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Biografiearbeit in der therapeutischen Praxis: Lebensgeschichten verstehen, Ressourcen aktivieren

Biografiearbeit unterstützt therapeutische und beratende Prozesse, indem sie Lebensgeschichten strukturiert und Raum für Reflexion, Ressourcen und Veränderung eröffnet. Kartensets können dabei helfen, Gespräche zu ordnen, Einstiege zu erleichtern und unterschiedliche biografische Themen gezielt aufzugreifen.
Im Interview erläutern Melanie Gräßer und Eike Hovermann, wie solche Kartensets in der Biografiearbeit eingesetzt werden können, worin ihr besonderer Mehrwert liegt und welche Aspekte Fachkräfte in unterschiedlichen Settings berücksichtigen sollten.

Zwei Frauen sitzen an einem niedrigen Tisch, auf dem Tisch liegen Karten mit Bildmotiven

Bild: Getty images

Biografiearbeit ist in vielen therapeutischen und beratenden Arbeitsfeldern etabliert. Was macht aus Ihrer Sicht ihre besondere Stärke aus?

Biografiearbeit ermöglicht es, subjektive Lebensgeschichten systematisch zu erschließen und neu zu rahmen. Für Patient*innen/Therapeut*innen liegt ihre Stärke besonders in der Verbindung von Erinnerung, Bedeutungskonstruktion und Identitätsarbeit. Patient*innen/Klient*innen können Ressourcen, Bewältigungsstrategien und Entwicklungslinien erkennen, die im Alltag oft implizit bleiben. Gleichzeitig fördert sie Kohärenzgefühl und Selbstwirksamkeit. Sie schafft einen Zugang zu emotional bedeutsamen Themen, ohne ausschließlich problemorientiert zu arbeiten. Zudem lässt sich Biografiearbeit flexibel an unterschiedliche Settings und Zielgruppen anpassen. Gerade in Übergangsphasen oder Krisen kann sie stabilisierend wirken.

Sie haben sich für Kartensets entschieden. Was leisten Karten als Medium in der Biografiearbeit, dass ein klassisches Gespräch oder Interview so nicht leisten kann?

Karten strukturieren den Prozess und bieten gleichzeitig kreative Impulse, die über die rein verbale Exploration hinausgehen. Sie senken die Einstiegshürde für das Gegenüber, da sie konkrete Anknüpfungspunkte liefern und die häufig vorkommende Leere im Gespräch vermeiden. Ein besonders wirksamer Punkt scheinen deren Haptik und Visualität zu sein, da diese häufig einen intuitiveren und auch emotionaleren Zugang aktivieren. 

Als Therapeut*in können sie mit Ihren Patient*innen/Klient*innen allein oder auch gemeinsam Karten auswählen, sortieren oder priorisieren, was Autonomie und Selbststeuerung stärken kann. Die Biografiekarten können auch spielerische Elemente wecken und so mögliche bestehende Widerstände reduzieren. Ebenfalls ermöglichen die Karten eine Regulationsmöglichkeit zu belastenden Themen durch eine nur indirekte Annäherung. Zusätzlich bieten die Karten Ihnen eine klare, aber auch flexible Strukturierungshilfe im Prozess der Biografiearbeit an.

Außerdem eignet sich die Bildkartenseite sehr gut in der Zusammenarbeit mit Menschen, die eine andere Muttersprache sprechen oder Patient*innen/Klient*innen mit Sprachschwierigkeiten, einem eingeschränkten Wortschatz, kognitiven Einschränkungen und/oder sozialen Ängsten. Mithilfe der Bildkartenseite lässt sich ganz einfach auch «ohne Worte» oder mit nur wenigen Worten kommunizieren.

Ein Foto des Kartensets Biografiearbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Buchmanual und Karten sind zu sehen.

Sie haben jeweils ein eigenes Kartenset für Jugendliche sowie für Erwachsene entwickelt. An welcher Stelle unterscheiden sich Biografiearbeit, Karteninhalte und Herangehensweise hier am grundlegendsten?

Der grundlegendste Unterschied liegt im Entwicklungsstand und der Reflexionsfähigkeit. Bei Jugendlichen stehen Identitätsfindung, Gegenwartsbezug und niedrigschwellige Zugänge im Vordergrund. Die Karteninhalte (sowohl textlich als auch von den Bildmotiven) sind hier oft konkreter, bildhafter und stärker an aktuellen Lebenswelten orientiert. Bei Erwachsenen können Sie stärker mit Abstraktion, Lebensphasen und langfristigen Narrativen arbeiten. Die Herangehensweise bei Jugendlichen ist meist dynamischer und kürzer getaktet, während bei Erwachsenen häufig mehr Raum für Vertiefung und Integration besteht. Auch der Umgang mit sensiblen Themen unterscheidet sich, da Jugendliche oft weniger stabile Selbstkonzepte haben. Entsprechend braucht es hier mehr Struktur und Halt und auch andere Fragen. Zudem ist die (An-)Sprache bei beiden Bezugsgruppen unterschiedlich. Wir haben versucht, diese Aspekte in den beiden Kartensets aufzugreifen, um Ihnen ein für die jeweilige Bezugsgruppe passgenaues Tool zur Verfügung zu stellen.

