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Das Beziehungserleben von Kindern – projektiv diagnostiziert

Kinder sind von Beginn ihres Lebens in soziale Beziehungsnetze eingebettet. Dabei werden die erfahrenen Beziehungen und die soziale Resonanz durch Bezugspersonen und andere Menschen individuell sehr unterschiedlich erlebt. Frühe Beziehungserfahrungen werden in den ersten Lebensjahren meist unbewusst verinnerlicht und beeinflussen die weitere Entwicklung sowohl von Beziehungswünschen als auch von Befürchtungen. Diese mentalen Beziehungsrepräsentationen nimmt das „Projektive Diagnostikum zum Beziehungserleben von Kindern (ProDiBez)“ in den Blick und untersucht sie in ihrer Bedeutung für Grundschulkinder in deren verschiedenen sozialen Lebens- und Erfahrungsbereichen. Es geht um den Zugang zum inneren Erleben der Kinder: um Beeinträchtigungen und Störungen des kindlichen Beziehungserlebens genauso wie um mögliche Ressourcen und Ansatzpunkte für Förderung. Die diagnostischen Erkenntnisse lassen sich in den verschiedensten Feldern pädagogischer und klinischer Praxis und Forschung anwenden.

„Erzähl‘ mir eine Geschichte zu dem, was auf dem Bild vorgeht.“

Den getesteten Kindern werden sukzessiv Bildtafeln vorgelegt, auf denen Beziehungsszenen skizziert sind. So sieht man beispielsweise auf einer Karte vier Kinder als Gruppe eifrig Ball spielen, während ein Kind alleine auf einer Bank am Rand sitzt und ein anderes das Spielfeld mit gesenktem Kopf verlässt. Eine andere Karte zeigt ein Babybett mit Teddy, eine Frau, die in einem Sessel sitzt und ein Baby hochhält und ein größeres Kind, das durch die geöffnete Tür zu Frau und Baby schaut. Bei jedem Bild werden die Kinder aufgefordert, eine kurze Geschichte zu den dort gezeigten Personen und dem Handlungsgeschehen zu erzählen. Entsprechend der Annahme projektiver Testverfahren geht man davon aus, dass sich die Kinder (projektiv) in die Akteure auf den Bildern hineinversetzen und damit indirekt auch von sich und den eigenen Beziehungserfahrungen und -bedürfnissen erzählen. Wichtig sind bei diesen kindlichen ‚Narrativen‘ vor allem die bei den abgebildeten Personen vermuteten Gefühle und Gedanken, deren Beziehungen und der (wahrscheinliche) Ausgang der Geschichte.

Wie alles begann: Ein praxisorientierter „Schulbildertest“

Im Jahr 1960 wurde für einige Einrichtungen der schulpsychologischen und sonderpädagogischen Beratungspraxis im Rheinland von Sieglinde Kunert ein so genannter „Schulbilder-Apperzeptions-Test“ entwickelt. Es handelte sich um ein projektives Verfahren mit Bildtafeln zu sozialen Beziehungen von Schulkindern. Der „Test“ wurde nie veröffentlicht, aber als praktische Loseblattsammlung über Jahrzehnte bei klinischen Fragestellungen im Bereich von Schulpsychologie, Erziehungsberatung und Psychotherapieausbildung gerne eingesetzt. Ein solcher Umgang mit diagnostischen Materialien, die als „bewährt“ gelten, findet sich häufig in klinischen Praxisfeldern. Dabei würde es sich oft lohnen, sie wissenschaftlichen Kriterien anzupassen.

Auf dem Weg zum wissenschaftlich basierten „ProDiBez“

Als praktisch tätiger Sonderpädagoge und Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalytiker mit individualpsychologischem Hintergrund schätzte Jochen Willerscheidt dieses Verfahren, zumal hier explizit der schulische Kontext und die Peer-Beziehungen angesprochen wurden. Er störte sich aber an den veralteten Vorlagen, den eingeschränkten Theoriebezügen sowie den nicht standardisierten Auswertungsbeispielen. Angesichts seiner Erfahrungen mit der operationalisierten psychodynamischen Diagnostik im Kindes- und Jugendalter (OPD-KJ-2) ergriff er die Chance für eine Aktualisierung und initiierte ein entsprechendes Projekt. Zum Team gehörte neben ihm zunächst Elisabeth Sticker, Professorin für Entwicklungspsychologie und ausgewiesene Entwicklungsdiagnostikerin mit eigenen Erfahrungen in der Testentwicklung; später kam noch Insa Fooken hinzu, Professorin für Entwicklungspsychologie mit Schwerpunkten im Bereich thematischer Analysen und sozio-emotionaler Entwicklung.

