Einsamkeit verstehen – und wirksam begegnen
Einsamkeit ist ein Thema unserer Zeit. Sie ist weit verbreitet – so weit, dass es aktuell eine Kampagne gegen Einsamkeit des Bundesfamilienministeriums gibt. Welche Ursachen hat Einsamkeit, wie kann man mit ihr umgehen? Und welche Strategien helfen, das Gefühl der Einsamkeit zu überwinden? Dr. phil. Noëmi Seewer und PD Dr. phil. Tobias Krieger von der Universität Bern haben den “Ratgeber Einsamkeit” in der Reihe “Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie” verfasst. Im Gespräch erklären sie, was chronische Einsamkeit ist, welche Folgen Einsamkeit für Körper und Seele hat und welche Massnahmen und Übungen helfen können.
Warum ist Einsamkeit aktuell ein so wichtiges Gesundheitsthema?
Einsamkeit betrifft Menschen in jedem Alter und ist weit verbreitet. Sie ist viel mehr als ein vorübergehendes Gefühl – chronische Einsamkeit kann die psychische und körperliche Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen. Studien zeigen deutlich, dass Einsamkeit ein hochrelevanter Risikofaktor für eine Vielzahl von Erkrankungen ist und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.
Was macht Einsamkeit als Gefühl so komplex?
Einsamkeit ist subjektiv – sie entsteht aus der Diskrepanz zwischen den sozialen Beziehungen, die wir uns wünschen, und jenen, die wir tatsächlich haben. Man kann von vielen Menschen umgeben sein und trotzdem Einsamkeit empfinden oder wenige Kontakte haben und sich sehr verbunden fühlen. Genau diese individuelle Wahrnehmung macht das Phänomen so komplex.
Warum unterscheiden Sie zwischen situativer und chronischer Einsamkeit?
Situative Einsamkeit kann ein hilfreiches Signal sein – ähnlich wie Durst – das uns zeigt, dass ein Grundbedürfnis nach sozialer Verbundenheit nicht erfüllt ist. So wird Einsamkeit auch oft als “sozialer Durst” bezeichnet. Chronische Einsamkeit dagegen verliert ihre Funktion als Warnsignal und wird selbst zum gesundheitsschädlichen Zustand, besonders wenn sie als nicht kontrollierbar erlebt wird.
Was bedeutet das zuvor gezeichnete Bild der Einsamkeit als „sozialer Durst“ genau?
Wie körperlicher Durst zeigt uns Einsamkeit, dass etwas Wesentliches fehlt. Dieser „soziale Durst“ motiviert zur Kontaktaufnahme. Problematisch wird es, wenn Menschen das Gefühl entwickeln, dass sie diesen Durst nicht stillen können – dann kann ein Teufelskreis aus negativen Erwartungen und Rückzug entstehen.
Welche Folgen hat chronische Einsamkeit für die psychische Gesundheit?
Die Forschung zeigt deutlich: Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen, soziale Angststörungen, Schlafprobleme, Substanzkonsum und psychotische Symptome. Besonders gut belegt ist der Zusammenhang mit depressiven Symptomen – Einsamkeit sagt dabei sowohl das Auftreten als auch die Verschlimmerung voraus. Zudem belegen Studien auch, dass Einsamkeit sowohl Ursache als auch Folge depressiver Symptomatik sein kann und hier ein wechselseitiger Zusammenhang besteht.
Warum beeinflusst Einsamkeit depressive Symptome so stark?
Einsamkeit fördert Gefühle von Wertlosigkeit und soziale Rückzugstendenzen. Das führt dazu, dass Betroffene in sozialen Situationen weniger positive Erfahrungen machen und Belastungen stärker internalisieren. Dadurch wird die Remission psychischer Störungen erschwert – es entsteht ein Teufelskreis, der ohne Unterstützung schwer zu durchbrechen ist.
Welche körperlichen Risiken sind mit Einsamkeit verbunden?
Einsamkeit erhöht nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beeinflusst Krankheitsverläufe negativ und ist mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. Bei älteren Menschen steigt zudem das Risiko für demenzielle Erkrankungen und Gebrechlichkeit. Wir sprechen also von einem ernstzunehmenden Gesundheitsfaktor.
Warum ist Einsamkeit trotz ihrer Relevanz keine Diagnose?
