Die emotionale Kompetenz von Kindern und Jugendlichen diagnostizieren mit dem EKO-DI
Das EKO-DI ist ein ökonomisches Diagnostikverfahren zur differenzierten Erfassung emotionaler Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 Jahren, das in Schule, Beratung und Forschung eingesetzt werden kann. Es erfasst Emotionswissen sowie den Umgang mit eigenen und fremden Emotionen anhand von 17 Skalen in fünf Modulen, die sowohl emotionsübergreifende als auch emotionsspezifische Kompetenzen abbilden. Die Testaufgaben kombinieren Selbsteinschätzungen mit performanzorientierten Formaten wie Bildergeschichten und Fotos. Wir haben mit den Autorinnen des Diagnostikums über das Verfahren und seine Möglichkeiten gesprochen.
Foto: iStock.com / FatCamera
Wie wird im EKO-DI der Begriff der emotionalen Kompetenz definiert?
Im EKO-DI wird emotionale Kompetenz als ein komplexes Konstrukt definiert, das aus verschiedenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen besteht, die es Individuen ermöglichen, sowohl mit eigenen Emotionen als auch mit den Emotionen anderer angemessen umzugehen. Von praktischer Relevanz ist dabei, dass emotionale Kompetenz je nach Situation unterschiedlich wirksam sein kann, sich jedoch verändern und weiterentwickeln lässt und daher als trainierbar gilt.
Auf welcher theoretischen Grundlage basiert das dreidimensionale Modell emotionaler Kompetenz im EKO-DI, und welche Dimensionen werden erfasst?
Das dreidimensionale Modell emotionaler Kompetenz im EKO-DI basiert auf einem integrativen und holistischen Ansatz, der Gemeinsamkeiten verschiedener theoretischer Modelle – etwa Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen (1983), das Konzept der sozialen Kompetenz nach Rose-Krasnor (1997) sowie das Konzept emotionaler Kompetenz nach Saarni (1999) – unter besonderer Berücksichtigung ihrer praktischen Relevanz aufgreift. Die als zentral identifizierten Komponenten werden drei Kompetenzbereichen (Dimensionen) zugeordnet, die eine differenzierte Erfassung emotionaler Kompetenz in ihrer gesamten Komplexität ermöglichen:
I.Emotionswissen: Diese Dimension umfasst Wissen über Emotionen, beispielsweise über deren Ausdruck, Regulation und Ursachen, sowie die Kenntnis von Emotionsbegriffen.
II.Umgang mit eigenen Emotionen: Hierzu zählen die Wahrnehmung, Akzeptanz, der Ausdruck und die Regulation der eigenen Gefühle.
III.Umgang mit Emotionen anderer: Diese Dimension beinhaltet die Erkennung von Emotionen anderer Personen sowie emotionale Reaktionen darauf, wie affektive Empathie und emotionale Ansteckung.
Welche Überlegungen standen hinter der Entscheidung, emotionsübergreifende und emotionsdifferenzierte Skalen im EKO-DI konzeptionell zu trennen?
Emotionsübergreifende Skalen messen die einzelnen Fertigkeiten wie sie von der Person selbst allgemein wahrgenommen werden. Emotionsdifferenzierte Skalen konzentrieren sich dagegen auf Fertigkeiten in Bezug auf spezifische Emotionen wie Freude oder Trauer. Die Trennung von emotionsübergreifenden und emotionsdifferenzierten Skalen im EKO-DI ermöglicht ein besseres Verständnis der verschiedenen Aspekte emotionaler Kompetenz. So kann eine Person beispielsweise insgesamt den Eindruck haben, ihre Gefühle häufig auszudrücken, während eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass bestimmte Emotionen – etwa Traurigkeit – nur selten zum Ausdruck kommen. Durch die Kombination beider Perspektiven wird die Kompetenzmessung aussagekräftiger und schafft eine fundierte Grundlage für eine individuelle, bedarfsorientierte Förderung.
Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen emotionaler Kompetenz, Schulleistung und sozialem Verhalten bei Jugendlichen?
Studien zeigen, dass eine hohe emotionale Kompetenz positiv mit Schulleistungen (z.B. Petermann & Wiedebusch, 2008) und sozialem Verhalten (z. B. Buckley, Storino & Saarni, 2003) bei Jugendlichen korreliert. Jugendliche mit ausgeprägten emotionalen Fähigkeiten zeigen oft bessere Leistungen in der Schule, sind kooperativer und haben weniger Verhaltensauffälligkeiten. Emotionale Kompetenz fördert die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum Umgang mit Stress, die sich direkt oder indirekt günstig auf die Schulleistung auswirken können.
Wie können Defizite in den einzelnen Kompetenzbereichen – etwa Emotionswissen versus Emotionsregulation – unterschiedlich auf Verhalten oder Wohlbefinden wirken?
