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Diagnostik des mechanisch-technischen Verständnisses – der neue MTVT-R

Seit der Erstveröffentlichung des MTVT von Gustav A. Lienert 1958 hat sich das wissenschaftliche Verständnis von mechanisch-technischer Fähigkeit stark weiterentwickelt. Der Bedarf für Entscheidungshilfen in der Berufswahl ist jedoch nach wie vor hoch. Mit dem MTVT-R liegt nun eine Revision vor, die an den aktuellen Forschungsstand zu mechanisch-technischem Verständnis sowie neuere Entwicklungen im Bereich der psychologischen Diagnostik angepasst wurde. Wir haben mit den Autoren Prof. Dr. Heiko Hecht und Dr. Christoph von Castell über den MTVT-R gesprochen.

Was umfasst das mechanisch-technische Verständnis?

Das ursprüngliche Konzept des mechanisch-technischen Verständnisses, das auch die Entwicklung der Originalfassung des MTVT prägte, beinhaltete vor allem die Fähigkeit, mechanische Systeme zu verstehen. Dieses Konzept war nicht mehr zeitgemäß. Wir haben daher den Test an den digitalen Zeitgeist angepasst. Im Vordergrund stehen Aufgaben, die es erfordern, Dynamiken mechanischer Systeme zu verstehen, Fehler zu erkennen und mechanische Ereignisse mental zu simulieren. Der MTVT-R integriert außerdem Aspekte der intuitiven Physik – um die Aufgaben korrekt zu beantworten, muss also entgegen der ersten Intuition der richtige Wirkmechanismus erkannt werden.

Was sind relevante Einsatzbereiche des MTVT-R?

Das Haupteinsatzgebiet des MTVT-R ist die Berufsberatung. Der MTVT-R kann hier hervorragend als Entscheidungshilfe für die Wahl eines eher technischen oder eher kaufmännischen Lehrberufs herangezogen werden, gerade weil sich Personen in den oben genannten Fähigkeiten unterscheiden. Auch die Anwendung in der Personalauswahl ist möglich, etwa zur Auswahl geeigneter Auszubildender. Darüber hinaus kann das Verfahren Auskunft über eine Form der praktischen Intelligenz geben, die nicht an motorische oder handwerkliche Fertigkeiten geknüpft ist, und daher schon vor Ausbildungsbeginn erfasst werden kann.

Wie wurden die Aufgaben des MTVT für den MTVT-R angepasst?

Statt 32 Aufgaben in der Originalfassung beinhaltet der MTVT-R nur 26 Aufgaben, was die reine Bearbeitungsdauer auf 35 Minuten verkürzt. Sieben der 26 Items des MTVT-R wurden aus der ursprünglichen Version übernommen, neu illustriert und sprachlich aktualisiert. Elf weitere Items stellen Modifikationen der ursprünglichen Aufgaben von Lienert dar, etwa indem einer Zeichnung weitere Elemente hinzugefügt wurden. Eine hohe Aktualität erhält das Verfahren durch acht neu entwickelte Aufgaben, die neuere Erkenntnisse aus der Forschung zur intuitiven Physik in den Bereichen Licht, Elektrizität, Rotation und Schall integrieren.
Das Antwortformat haben wir einheitlich auf Auswahlaufgaben mit vier Antwortalternativen festgelegt, von denen jeweils nur eine Alternative korrekt ist. Das bewirkt identische Grundlösewahrscheinlichkeiten für alle Aufgaben und erhöht dadurch die Vergleichbarkeit der Items untereinander.
Neue Illustrationen in verschiedenen Graustufen und mit perspektivischen Effekten erhöhen die Verständlichkeit und geben dem Test ein modernes Erscheinungsbild.

Es existiert eine große Bandbreite an Berufseignungstests. Was ist das Besondere am MTVT-R?

Alleinstellungsmerkmal des MTVT-R ist der Fokus auf die mechanisch-technische Fähigkeit in Abgrenzung zu allgemeiner praktischer Intelligenz. Mit Hilfe des MTVT-R kann innerhalb einer Schulstunde bei Schülerinnen und Schülern zwischen 13 und 25 Jahren die Eignung für einen technischen Ausbildungsberuf überprüft werden. Eine gleichzeitige Testung aller Schülerinnen und Schülern einer Klasse ist durch die Möglichkeit der Gruppendurchführung gegeben.

Das Verfahren ist mit dem Fokus auf die fluiden Aspekte der Intelligenz zusätzlich so konzipiert, dass die Aufgaben unabhängig von schulisch vermittelten Lerninhalten gelöst werden können, wodurch eine hohe Vergleichbarkeit gegeben ist. Die Fairness des MTVT-R wird zusätzlich durch anschauliche Illustrationen verstärkt, die die notwendige Sprachkompetenz zur Lösung der Aufgaben auf ein Minimum reduzieren.

Welche Vorteile bietet die Revision gegenüber dem ursprünglichen MTVT?

In den gut 60 Jahren seit Erscheinen der Originalversion fand eine immense wissenschaftliche Entwicklung statt, die auch das Konzept des mechanisch-technischen Verständnisses neu prägte. Mit der kognitiven Wende der 1970er Jahre wurde die Rolle intuitiver Fähigkeiten erkannt, die unter dem Begriff der intuitiven Physik auch in die Entwicklung des MTVT-R eingeflossen sind. Durch zusätzliche Aufgaben, die diese Aspekte des mechanisch-technischen Verständnisses abdecken, kann von einer relevanten Steigerung der Inhaltsvalidität ausgegangen werden.

Neben der inhaltlichen Adaption des Tests an moderne Entwicklungen sprechen auch praktische Erwägungen für die revidierte Version. Die um ca. 20 % verringerte Bearbeitungsdauer der neuen Version erlaubt es nun, diese innerhalb einer 45-minütigen Schulstunde durchzuführen. Zusätzlich kann davon ausgegangen werden, dass im Laufe der Jahre eine gewisse Verbreitung der Aufgaben stattgefunden hat. Da der MTVT das Ziel verfolgt, intuitive technische Problemlösefähigkeit statt erlerntes Wissen zu testen, ist die Nutzung revidierter Aufgaben sinnvoll, um die Fairness und Validität des Tests zu erhalten. Die Neunormierung stellt außerdem sicher, dass die Interpretation der Testergebnisse im Vergleich zu einer aktuellen Eichstichprobe erfolgen kann.

Trotz dieser Anpassungen und Modernisierungen konnte die hohe Reliabilität der Originalfassung aufrechterhalten werden. Die revidierte Fassung lässt sich also als inhaltlich erweiterte Anpassung an moderne Entwicklungen verstehen, wobei die Vorzüge des ursprünglichen Tests erhalten werden konnten.

 

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Univ.-Prof. Dr. Heiko Hecht

Univ.-Prof. Dr. Heiko Hecht studierte an der Universität Trier und der Universität von Virginia (USA) Psychologie und promovierte 1991. Danach folgten Tätigkeiten an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, am NASA Ames Research Center, am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld sowie am Center for Space Research (Man-Vehicle Laboratory) am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, MA. Seit 2002 ist er Professor für Allgemeine Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Schwerpunkte der Forschung sind grundlegende und angewandte Themen der Kognitionspsychologie, u. a. zu virtueller Realität und intuitiver Physik.

Dr. Christoph von Castell

Dr. Christoph von Castell studierte Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und promovierte 2019. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Mainz.  Schwerpunkte der Forschung sind kognitionspsychologische Fragestellungen aus den Bereichen virtuelle Realität, Wahrnehmung von Innenräumen sowie Wahrnehmung und Wirkung von Umgebungsfarbe