Cranio-Sacrale Therapie im Wandel: Ein integrativer Ansatz für traumasensibles Arbeiten
Traumatische Erfahrungen prägen nicht nur die Psyche, sondern auch das Nervensystem und den Körper. Moderne Ansätze der Cranio-Sacralen Therapie tragen dieser Erkenntnis Rechnung und verbinden klassische Techniken mit aktuellen Einsichten aus der Psychoneurobiologie, Traumapädagogik und systemischen Arbeit. Im Gespräch geben Sebastian Nippold und Sophie Stern, Autor*innen des Buches „Traumasensibles Arbeiten in der Cranio-Sacralen Körpertherapie“, Einblick in die Entwicklung und zeigen, wie sich therapeutische Prozesse heute differenzierter und nachhaltiger gestalten lassen.
Bild: Getty images
Die Cranio-Sacrale Methode hat sich, wie Sie schreiben, in den letzten zehn Jahren stark verändert. Was bedeutet dieser Wandel konkret – und warum war er notwendig?
Sebastian Nippold:
Wir versuchen mit unserer Arbeit eine Abgrenzung zu den weiterhin bestehenden, esoterisch begründeten Konzepten zu definieren. So schaffen wir es, die Methoden immer mehr Menschen zugänglich zu machen – wissenschaftlich denkenden Menschen, aber auch im Hinblick auf die Thematik ein weiteres Spektrum zu erschließen, etwa die Arbeit mit komplex traumatisierten Menschen.
Hierfür haben wir etwa Steuerungsmechanismen entwickelt; wir nennen dies den Schnellkochtopf, der über ein Ventil verfügt. So muss Trauma nicht in voller Konfrontation bearbeitet werden, es lassen sich sukzessive traumabedingte Spannungen abbauen.
Sophie Stern:
Weg aus der Esoterik-Ecke der 80er-Jahre, hin zu wissenschaftlichem Arbeiten. Eine Entwicklung, die seit Upledger als Vorreiter existiert. Upledger entwickelte das Zehn-Schritte-Protokoll; ein Behandlungsplan für den gesamten Körper. Seitdem entwickelt sich eine medizinisch, physikalisch und psychologisch nachvollziehbare Methode.
Wenn man die psychologischen Aspekte betrachtet, gab es früher beispielsweise stärker konfrontative Ansätze – etwa im Psychodrama. Heute orientieren wir uns eher an Psychologinnen wie Michaela Huber. Dort geht es darum, Prozesse zu dosieren und schrittweise zu bearbeiten.
Das entspricht auch dem, was Sebastian im Buch als „Schnellkochtopf“ beschreibt, es wird alles nach und nach verarbeitet und nicht auf einmal „entladen“. In den Achtzigerjahren war eher die Haltung: Jetzt hast du die Chance, lass alles raus – und danach stehst du allein damit da. Das ist aus heutiger Sicht wenig realistisch.
Sebastian Nippold:
Das führte zu Aussagen, die ich in Fortbildungen zigfach gehört habe: „Mein Trauma wurde schon bearbeitet. Ich war bei einer Behandlerin ,XY’, hatte 90 Minuten Zeit, das Erlebnis noch einmal zu fühlen – damit ist es erledigt“. Im Endeffekt ist das teilweise problematischer, als gar nicht zu therapieren. Die Menschen glauben, sie hätten eine Behandlung erhalten, ohne dass evaluiert wurde, ob sich tatsächlich etwas verändert hat. Dann entsteht Frustration. Es folgt der Wechsel von Methode zu Methode – Cranio, Reiki, Feldenkrais etc. –, ohne dass jemand sauber überprüft, warum etwas nicht gegriffen hat. Die Menschen drehen sich im Kreis. Der Markt der sogenannten sekundären Heilangebote ist voll von genau solchen Verläufen: Menschen, die immer wieder die Methode oder die Anbieter wechseln, statt klar zu benennen, dass die Behandlung nicht auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmt war.
