Den Kreislauf der Essstörung durchbrechen – ein neuer Ratgeber für Mütter
Essstörungen können generationenübergreifend bestehen, doch der Kreislauf lässt sich ein Stück weit durchbrechen. Der neue Ratgeber «Muttersein und Essstörung» von Sandra Steiner Roth, Autorin von «Ein Stück Brot ist wieder ein Stück Brot, 2024) richtet sich an Mütter, die ihre Muster erkennen und verändern möchten, um ihre Kinder zu schützen – ohne Perfektionsdruck. Er bietet fachliche Einblicke, therapeutische Impulse, Erfahrungen betroffener Mütter und Stimmen von Töchtern. Das Buch zeigt: Veränderung ist möglich und wirkt über Generationen. Wir haben mit der Autorin über das Buch und ihre Praxiserfahrungen gesprochen.
Bild: Getty Images/Nadezda, Grapes
Im Geleitwort von Dr. Bärbel Wardetzki heißt es, dass es sich bei Essstörungen um «Familienkrankheiten» handelt. Inwiefern ist das so, wie würden Sie das beschreiben?
Für mich ist es wichtig, gleich zu Beginn klarzustellen: Essstörungen sind immer multikausal. Das heißt, sie entstehen aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren – gesellschaftlicher, genetischer, individueller und sozialer. Die Krankheit ist viel zu komplex, als dass man von nur einer schuldigen Person oder einem einzigen auslösenden Ereignis ausgehen könnte. Damit erübrigt sich auch die Schuldfrage, wenn von „Familienkrankheiten“ die Rede ist.
Der Fokus dieses Buches richtet sich in erster Linie auf die familiären Faktoren, welche Essstörungen begünstigen, alles andere würde den Rahmen sprengen. Grundlagen zum Thema Diagnostik und Behandlung von Essstörung findet man im Buch „Das Stück Brot ist wieder ein Stück Brot – Wege aus der Essstörung“ (2024, siehe unten). Das vorliegende Buch ist als Ergänzung und Weiterführung zum ersten Buch gedacht.
Wenn Bärbel Wardetzki von „Familienkrankheiten“ spricht, meint sie in diesem Zusammenhang die Dynamiken, Denk- und Handlungsmuster, Wertesysteme und Beziehungsmuster, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Es sind häufig diese Muster, die Essstörungen begünstigen und einen entsprechenden Nährboden für die Entstehung der Krankheit schaffen.
Deshalb sind in manchen Familiensystemen oft über Generationen hinweg mehrere Personen betroffen – weil sich bestimmte Glaubenssätze und Dynamiken fortsetzen. In diesem Sinn spricht man von einer „Familienkrankheit“: nicht als individuelle Schuldgeschichte, sondern als Ausdruck systemischer Zusammenhänge.
Wie kommt es, dass Essstörungen sich als Muster so lange, über Generationen hinweg, in einer Familie halten können?
Es geht um familiäre Prägungen, die sich sehr früh im Leben manifestieren.
Wenn solche Muster nie ernsthaft hinterfragt werden, können Menschen gar nicht anders, als sie an die nächste Generation weiterzugeben, weil sie nichts anderes kennen. Meiner Erfahrung nach ist das besonders dann der Fall, wenn Familiensysteme eher in sich geschlossen sind – also relativ starr, mit wenigen ehrlichen und echten Außenkontakten.
Damit meine ich zum Beispiel fehlende Freundschaften mit anderen Familien, keine gemeinsamen Ferien, wenig Austausch und kaum Gelegenheiten für Kinder, Zeit in anderen Familien zu verbringen. Es fehlt die Möglichkeit, andere Lebensweisen und Wertesysteme kennenzulernen.
Häufig zeigen Familien mit entsprechenden Essstörungsdynamiken zudem eine eher wertende Grundhaltung. Sie sind wenig flexibel und haben Mühe, anderen Denk- und Handlungsweisen unvoreingenommen zu begegnen. Auch konstruktive Kritik anzunehmen oder sich spiegeln zu lassen, fällt oft schwer. Genau dieser Spiegel von außen – durch Menschen, die anders leben und andere Werte vertreten – fehlt dann oft. So bleibt das System unter Umständen über Generationen hinweg in sich geschlossen.