Aktualisierung des Testmaterials: von der „strickenden Mutter“ zum „Laptop“

Vorrangig stand zunächst eine Aktualisierung des veralteten Bildmaterials an, da die Bildvorlagen für die Kinder ansprechend und lebensnah sein und somit zur Generierung eigener Beziehungserfahrungen, Erlebensweisen und Reaktionsmuster auffordern sollten. In Zusammenarbeit mit der Köln International School of Design (KISD) wurde ein studentischer Design-Wettbewerb zur Entwicklung neuer, zeitgemäßer Bildvorlagen ausgeschrieben. So strickt beispielsweise die Mutter nicht mehr, der Vater informiert sich am Laptop und im Kinderzimmer befindet sich ein Computer mit Tastatur. Die prämierte Arbeit wurde als Testmaterial umgesetzt und besteht aus 32 schwarz-weiß gestalteten Bildtafeln (jeweils 16 in einer Jungen- und einer Mädchen-Version), auf denen typische Beziehungs-Szenen mit einem potenziell ambivalenten Bedeutungsgehalt skizziert sind. Mimik und Gestik der Beteiligten sind weitgehend offen bzw. unbestimmt belassen. Die thematisierten Episoden beziehen sich auf sozial relevante Situationen von Kindern im Altersbereich von etwa 6-12 Jahren. Konkret geht es bei den 16 Bildtafeln um die folgenden vier kindlichen Erfahrungs- und Lebensbereiche: Familie, Schule, Freizeit und den Themenkomplex Gesundheit, Krankheit oder Tod.

Alfred Adlers Individualpsychologie

Die im ProDiBez vorgenommene Akzentsetzung auf soziale Themen und Bedürfnisse wird mit dem Beziehungserleben von Schulkindern verbunden. Dabei wird weniger nach den Gründen möglicher Probleme gefragt, also nicht so sehr nach dem ‚Warum‘ des konkreten Erlebens und Verhaltens, als nach den Absichten und sozialen Zielen, das heißt, nach dem ‚Wozu‘ des Handelns und Empfindens der Kinder in der konkreten Situation. Das wiederum ist eine typisch individualpsychologische Position im Gegensatz zur stärker kausal bzw. triebtheoretisch akzentuierten klassischen Psychoanalyse. Bereits der alte „Schulbildertest“ stand eindeutig in der individualpsychologischen Tradition, in der das soziale Beziehungs-Gefüge als zentraler Einflussfaktor in den Blick genommen wurde für das, was sich als Zielgerichtetheit, als meist unbewusste ‚intentionale Lebensbewegung‘ des individuellen Handelns und Erlebens im Sinne eines überdauernden ‚Lebensstils‘ herausbildet. So wird davon ausgegangen, dass die kindlichen Narrative zum Beziehungserleben innerhalb und außerhalb der Familie sowie zu den Gleichaltrigen einen Zugang zur Innenwelt der Kinder erlauben, denn die innerpsychische Dynamik ist immer auch sozial bezogen und greift auf mehr oder weniger flexible oder verfestigte Erlebens- und Handlungsmuster zurück.

Erweiterung: Bindung – Mentalisierung – Bedürfnissysteme - SDQ

Die bereits genannte Perspektive wurde bei der Neu-Konzeption des Tests auf das Erleben und die inneren Verarbeitungsprozesse der Kinder erweitert und es wurden – ähnlich wie im OPD-KJ-2 – neuere Erkenntnisse der Theorien zu Bindung und Bindungsstilen, Mentalisierungsprozessen, Bedürfnissystemen und unbewussten Motiven für die Analyse der Narrative herangezogen. Um aber nicht nur innerhalb des Systems psychodynamischer Konzepte zu bleiben, sondern insbesondere für das kindliche Verhalten und Erleben auch stärker objektivierte Merkmale zu berücksichtigen, wie sie in psychometrischen Verfahren verwendet werden, wurden zudem Anregungen aus dem Fragebogen Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) in das Kodiersystem einbezogen. Dieser Fragebogen erfasst Stärken und Schwächen kindlichen Verhaltens aus der Selbstsicht des Kindes sowie aus der Sicht von Eltern und Lehrpersonen und stellt somit einen etwas anders akzentuierten Zugang zur kindlichen Innenwelt und dem möglichen (Problem-)Verhalten dar.