Sie schlagen im Buch die Brücke zwischen klassischer strukturell-funktionaler Arbeit und modernen Erkenntnissen aus Traumapädagogik, Psychoneurobiologie und systemischem Denken. Wie sieht diese Verbindung in der Praxis aus?
Sophie Stern:
Im Grunde arbeiten wir weiterhin strukturell-funktional, aber wir sehen den ganzen Patienten oder die ganze Klientin – in seinen oder ihren Rahmenbedingungen. Wenn wir zum Beispiel eine Technik wie das Stirnbeinheben anwenden, könnte sie strukturell-funktional korrekt sein – wir heben das Stirnbein. Dennoch funktioniert es eventuell nicht, weil der Mensch noch in negativen Rahmenbedingungen steckt und sich nicht lösen kann. Diese Sichtweise ist „ganzheitlich“; ein sehr schwammig verwendeter Begriff. In der Praxis bedeutet es einen höheren Zeitaufwand; Sprechen, Zuhören und Einordnen gehören zu der Anwendung der Techniken dazu.
Sebastian Nippold:
Viele trauen sich nicht, diese Rahmenbedingungen anzusprechen – das ist etwas, das ich persönlich verantworte. Es hat nicht direkt mit der Methode zu tun, gehört aber zur Wirkweise. Menschen, die traumatisiert sind und aus schwierigen Bedingungen kommen, erleben oft, dass diese Bedingungen weiter bestehen.
Das ist ein Ansatz, wie man in der Praxis darauf reagiert: Wir machen die Menschen darauf aufmerksam oder fragen nach. In der Psychologie gibt es häufig die Vorstellung, dass man jemanden therapieren könnte, indem man einfach beobachtet, wie es ihm im Moment geht. Wir fragen stattdessen: Wo kommst du her? Wohin gehst du zurück? Und akzeptieren auch technisch, dass sich etwas im Moment noch nicht lösen lässt, da die Bedingungen weiter negativ wirken.
Sophie Stern:
Unsere Rahmenbedingungen sind: eine Terminlänge von 90 Minuten, davon 60 Praxis und 30 Minuten Gespräch. Transparenz ist wichtig: Wenn Klient*innen wissen, dass sie weinen dürfen, und wir erklären auf körperlicher Ebene, was gerade passiert, können Techniken wirken, die Emotionen lösen – ohne dass wir erst das Trauma psychotherapeutisch aufarbeiten müssen. Bleibt jedoch die Vorstellung bestehen, wir würden nur Rückenschmerzen behandeln, wird sich nichts bewegen. Der Funktionsmodus hält die Emotionen zurück, solange Kopf und Körper die Verbindung zwischen Emotionen und körperlichen Beschwerden nicht verstehen.
Wir arbeiten an mündigen Klient*innen: Wir erklären fortlaufend, warum wir bestimmte Techniken anwenden, und geben die Informationen, die sie brauchen, um körperlich und emotional zu reagieren.
Ihr Ansatz legt großen Wert auf traumasensibles Arbeiten. Welche neurobiologischen Grundlagen sind dafür entscheidend?
Sophie Stern:
Wir orientieren uns an neurobiologischen Grundlagen in Bezug auf Elektromagnetismus und an modernen neurobiologischen Ansätzen des traumatisierten Gehirns nach Kapfhammer, van der Kolk, Nijenhuis und anderen.
Sebastian Nippold:
Ein Beispiel: Ich frage eine Klientin, ob ich eine bestimmte Berührung durchführen darf. Sie sagt „ja“, obwohl sie in einer gesunden Reaktion „nein“ sagen würde. Neurophysiologisch ist das verständlich: Das Gehirn hat gelernt, dass es sich anpassen muss, damit alles „ordnungsgemäß“ abläuft. Solche Muster entstehen durch Konditionierung, Prägung und die Plastizität neuronaler Netze. Die Angst ist nicht verloren – sie ist nur in einem anderen Modus gespeichert.