Im Buch widme ich diesem Thema ein ganzes Kapitel: der Entstehung von Essstörungen im familiären Kontext, in dem ich diese Zusammenhänge ausführlich beschreibe.
Ein zentrales Thema Ihres Buches ist das Erkennen eigener Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster. Warum ist dieser Schritt aus Ihrer Sicht so bedeutsam und was ist das Schwierige daran?
Persönliche Entwicklung bedeutet im Grunde genau das: innerlich einen Schritt zurückzutreten, sich selbst zu beobachten und die eigenen Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, ohne zu werten Schritt für Schritt zu erkennen und allmählich ein Stück weit zu verändern.
Bildlich gesprochen: Es ist, als würde man auf der Tribüne einmal auf die andere Seite wechseln und das ganze Theaterstück – also das eigene Leben und soziale Umfeld – aus einer anderen Perspektive betrachten.
Damit das gelingen kann, braucht es Menschen und Umgebungen außerhalb des eigenen sozialen Systems, die einem dabei helfen, die einen Spiegel vorhalten – liebevoll, ehrlich und interessiert. Das können Freunde sein, eine Fachperson, oder Beziehungspartner oder -partnerin. Und ganz wichtig ist die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, ohne sofort in eine Abwehrhaltung zu geraten und beispielsweise alles unhinterfragt zurückzuweisen.
Hier zeigt sich auch eine zentrale Schwierigkeit: Häufig entstehen bei diesem Prozess Loyalitätskonflikte. Wer aus einem eher geschlossenen System kommt, hat schnell das Gefühl, den Eltern oder der Familie gegenüber nicht mehr loyal zu sein. Aber darum geht es ja nicht. Es geht um etwas viel Größeres – nämlich die Dynamiken, welche die Essstörung mitverursacht haben, ein Stück weit zu erkennen Es geht nicht darum, jemanden schuldig zu sprechen, sondern darum, Zusammenhänge zu erkennen, statt sich selbst die Schuld an der Essstörung zu geben.
Erkenntnis kann zu Veränderung führen. Neue Sichtweisen können Muster aufbrechen, und Beziehungen verändern sich unter Umständen. Das System wird ein Stück weit durcheinandergebracht. Und das ist oft beängstigend, weil man nicht weiß, was dann passiert. Es ist häufig auch schmerzhaft und kräftezehrend. Es braucht viel Zeit und Geduld.
Es ist normal, dass Menschen auf diesem Weg innerlich immer wieder hin- und herpendeln – zwischen dem Alten und dem Neuen. Und das braucht Geduld, Verständnis für sich selbst und ein ständiges Dranbleiben. Diese Arbeit verdient meiner Ansicht nach höchsten Respekt. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass es gelingen kann, Muster ein Stück weit zu unterbrechen – für sich selbst und für die nächste Generation.
Dieser Prozess beginnt ja in der Regel in der Pubertät, wenn man anfängt, die eigenen Eltern in einem neuen Licht zu sehen, sich von ihnen und ihren Erwartungen möglichst abzugrenzen und andere Wege zu gehen. Meine Erfahrung zeigt, dass gerade in Familien mit Essstörungsgeschichten diese Ablösung oft kaum stattfinden konnte. Wertesysteme und Erwartungshaltungen werden dadurch wenig hinterfragt.
Erfahrungsbericht: “Traumtochter und Horrormutter”
Viele Mütter möchten „alles richtig machen“. Welche Rolle spielen Erwartungen und Ansprüche in diesem Zusammenhang? Warum ist es so wichtig, eine «unperfekte» Mutter sein zu dürfen?
Das ist eine gute Frage. Die eigenen Muster zu erkennen ist das eine – sie zu unterbrechen das andere. Und das braucht ein stetiges Üben: reflektieren, sich austauschen, sich auch entschuldigen können. Und dabei immer wieder liebevoll mit sich selbst zu sein. Man darf auch immer wieder scheitern und in alte Muster zurückfallen, dies ist unumgänglich bei so tiefliegenden Prägungen.