Defizite hinsichtlich der einzelnen Komponenten können einzeln oder im Zusammenspiel (in Wechselwirkung) mit anderen Komponenten, direkt oder indirekt, auf vielfältige Weise auf Verhalten oder Wohlbefinden wirken. Ein Mangel an Emotionswissen kann dazu führen, dass Jugendliche Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und auszudrücken, was wiederum auch die Emotionsregulation beeinflussen kann. Defizite in der Emotionsregulation können impulsives Verhalten, emotionale Schwierigkeiten (z.B. Angst oder Depression), aber auch Unsicherheit in sozialen Kontakten begünstigen. Darüber hinaus können sich Defizite in verschiedenen sozialen Kontexten - z. B. in der Schule oder in Freundschaften – unterschiedlich auswirken.
Welche Rolle spielen die Selbsteinschätzungs- und performanzorientierten Items?
Selbsteinschätzungs- und performanzorientierte Items spielen eine wichtige Rolle im EKO-DI, da sie unterschiedliche Perspektiven auf die emotionale Kompetenz bieten. Selbsteinschätzungen ermöglichen es den Individuen, ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu reflektieren als Teil der Selbstwahrnehmung (Selbstbild), während performanzorientierte Items objektive Daten über das tatsächliche Verhalten und die Reaktionen in bestimmten Situationen liefern. Obwohl selbstwahrgenommene Kompetenzen erfahrungsbasiert sind, werden diese vom eigenen Selbstkonzept beeinflusst und weichen in der Bewertung mehr oder weniger von den performanzorientierten Ergebnissen ab. Die Erfassung beider Aspekte ermöglicht eine umfassende und aussagekräftige Bewertung der emotionalen Kompetenz.
Für welche Altersgruppen und Anwendungsbereiche ist das EKO-DI besonders geeignet, und wie können die Ergebnisse praktisch genutzt werden?
Das EKO-DI kann sowohl in der Paper-and-Pencil-Form als auch digital über das Hogrefe Testsystem (HTS) eingesetzt werden und richtet sich insbesondere an Kinder und Jugendliche im Alter von 10;0 bis 19;6 Jahren. Die Testung ist sowohl einzeln als auch in Gruppen möglich. Die Ergebnisse werden in Form eines Kompetenzprofils dargestellt und ermöglichen die Identifikation emotionsbezogener Ressourcen und Risiken. Darauf aufbauend können individuelle Förderpläne entwickelt oder weiterführende diagnostische Maßnahmen initiiert werden. Zu den Anwendungsbereichen zählen unter anderem Schulen, therapeutische und soziale Einrichtungen, pädagogische Programme sowie die Forschung.
Wie lassen sich die Testergebnisse zur Förderung emotionaler Kompetenz, Prävention oder schulpsychologischen Beratung einsetzen?
Anhand des Kompetenzprofils des EKO-DI können in der schulpsychologischen Beratung emotionale Stärken und Bedürfnisse sowohl einzelner Schüler*innen als auch ganzer Klassen thematisiert werden. Die Ergebnisse helfen, gezielte Maßnahmen zur Prävention, Intervention oder zu Schulungen auszuwählen sowie die Wirksamkeit dieser zu überprüfen. Darüber hinaus eignet sich das Diagnostikum sehr gut als standardisiertes Screening-Instrument zur Identifikation von Förderbedarf in Schulen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. Eszter Monigl
Dr. Eszter Monigl, geb. 1966. 1996-2002 Studium der Psychologie in Tübingen. 2004-2009 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pädagogische Psychologie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. 2010 Promotion. 2009-2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2016 freiberufliche Psychologin. Arbeitsschwerpunkt: Sozioemotionale Kompetenz, Selbstkompetenz, Motivation und Kommunikation.
Annette Otto
Annette Otto (PhD), geb. 1974. Studium der Psychologie in Tilburg (Niederlande). Promotion 2009 an der University of Exeter, Großbritannien. 2009-2018 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie in den Bildungswissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2025 arbeitet sie als Psychologin am Kinderneurologischen Zentrum in Mainz.
PD Dr. Bozana Meinhardt-Injac
PD Dr. Bozana Meinhardt-Injac, geb. 1977. Studium der Psychologie in Novi Sad und Belgrad (Serbien). Promotion 2006 an der Universität Zürich. Habilitation im Jahr 2017 an der JGU Mainz. Seit 2019 Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Arbeitsschwerpunkt: kognitive und sozio-emotionale Entwicklung über die Lebensspanne.
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Das Testheft des EKO-DI besteht aus acht Aufgaben, deren Items 17 Skalen (5 Modulen) zugeordnet sind. Anhand von acht emotionsübergreifenden und neun emotionsdifferenzierten Skalen werden folgende Fertigkeiten erfasst: Emotionswissen, Klarheit, Akzeptanz, Regulation, Expressivität, Kognitive Empathi…
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