Traumasensible Cranio-Sacrale Arbeit bedeutet, das zu beachten: nicht vom Verstand auf das körperliche Erleben zu schließen. Wir beobachten den Körper – Atmung, Muskelspannung, Haltung – und sehen so, wie er reagiert. Die verbalen Aussagen sind oft unzuverlässig – aus dem Verstand erzeugt und nicht dem tatsächlichen Zustand des Gesamtkörpers samt dessen Prägung entsprechend –, entscheidend ist, wie der Körper antwortet. Wenn die Atmung flacher wird oder die Schultern hochkommen, zeigt das, dass die Person innerlich auf etwas reagiert, auch wenn der Kopf sagt: „Alles in Ordnung.“
Das Ziel ist, ein neuronales Netzwerk anzuregen – eines, das den Körper mit den Empfindungen der Prägung verbindet, statt dass die alte Konditionierung das Verhalten diktiert. Dafür braucht es Verständnis, Geduld und genaue Beobachtung.
Sophie Stern:
Die Körperarbeit ist dabei sehr dankbar, weil Erinnerungen bei traumatisierten Menschen oft fragmentiert in Schichten abgelegt sind. Über den Körper können wir wieder an diese Schichten herankommen und sie nach und nach zusammenführen. Meist zeigt sich zunächst nur eine gustatorische oder olfaktorische Erinnerung oder vielleicht ein akustischer Eindruck.
Und wie wirkt Cranio-Sacrale Arbeit auf ein durch Trauma verändertes Nervensystem?
Sebastian Nippold:
Cranio-Sacrale Arbeit wirkt vor allem physiologisch auf das Gehirn und das periphere Nervensystem. Sie erhöht die Neuroplastizität, unter anderem durch die Arbeit mit dem Liquor und der Mobilität der ummantelnden Strukturen. Dadurch können neue neuronale Vernetzungen leichter gebildet werden, und gleichzeitig können alte, starr gewordene Netze gelöst werden. (Anregung der Stoffwechselprozesse des NS)
Traumatisierte Menschen haben oft stabilisierte neuronale Muster, die durch Angst und Stress stark geprägt sind. Diese Muster verhindern, dass der Körper neue Reaktionen zeigt – selbst nach erfolgreicher Psychotherapie. Cranio-Sacrale Arbeit schafft die physischen Bedingungen, damit das Nervensystem wieder variabler wird: Flüssigkeit kann besser fließen, Muskeln und Gelenke werden beweglicher, und das Gehirn kann beginnen, alternative Netzwerke zu aktivieren.
Wenn traumatische Erinnerungen auftauchen, geben wir Raum für deren Wahrnehmung, ohne Druck auszuüben. Nur ein Teil des traumatisierten Systems wird im therapeutischen Rahmen aktiviert – ähnlich wie beim „Schnellkochtopf“-Prinzip: Ein kontrollierter, sicherer Anteil der Erinnerung darf bearbeitet werden, während das Bewusstsein im Hier und Jetzt bleibt.
Physiologisch zeigt sich diese Arbeit in Körperreaktionen: Atmung, Muskelspannung oder Haltung können Hinweise geben, dass neuronale Netze aktiviert werden, auch wenn der Kopf signalisiert, dass alles in Ordnung sei. Durch gezielte, sichere Impulse und körperliche Wahrnehmung kann das Gehirn allmählich alternative Reaktionsmuster etablieren, ohne dass wir direkt psychologisch intervenieren müssen.
Kurz gesagt: Cranio-Sacrale Arbeit bietet physikalische Rahmenbedingungen, die die natürliche Veränderbarkeit des Nervensystems erhöhen, alte traumatische Muster entlasten und neue, gesündere Verbindungen ermöglichen.
Ein zentraler Begriff in Ihrem Buch ist die „neutrale Präsenz“. Warum ist diese innere Haltung für die Arbeit mit traumatisierten Menschen so essenziell?
