Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung auf die basalen emotionalen Bedürfnisse der Klient*innen abzustimmen, so dass diese mehr im Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt leben können.

 

Nächste Termine
  • 16. - 17. May 2025 , Bern (Schweiz)
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