Welche Durchführungsvarianten gibt es beim Einsatz der Karten und wann könnte man welche einsetzen?

Karten können frei gezogen, gezielt ausgewählt oder thematisch vorstrukturiert eingesetzt werden. Ein freies Ziehen eignet sich besonders für niedrigschwellige Einstiege oder wenn Spontaneität gewünscht ist. Gezielte Auswahl bietet sich an, wenn konkrete Themen oder Teilbereiche der Biografie bearbeitet werden sollen. Auch das Sortieren nach Kategorien (z. B. belastend vs. stärkend) kann hilfreich sein. Die Biografiearbeitskarten lassen sich sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting gut nutzen: Im Gruppensetting können Karten als Austauschimpuls oder zur Perspektivenvielfalt genutzt werden. Einzelsettings ermöglichen eine tiefere Exploration. Zeitlich lassen sich Kurzinterventionen oder längere Prozesse gestalten. Wählen Sie je nach dem Ziel oder Setting das Sie mit Ihren Patient*innen/Klient*innen verfolgen.

Um mehr Abwechslung in die Biografiearbeit zu bringen, kann auch die Kombination der Arbeit mit einer Lebenslinie und den Karten erfolgen. Lassen Sie Ihr therapeutisches Gespür entscheiden, ob diese Intervention für Ihre Patient*innen/Klient*innen gerade passt oder nicht. Hier zwei Beispiele. Im linken Bild sind Textkarten gewählt worden, das rechte Bild kombiniert Bild- und Textkarten. Sie sehen, dass Sie hier ganz flexibel vorgehen können. In der Praxis hat sich bewährt, unterschiedliche Vorgehensweisen anzubieten und ggf. zu zeigen und dann Ihre Patient*innen/Klient*innen auswählen zu lassen, ob sie nur eine Linie nutzen möchten oder noch weitere einfügen wollen (beispielweise für Symptome, wie z. B. Schmerzen, Stimmung, o.ä.). Ob sie neben Steinen und Blumen für negative und positive Lebensereignisse weitere Gegenstände nutzen möchten. Und ob sie Textkarten und/oder Bildkartenmotive der Biografiearbeitskarten nutzen und zur Verdeutlichung bestimmter Lebensereignisse/Szenen verwenden möchten.

Eine Lebenslinie ist zu sehen, ene Schnur auf dem Boden, an der Schilder und Gegenstände liegen in verschiedenen Bereichen
Lebenslinie mit Textkarten
Eine zweite Schnur als Lebenslauf ist zu sehen, davor Füße in Sportschuhen
Lebenslinie mit Text- und Bildkarten

Biografiearbeit berührt häufig auch schwierige oder belastende Erfahrungen. Wie können Fachkräfte mit solchen Themen verantwortungsvoll arbeiten, und wo sehen Sie Grenzen des Einsatzes der Kartensets?

Ein traumasensibler Umgang ist zentral: Stabilisierung und Ressourcenorientierung sollten falls erforderlich immer Vorrang haben. Bild- und auch Textkarten können belastende Inhalte aktivieren, weshalb Sie, wie in Ihrer sonstigen Arbeit auch, Ihr Gegenüber kontinuierlich im Blick haben sollten. Es empfiehlt sich, klare Stopp-Regeln und Wahlmöglichkeiten zu etablieren. Nicht jede biografische Exploration ist in jeder Phase indiziert, lassen Sie Ihr therapeutisches Gespür entscheiden. Grenzen bestehen insbesondere bei akuten Krisen oder unzureichender Stabilität Ihrer Patient*innen/Klient*innen. Hier kann eine zu direkte Konfrontation kontraindiziert sein. Kartensets sind Werkzeuge, sie ersetzen jedoch keine fundierte therapeutische Beziehung und Diagnostik. Eine entsprechende Ausbildung, Supervision und Selbsterfahrung bleiben essenziell. Unser Praxistipp lautet hier immer: Wenn Sie als Therapeut*in den Verdacht haben, dass Sie sich «schwierigem Terrain» nähern, kann es Sinn machen, die Biografiearbeitskarten vorher zu sortieren oder auch bestimmte Karten auszusortieren. Wenn Sie fachlich nicht ausreichend ausgebildet sind oder sich unsicher sind, sollten Sie sich für mögliche Krisensituationen rüsten und sonst ggf. Fachleute hinzuziehen.

In welchen Kontexten – etwa Therapie, Coaching, Beratung oder Arbeit in Pflegeeinrichtungen – haben sich die Kartensets besonders bewährt, und welche Anpassungen sind je nach Setting sinnvoll?