Sebastian Nippold:
Ein zentraler Aspekt der neutralen Präsenz ist, dass sie verhindert, dass wir ins Mitleiden gehen. Ich bin während der Behandlung präsent und fokussiert auf die Person, aber ich gehe nicht in ihr Drama mit hinein. Neutrale Präsenz bedeutet daher, dass alles da sein darf, ohne bewertet zu werden. Und das ist nicht nur eine mentale Haltung, sondern auch eine körperliche. Wenn mein eigenes Nervensystem ruhig bleibt, kann ich dem anderen oder der anderen Stabilität und Entspannung anbieten. Dadurch wird die Arbeit reproduzierbar und weniger erschöpfend, weil wir nicht jedes Mal emotional mitgehen müssen.Im Idealfall ist diese Haltung so stabil, dass die Person des Behandelnden in den Hintergrund tritt.
Ein Schwerpunkt des Buches ist die Arbeit mit neurodiversen Menschen. Welche Bedürfnisse haben z. B. Menschen im Autismus-Spektrum oder AD(H)S‑Betroffene und wie kann die Cranio-Sacrale Methode hier sinnvoll unterstützen?
Sebastian Nippold:
Bei vielen Betroffenen von ASS liegt das Bedürfnis nach einer Verbindung zu anderen Menschen vor. Diese Form der Kommunikation wird in Fachkreisen (Wilczek) „Kernverbindung“ genannt.
Eine Kernverbindung ist eine wahrhaftige, klare und intensive Verbindung zu (meist) einer Person. Auf dieser Ebene kann es zum Beispiel nonverbale Kommunikation geben; umgangssprachlich könnte man hier sagen: „Zwei verstehen sich blind“. Diese Kernverbindung ist gegeben, wenn Menschen auf der Ebene des NS miteinander in Verbindung sind, wie es bei der Anwendung der Cranio-Sacralen Methode der Fall ist.
Außerdem ist bei ASS eine Überreizung (Tilt), die Folge der mit ASS einhergehenden Reizfilterstörung, zu erwarten. Eine Entspannung der Gehirnareale kommt einem Entladen gleich. Wenn Gehirnareale überladen, kommt es zum Überlaufen; dem Tilt. In einem Tilt brechen die exekutiven Funktionen zusammen. So etwas kann zwar nicht verhindert, das Auftreten jedoch durch Regulation im Vorfeld deutlich nach hinten verschoben werden.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine vierzehnjährige Klientin zeigt Hinweise auf Autismus, hat aber (zurzeit) keine Diagnose. Das Mädchen entwickelt bereits Symptome wie Rückenschmerzen, Schlafprobleme oder Überforderung im Alltag. Aus unserer Sicht hängt das damit zusammen, dass ihr Nervensystem zu viele Reize verarbeitet – bestimmte Filtermechanismen arbeiten nicht ausreichend, sodass es zu einer Überlastung kommt.
Wir können das Nervensystem regulieren und beruhigen, bevor sich diese Überlastung weiter verstärkt oder auf unterschiedliche Symptome verteilt. Denn solche Überlastungen zeigen sich oft unspezifisch – mal als Konzentrationsproblem, mal als körperliche Beschwerden wie Schmerzen oder andere funktionelle Symptome.
Ohne dieses Verständnis werden neurodivergente Menschen häufig je nach Symptom zu verschiedenen Fachstellen geschickt. Dabei liegt die Ursache nicht im einzelnen Organ, sondern in einer generellen Überreizung des Nervensystems. Durch die Arbeit mit dem Körper können wir die Aktivität im Nervensystem herunterregulieren und so die Belastung insgesamt verringern. Gleichzeitig entsteht eine Form von Kommunikation, die nicht primär über Sprache läuft. Gerade für neurodivergente Menschen ist das entscheidend, weil viele sich selbst nicht verstehen, nur schwer erklären können oder nicht verstanden werden.