Einsamkeit ist eine zutiefst menschliche Erfahrung und keine psychische Störung. Eine Pathologisierung würde die Betroffenen zusätzlich stigmatisieren. Unser Fokus liegt darauf, zwischen adaptiven und maladaptiven Formen zu unterscheiden und die Faktoren zu verstehen, die Einsamkeit chronisch werden lassen.
Welche Faktoren tragen zur Chronifizierung bei?
Wir sehen einen komplexen Ursachenmix: genetische und neurobiologische Faktoren, traumatische Kindheitserfahrungen, Persönlichkeit, Gesundheit, Lebensumstände sowie gesellschaftliche Einflüsse. Einsamkeit „hat viele Wurzeln“, weshalb es nicht die eine Lösung für alle betroffenen Personen gibt, sondern vielmehr einer differenzierten Betrachtung bedarf.
Was hilft Betroffenen am besten: einfach mehr Kontakte – oder etwas anderes?
Mehr Kontakte allein reichen selten aus. Entscheidend ist, wie Menschen ihre sozialen Erfahrungen interpretieren. Viele chronisch einsame Menschen haben negative Erwartungen, misstrauen anderen oder sozialen Situationen oder sind sozial ängstlich. Wenn wir diese Muster verändern, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kontakte wieder als verbindend erlebt werden.
Welche Interventionen stellen Sie im Ratgeber vor – und warum wirken sie so gut?
Wir zeigen evidenzbasierte Ansätze, die soziale Kognitionen in den Mittelpunkt stellen. Ansätze, die Gedankenmuster, Erwartungen und Gefühle von Wertlosigkeit adressieren, erzielen deutlich bessere Ergebnisse als reine Kontaktprogramme. Das Ziel ist nicht „mehr Kontakte“, sondern das Ansetzen an den individuellen sozialen Bedürfnissen mit dem Ziel einer „gesteigerten Verbundenheit“.
Warum braucht es noch einen Ratgeber zum Thema Einsamkeit?
Weil Einsamkeit zwar in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen hat, aber selten so dargestellt wird, wie sie wirklich ist: ein komplexes, biopsychosoziales Phänomen mit erheblichen gesundheitlichen Folgen. Viele Publikationen bleiben entweder sehr theoretisch, sehr allgemein oder empfehlen rein praktische Kontaktstrategien – doch genau diese greifen bei chronischer Einsamkeit oft zu kurz. Unser Ratgeber schließt diese Lücke: Er verbindet aktuelle Forschung mit konkreten, psychologisch fundierten Übungen und zeigt, wie sich negative Erwartungen, Misstrauen anderen und sozialen Situationen gegenüber oder soziale Ängstlichkeit verändern lassen. So entsteht ein realistischer, mutmachender Weg, um soziale Verbundenheit wieder erlebbar zu machen.
Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Ratgeber vermitteln?
Einsamkeit ist veränderbar – und Betroffene sind damit nicht allein. Unser Buch gibt verständliche, wissenschaftlich fundierte Informationen und konkrete Übungen an die Hand, die dabei helfen, den eigenen Teufelskreis der Einsamkeit zu durchbrechen. Gleichzeitig richtet es sich an Fachpersonen, die ihre Klient*innen kompetent begleiten möchten. Eine zentrale Botschaft, die uns sehr am Herzen liegt, lautet: Einsamkeit ist kein Schicksal, sondern ein Umstand, den man beeinflussen kann.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. phil. Noëmi Seewer
Dr. phil. Noëmi Seewer, geb. 1993. 2013–2020 Studium der Psychologie in Bern. 2020-2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. 2023 Promotion an der Universität Bern. Seit 2021 Auszubildende im Postgradualen Masterstudiengang Psychotherapie an der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie des Instituts für Psychologie an der Universität Bern. Seit 2023 Postdoktorandin und klinische Mitarbeiterin an der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern.
PD Dr. phil. Tobias Krieger
PD Dr. phil. Tobias Krieger, geb. 1981. Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut/Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. 2002–2008 Studium der Psychologie an den Universitäten Bern (CH) und Rennes (F). 2009-2014 wissenschaftlicher Assistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich. 2013 Promotion an der Universität Zürich. Seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. 2020 Habilitation. Seit 2009 psychotherapeutische Tätigkeit in verschiedenen Institutionen und seit 2018 leitender Psychologe an der Psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Bern.
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