Genauere Angaben und Informationen zu Durchführung, Auswertung und Gütekriterien finden Sie hier:

Projektives Diagnostikum zum Beziehungserleben von Kindern

Was sind die Anwendungsbereiche des ProDiBez?

Überall wo es sinnvoll ist, Beziehungsrepräsentationen von Kindern differenziert zu erfassen, kann das ProDiBez ein wertvolles Tool sein. Die Indikations-, Einsatz- und Anwendungsbereiche des ProDiBez sind vielfältig: Schul- und Verhaltensprobleme in Schul- und Erziehungsberatung, sonderpädagogische Diagnostik, Eingangs- und Verlaufsdiagnostik von Kinderpsychiatrie und -psychotherapie, familienrechtliche Auseinandersetzungen und Sorgerechtsfragen und nicht zuletzt: Forschung. Auch wenn das ProDiBez zunächst und überwiegend als diagnostisches Testverfahren gedacht ist, kann es durchaus auch mehr als „nur“ ein „Diagnostikum“ sein und im therapeutischen Alltag eingesetzt werden. So können beispielsweise massive aggressive und aversive Bedürfnisse, die im Vorfeld der Therapie in den Bilderzählungen deutlich werden, helfen, das therapeutische Setting mit entsprechend ausgewähltem Spielmaterial (z. B. Tiere wie Nashörner, symbolische Figuren wie Ritter) so vorzubereiten, dass statt Ausagieren auch bereits früh Symbolisierungen der aversiven Impulse möglich werden. Durch seinen narrativen Aufforderungscharakter entpuppt sich somit das ProDiBez manchmal als ein frühes Beziehungsangebot und hilfreicher Einstieg in einen nachfolgenden psychotherapeutischen Prozess – ein Kind und eine erwachsene Person kommen miteinander ins Gespräch und beginnen, eine Beziehung zu gestalten.

Prof. Dr. Elisabeth Sticker

1971 – 1974 Studium Lehramt in Köln; Studium der Psychologie 1975-1980 in Bonn; 1980-1983 Frühgeborenen-Forschungsprojekt an der Universitäts-Kinderklinik und 1983 Promotion in Bonn; 1983-1987 wissenschaftliche Mitarbeit am Psychologischen Institut der Universität Bonn; seit 1988 ehrenamtliche Tätigkeit in verschiedenen Verbänden und Gremien zur Verbesserung der Situation von Personen mit angeborenem Herzfehler; 1989-1997 Frühgeborenen-Forschungsprojekt an der Universitäts-Kinderklinik in Bonn; 1997-2002 wissenschaftliche Mitarbeit am psychologischen Institut der Universität zu Köln; Habilitation in 2002; 2004-2008 Leiterin des Projekts Hochbegabung Köln beim Schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln; 2008-2014 Vertretungsprofessur für Pädagogische Psychologie an der Universität Siegen; seit 2009 Professur an der Universität Köln.

Jochen Willerscheidt

Studium Lehramt Sonderschule in Köln 1970-1974; 1976-2014 Schuldienst an verschiedenen Förderschulen zur Erziehungshilfe in NRW; 1971-1974 Fortbildung zum Individualpsychologischen Berater (DGIP) am Alfred-Adler-Institut Düsseldorf; 1995-2002 Ausbildung zum analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten am Alfred-Adler-Institut Aachen-Köln; seit 2007 Dozent und Supervisor in der Ausbildung zum analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Prof. Dr. Insa Fooken

Diplom und Promotion in Psychologie (1980) an der Universität Bonn; klinisch-psychologische Tätigkeit; wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Alternsforschung und Lehre in Entwicklungspsychologie und Pädagogischer Psychologie an der Universität Bonn; 1992-2013 Professur Entwicklungspsychologie der Lebensspanne an der Universität Siegen; 2014-2020 Seniorprofessur an der Goethe Universität Frankfurt; Forschungsschwerpunkte u.a.: soziale Beziehungen und sozio-emotionale Entwicklung, Prävention zur Stärkung von Familien, Resilienz, Ambivalenz, Bedeutung von Puppen.