Sie betonen die Bedeutung nonverbaler Arbeit. Warum kann gerade diese Form der Begleitung für neurodivergente oder traumatisierte Menschen so hilfreich sein?
Sebastian Nippold:
Nonverbale Arbeit ist gerade für neurodivergente oder traumatisierte Menschen sehr hilfreich, weil sie oft nicht über das Erlebte sprechen können oder wollen. Bei Trauma gibt es die präverbalen Traumata, hier ist Sprechen ohnehin nicht möglich. Dann alle Traumata, bei denen das Sprechen betroffen ist (Ersticken o. Ä., nicht sprechen können oder dürfen). Oder das Erlebte ist nicht in Sprache zu fassen, da es fragmentiert vorliegt und (noch) nicht als sinnvolles Ganzes benannt werden kann.
Hinzu kommt: Sprache aktiviert bestimmte Gehirnareale, die es manchmal verhindern, dass der Körper die eigentliche Spannung loslassen kann. Der liegende Mensch bleibt im Funktionsmodus, was sich auf die Gehirnwellenaktivität auswirkt: Sie bleibt im Bereich der Beta‑Wellen (wachbewusster Zustand). Traumaintegration läuft meist im Bereich der Alpha‑Wellen (Schlaf- und Verarbeitungsmuster des NS).
Das Buch enthält ausführliche Kapitel zur organspezifischen Arbeit. Was bedeutet das konkret – und wie hängen Organe, Emotionen und das autonome Nervensystem aus Ihrer Sicht zusammen?
Sebastian Nippold:
Organe, Bindegewebe, Gewebeschichten speichern scheinbar den Zustand, der damals für das Überleben sinnvoll war. Dieser Zustand ist jedoch im Nervensystem und besonders in den Ganglien gespeichert. Wenn diese Übersteuerung bleibt, läuft das System dauerhaft auf Hochtouren.
Wir bringen das Nervensystem wieder in Balance, indem die Ansteuerung der Organe usw. mit der Situation auf der Liege abgeglichen wird, die Energieflüsse normalisieren sich, die Nerven können sich entspannen, und die Organe dürfen wieder „normal“ (ruhig) arbeiten.
Wir behandeln die Leber nicht, um die Wut wegzumachen, sondern um über die Verbindung zum Nervensystem, das Ganglion zu „resetten“. Der Verstand weiß längst: „Eigentlich muss ich gar nicht mehr wütend sein“, aber das Ganglion muss das erst noch lernen. (Neuprogrammierung)
Sie legen großen Wert auf eine klare Abgrenzung zur Psychotherapie, plädieren aber gleichzeitig für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wie gelingt es, Verantwortung und Zuständigkeiten sinnvoll zu ordnen?
Sophie Stern:
Im Moment klappt es nicht so gut, dass die Strukturen zusammenarbeiten. In unserem Kreis tatsächlich schon, weil wir das über 20 Jahre aufgebaut haben. Wir haben ein Netzwerk an traumasensiblen Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen und können dann eben gemeinsam mit der Klientin*dem Klienten auch dahin verweisen, uns vernetzen, gegebenenfalls auch Psychotherapeut*innen gemeinsam Behandlungsziele entwickeln. Das ist großartig, aber das gibt es leider selten.
Sebastian Nippold:
Ich habe früh angefangen, das über die Klient*innen zu managen. Wenn etwas unklar ist, sage ich: „Bitte geh zum Hausarzt, klär das mit deiner Psychiaterin.“ Zum Beispiel Antidepressiva – manchmal müssten die abgesetzt werden, damit man überhaupt wieder an Gefühle herankommt. Aber ich sage nicht, dass jemand die Medikamente absetzen soll, nur dass er*sie das mit der behandelnden Ärztin, dem behandelnden Arzt bespricht. Das ist ganz wichtig.