Gerade das ist häufig das Problem, weil Frauen mit Essstörungen dazu neigen, sehr streng mit sich zu sein. Sie haben hohe Ansprüche an sich, einen ausgeprägten Perfektionismus und werten sich häufig auf der Identitätsebene ab, wenn sie aus ihrer Sicht Fehler machen. Es fällt ihnen beispielsweise schwer zu sagen: Das ist mir jetzt nicht gut gelungen mit meinem Kind, das ist blöd gelaufen – und sich das auch zu verzeihen. Stattdessen kommt schnell: Ich bin eine schlechte Mutter, ich mache eh alles falsch und das Kind nimmt wegen mir Schaden. Es kann entlastend sein für diese Mütter, sich vor Augen zu führen, dass sie mit dieser Haltung ihren Einfluss als Mutter möglicherweise überschätzen: Es gibt noch andere Menschen, Einflüsse und Faktoren, welche das Kind prägen, es hängt nicht alles von der Mutter ab. Leider vergessen die Mütter oft, welche enorme Aufgabe sie bewältigen, indem sie versuchen, Muster zu erkennen und zu unterbrechen.
Mir ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu sagen: In der Mutterschaft gibt es kein absolutes Gelingen. Alle Mütter machen Fehler. Jede Mutter ist nach einem langen Tag mit dem Kind auch einmal unzufrieden mit sich. Frauen mit Essstörungen können das aufgrund ihres Perfektionismus und ihres oft geringen Selbstwertgefühls schlechter aushalten als andere Mütter.
Dabei ist es so viel wichtiger, echt zu sein als perfekt. „Gut ist genug“ – das haben wir in der Müttergruppe immer wieder gesagt: Das heißt, spürbar zu sein, sich zu zeigen, auch mit den eigenen Unzulänglichkeiten, authentisch zu sein. Dadurch wird man als Mensch greifbar – und das kommt auch den eigenen Kindern zugute.
Im Buch gibt es dazu auch ein Unterkapitel zum Thema «Eine unperfekte Mutter sein dürfen“.
Die Themenbereiche aus dem Buch haben sich, wie Sie schreiben, durch Ihre praktische Arbeit als Beraterin im Bereich Essstörungen ergeben. In welcher Form sind diese Erfahrungen in das Buch eingeflossen?
Die Grundlage des Buches ist meine Arbeit mit betroffenen Müttern, insbesondere mit der Müttergruppe. Das ist eine Gruppe von Müttern, die von einer Essstörung betroffen waren oder noch sind und inzwischen Kinder haben – und die Essstörungsmuster unterbrechen möchten.
Im Buch, vor allem in Kapitel 3, beschreibe ich die zentralen Themenbereiche, die in der Beratung immer wieder auftauchen und besprochen werden. Diese Themen sind in Unterkapitel gegliedert – einige davon haben Sie ja bereits gehört.
Die Unterkapitel sind jeweils ähnlich aufgebaut: Zuerst gibt es einen Theorieteil. Danach beschreibe ich therapeutische Hilfestellungen und Interventionen, wobei ich die Leserinnen direkt anspreche. Das sind konkrete, praktische Anregungen. Und anschließend folgen die Erfahrungsberichte der Mütter, in denen sie aus ihrer Perspektive schildern, wie sie diese Themen im Alltag erleben.
Es ist ein sehr praxisorientiertes Buch: Was wir in der Beratung besprechen und wie wir in der Gruppe arbeiten, wird gewissermaßen nach außen getragen.
Ich finde es auch besonders schön, dass sich gleich zu Beginn des Buches einige Frauen aus der Gruppe mit eigenen Texten direkt an die Leserin wenden und somit eine Brücke schaffen, welche es der Leserin ermöglichen kann, sich auf das Buch einzulassen.
Im Buch geht es auch um die veränderte Beziehung zum eigenen Körper nach Schwangerschaft und Geburt. Wie können Betroffene einen liebevolleren, akzeptierenden Umgang mit ihrem Körper entwickeln, obwohl die Essstörung oft etwas anderes „fordert“?
Ja, das ist ein langer und oftmals schwieriger Weg. Es gibt dazu auch ein Unterkapitel mit dem Titel „Akzeptanz für den veränderten Körper finden“. Was ich dazu sagen kann, ist: Es braucht Zeit und Geduld. Ein sich immer wieder Beobachten – und vor allem die Stimme der Essstörung im Kopf nicht groß werden lassen. Also das, was die Essstörung fordert, möglichst nicht zu glauben und vor allem nicht zu befolgen. Das würde zum Beispiel bedeuten, keine rigorose Diät zu starten.
Wichtig ist auch zu akzeptieren – das höre ich immer wieder in der Gruppe –, dass es Tage gibt, an denen sich die Frauen sehr unwohl in ihrem Körper fühlen. Und zugleich mit etwas innerer Distanz zu wissen und darauf zu vertrauen, dass sich dieses Unwohlsein auch wieder verändern kann. Zu erkennen, dass es oft zum Beispiel Überforderung, Müdigkeit oder die Missachtung eigner Bedürfnisse sind, welche das schlechte Körpergefühl verursachen.
Das gehört zu der essgestörten Dynamik: An einem Tag fühlen sich die Betroffenen dick und furchtbar, und einige Tage später ist es wieder einigermaßen okay – obwohl der Körper genau derselbe ist. Sich das bewusst zu machen, hilft.
Entscheidend ist, immer wieder zu versuchen, liebevoll mit sich zu sein: die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und dafür einstehen – gerade dann, wenn es schwierig ist.
Oft wird es dann im Laufe der Zeit möglich für die Mütter, etwas mehr Akzeptanz für den eigenen Körper zu finden und den Fokus nicht mehr so stark darauf zu legen.
Erfahrungsbericht: “Spiegel”
Neben den Perspektiven der Mütter kommen auch Töchter zu Wort. Wie ergänzen sich beide Sichtweisen?
Das Buch ist ja ein Ratgeber für betroffene Mütter, die bei sich selbst eine Essstörung erkennen und möglichst verhindern möchten, dass diese an ihr Kind weitergeht. Es geht darum, die nächste Generation zu schützen.
Im vierten Kapitel kommen Töchter zu Wort, deren Mütter eine Essstörung haben oder hatten. Sie beschreiben, auf welche Weise die mütterliche Essstörung ihre eigene Essstörung begünstigt hat. Es ist sozusagen die umgekehrte Perspektive. In diesem Buch geht es um das Generationenthema – um Mütter und ihre Töchter, um Großmutter, Mutter, Tochter.
Ich möchte aber auch sagen, dass im Buch betroffene Männer nicht zu Wort kommen, weil das den Rahmen gesprengt hätte. Das Thema ist mir dennoch sehr wichtig. Denn häufig sind es auch die Väter, die essstörungsspezifische Dynamiken an die Kinder weitergeben. Es ist durchaus nicht immer die Mutter. Die Dynamiken sind in mancher Hinsicht ähnlich, in anderen Bereichen aber auch unterschiedlich.
Ich denke, es würde sich sehr lohnen, auch darüber ein eigenes Buch zu schreiben. Aber in diesem Buch liegt der Fokus klar auf den Müttern.
Es ist spannend zu beobachten, dass die Mütter in der Auseinandersetzung mit sich und ihrer Essstörung manchmal plötzlich merken: Eigentlich kommt diese Dynamik vor allem von meinem Vater, den Männern, in meiner Familie. Häufig bringt meiner Erfahrung nach vor allem ein Elternteil diese Essstörungsdynamik in die Familie ein. Es kann sein, dass ein Mann diese Dynamik weiterträgt, weil er selbst eine Mutter oder ein Vater mit dieser Thematik hatte. Es verläuft also nicht einfach entlang einer „Frauenlinie“.
Und was ich ebenfalls häufig beobachte: Der jeweils andere Elternteil bemerkt diese Dynamik entweder nicht ausreichend oder hat nicht die Kraft oder den Mut, sich ihr ausreichend entgegenzustellen. Vielleicht scheut er Konflikte, hält sich zurück und schafft es nicht, eine ausgleichende Position zu beziehen.
Es kommt durchaus vor, dass beide Elternteile entsprechende Dynamiken mitbringen – aber häufiger erlebe ich, dass sie vor allem von einem Elternteil ausgehen.
Erfahrungsbericht “Familienmuster”
Ein wichtiges Thema, dass Sie ansprechen, ist auch: Wie kann vermieden werden, dass der eigene Stress bezüglich Essen einfach ungefiltert auf das Kind übergeht?