In Deutschland ist das noch nicht so etabliert wie in anderen Ländern. In Belgien etwa wird Osteopathie teilweise von Hausärzt*innen empfohlen. Bei uns passiert das selten und oft unspezifisch. Darum braucht es Aufklärung und verbindliche Fachkenntnis darüber, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit funktionieren kann. Psycholog*innen schicken uns mittlerweile ihre Klient*innen, wenn sie körperliche Aspekte nicht lösen können. Aber das kann nicht der einzige Weg für eine Gesellschaft sein – die Fachwelt muss dieses Wissen haben.
Das Buch richtet sich auch an Physiotherapeut*innen. Welche Rolle können sie in einem integrativen, traumasensiblen Setting künftig spielen – und wie könnte sich ihr Berufsbild erweitern?
Sebastian Nippold:
Ich finde, Physiotherapeut*innen müssen nicht die ganze Cranio-Sacrale Methode beherrschen. Schon ein traumasensibles Fortbildungswochenende mit nur einer Technik kann ihre Arbeitsweise komplett verändern, wenn sie erleben, wie viel bewirkt wird, wenn man nicht sofort Druck ausübt.
Es geht dabei nicht primär um die Methode, sondern um das Verständnis, dass man Erfahrung braucht und nicht überall dasselbe anwenden kann.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Sophie Stern
Sophie Stern studierte Pädagogik, Psychologie, Soziologie und ist Heilpraktikerin. Sie schloss die Ausbildung „Cranio-Sacrale Körpertherapie“ 2016 ab. Seit 2012 sammelte sie erste Praxiserfahrung mit der Methode bei regelmäßiger Anwendung und wachsendem Klientenstamm.
Sie bildet sich regelmäßig u. a. an der Kinon Akademie fort in Themen wie Viszerale Arbeit, Kopf und Gehirn, Spezielle Traumaarbeit und spezielle Faszien-Arbeit. Nach vierjähriger Assistenz bildet sie seit 2022 gemeinsam mit Sebastian Nippold in der Cranio-Sacralen Methode aus. Sie eröffnete ihre eigenen Räumlichkeiten in Köln 2023.
Ihre Schwerpunkte liegen in der Begleitung traumabedingter Prozesse mit der Cranio-Sacralen Methode sowie einer besonderen Qualität in der Faszien-Arbeit. Ihr besonderes Interesse liegt in den Bereichen Neurobiologie in Verbindung mit Traumata, chronischen Schmerzzuständen und Viszeraler Arbeit
Sebastian Nippold
Sebastian Nippold studierte Diplom-Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln bis 2008. Er absolvierte die Ausbildung in Cranio-Sacraler Körperarbeit an der Kinon Akademie, wo er auch zahlreiche Supervisionen, Assistenzen, Fort- und Weiterbildungen absolvierte. Neben seinem Schwerpunkt der Begleitung traumabedingter Prozesse hat er ein umfangreiches Wissen und Erfahrung in der Embryologie, der Faszien- und der Viszeralen Arbeit sowie in der Arbeit mit Säuglingen und Kindern
Er praktiziert die Methode seit 2006 und gründete 2010 das Seminar für Körperarbeit und Kampfkunst. Aufgrund eigener Neurodivergenzen hat er einen weiteren Schwerpunkt in der Arbeit mit autistischen und hochsensiblen Menschen entwickelt. Neueste Forschung aus den Bereichen Neurobiologie, Physik und Traumatheorie werden in seiner Arbeit mit seinem großen Erfahrungsschatz verknüpft und entwickeln die Cranio-Sacrale Arbeit seitdem stetig weiter. Mit einzigartiger Konkretizität und Struktur begründet er den unspektakulären Ansatz in der Traumaarbeit. Seit 2010 bildet er in der Cranio-Sacralen Methode aus und bietet Fort- und Weiterbildungen in diesem Bereich an.
Daneben praktiziert und unterrichtet er seit über 25 Jahren Kampfkunst (japanische und chinesische Kampfkünste).