Also, es geht in erster Linie um ein Verstehen und Anerkennen, wie schwierig es für betroffene Mütter ist, die Verantwortung für die Ernährung und das Gedeihen des Kindes zu übernehmen. Dass die Frau sich selbst eingestehen kann, wie viel Unsicherheit, Überforderung und auch Kontrollbedürfnis da vorhanden sind – und das ernst nimmt.
Meiner Erfahrung nach ist das Kontrollbedürfnis in Bezug auf Ernährung und Gewicht des Kindes oft noch größer als bei der Frau selbst. Sich selbst kann sie eher kontrollieren, beim Kind geht das nicht in gleicher Weise. Und genau deshalb ist es noch schwieriger. Da ist diese große Angst: dass das Kind zu viel oder zu wenig isst, das Falsche isst, nicht gut gedeiht, zu viel oder zu wenig wiegt – und dass sie als Mutter an allem schuld ist. Diese Angst ist oft sehr stark und auch irrational, weil sie der Essstörung zugrunde liegt.
Ich rate betroffenen Frauen deshalb, im Bereich Ernährung so viel wie möglich an andere Menschen zu delegieren und sich zurückzuhalten – auch wenn das unglaublich schwierig ist. Loszulassen. Und die Panik und den Stress, die dadurch ausgelöst werden, bei sich selbst zu behalten, statt sie dem Kind überzustülpen. Es ist viel einfacher, das Kind zu kontrollieren: das Essen zu überwachen, auf den Teller zu schauen – dann liegt der Stress beim Kind, und die Mutter kann sich kurzfristig beruhigen. Viel schwieriger ist es, loszulassen, zum Beispiel an den Partner zu delegieren, der es vielleicht anders macht, nicht so, wie sie es tun würde. Und zu vertrauen, dass das Kind dadurch keinen Schaden nimmt und es wahrscheinlich besser ist, wenn jemand anderes das übernimmt. Und ganz wichtig: Auch in diesem Bereich darf sie immer wieder scheitern und Verständnis für sich haben und auch einfordern. Die eigenen Ängste zu erkennen und sich beim Kind zurückzuhalten ist eine grosse Leistung, das darf nie vergessen gehen.
Wenn die Fau eine andere Krankheit hätte, wäre es auch so, dass sie vielleicht einige Bereiche, was das Kind angeht, delegieren müsste. Manchmal hilft dieser Vergleich: Damit das Loslassen ein Stück weit gelingen kann, braucht es liebevolle Unterstützung und Verständnis aus dem Umfeld sowie einen ehrlichen und offenen Austausch über dieses Thema. Das kann auch zu Streit und Schwierigkeiten führen. Aber es ist wichtig, dass alle wissen, wie schwierig diese Musterunterbrechung ist. Im Buch gibt es dazu sehr eindrückliche Erfahrungsberichte.
Zusammengefasst: Es ist meines Erachtens die Aufgabe der Mutter, sich zurückzuhalten – im Wissen darum, wie unglaublich schwer das ist. Und es ist die Aufgabe des Umfelds, das zu wissen, zu verstehen und trotzdem manchmal klar zu sein und zu sagen: „Du gehst jetzt weg, ich übernehme.“
Das ist schwierig und braucht oft auch therapeutische Unterstützung. Ich finde, dass diese Frauen das unbedingt zugute haben.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Erfahrungsbericht: “In der Znünibox liegt mehr als nur Znüni”
Sandra Steiner Roth
Sandra Steiner Roth beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Essstörungen, sowohl in der Prävention als auch in der Beratung. Als Gründungsmitglied und langjährige Mitarbeiterin half sie mit, am Inselspital Bern die Fachstelle «Prävention von Essstörungen Praxisnah» aufzubauen. Die Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit stand damals im Vordergrund. Nach verschiedenen Weiterbildungen und einem Masterabschluss MAS in Systemisch-lösungsorientierter Therapie wandte sie sich vermehrt der Beratung von Betroffenen zu. Seit 15 Jahren ist Sandra Steiner Roth in eigener Praxis in Bern tätig, wo sie Betroffene und deren Angehörige begleitet. Zudem bietet sie begleitete Gesprächsgruppen und Intensivwochen an. Sandra Steiner Roth ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Bern. www.sandra-steiner.ch
Themenseite: Essstörungen
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