Biografiearbeit mit Erwachsenen, Fotografie vom Kartenset mit Box, Buch und Karten

Kartensets haben sich in Psychotherapie, Coaching, Beratung und auch in der Arbeit mit älteren Menschen bewährt. In der Therapie liegt der Fokus häufig stärker auf Integration und Verarbeitung. Hier lassen sich die Karten sowohl im Rahmen der Anamneseerhebung, zur Diagnostik als auch zur therapeutischen Arbeit verwenden. Insbesondere die Exploration von Ressourcen, Stärken und positiven Ereignissen lässt sich sehr gut mit Hilfe der Biografiearbeitskarten durchführen. Aber auch die Erfassung negativer Ereignisse, angstauslösender Situationen bis hin zu Traumata ist mit Hilfe der Biografiearbeitskarten ganz einfach umsetzbar. Zudem lässt sich nach der Erfassung dieser Aspekte so auch gut die weitere therapeutische Arbeit beispielsweise die Konfrontationsarbeit fortführen.

Im Coaching liegt der Fokus häufig eher auf den Themen Ressourcen und Zukunftsorientierung. Hierzu eignen sich die Biografiearbeitskarten sehr gut, sowohl über die Bildimpulse als auch die Fragen/Anregungen auf den Textseiten. Mit Hilfe der Biografiearbeitskarten können Sie spielerisch und kreativ an diesen Themenfeldern arbeiten.
Je nach Altersgruppe und Interesse kann die Arbeit eher spielerischer oder auch strukturierter gestaltet werden.

In Pflegeeinrichtungen kann Biografiearbeit zur Aktivierung und Identitätsstärkung beitragen. Hier lassen sich insbesondere auch die Bildkartenmotive häufig gut einsetzen, um Patient*innen/Klient*innen zu motivieren, über ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Auch lässt sich ein Lebensrückblick sehr schön gestalten und mit dem Gegenüber erarbeiten.

Natürlich sollten die Sets immer für deren entsprechenden Einsatz angepasst werden. Lassen Sie Ihr therapeutisches Gespür entscheiden, welche Karten sie aus dem Set in welcher Situation und mit welchem Klientel wie verwenden.

Was würden Sie Fachpersonen raten, die Biografiearbeit bisher vor allem klassisch dialogisch kennen: Wie gelingt ein sinnvoller Einstieg mit den Karten – und woran merkt man, dass ein Kartenformat gut passt?

Ein sinnvoller Einstieg gelingt über einfache, wenig konfrontative Karten und kurze Sequenzen. Machen Sie sich zunächst selbst mit dem Material vertraut und probieren Sie diese aus. Hier kann auch der Austausch im Team, mit Kolleg*innen, in der Intervisionsgruppe oder im Qualitätszirkel eine gute Möglichkeit sein, um zunächst eigene Erfahrungen sammeln und gemeinsam zu überlegen, ob das Set sich zur Arbeit mit einem bestimmten Patienten oder einer bestimmten Klientin besonders eignen würde. Und genauso, ob bei der einen oder dem anderen mögliche Kontraindikationen bestehen.

Wichtig ist, dass Sie die Karten nicht schematisch, sondern patient*innen-/klient*innenzentriert einsetzen. Ein gutes Zeichen für eine Passung ist, wenn Ihre Patient*innen/Klient*innen ins Erzählen kommen und eigene Bezüge herstellen. Natürlich können auch eine erhöhte Motivation oder Neugier Hinweise für eine gute Passung sein. Wenn hingegen Überforderung, Rückzug oder Irritation dominieren, sollten Sie Ihr Vorgehen anpassen. Unser Kartenset ist besonders gut geeignet, wenn verbale Zugänge erschwert sind oder viel Struktur benötigt wird. 

Unser Tipp: Probieren Sie die Karten doch einfach mal selbst mit einer Freundin, einem Kollegen oder anderen Bezugspersonen aus. Sie werden sehen, die «Arbeit» mit den Biografiearbeitskarten kann auch Spaß machen und häufig erfahren Sie auch ein paar Neuigkeiten, mit denen Sie vielleicht gar nicht gerechnet hätten.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Melanie Gräßer

Melanie Gräßer, geb. 1971. 1992-1994 Grundstudium der Psychologie in Konstanz. 1994-1995 Auslandsstudium in Guelph, Ontario, Canada. 1995-1998 Hauptstudium der Psychologie in Bonn. 1999-2002 Vollzeit-Verhaltenstherapieausbildung, psychosomatische Fachklinik St. Franziska-Stift, Bad Kreuznach. 2002 Anstellung als Psychologin, Kinder- und Jugendheim, Kall. 2003-2006 Anstellung als Psychologin, Zentrum für Kinderheilkunde, Universität Bonn. 2006-2007 Anstellung als Psychologin, SPZ/Kinderklinik, Memmingen. 2007 Anstellung als Psychologin, Kinderklinik Amsterdamerstraße, Köln. 2008-2010 Anstellung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, MVZ, Köln. 2010-2013 Eigene Niederlassung in Leverkusen. Seit 2013 eigene Niederlassung in Lippstadt (hälftig für Kinder und Jugendliche, hälftig für Erwachsene). Seit 2018 Berufung als Gutachterin der Krankenkassen und Beihilfe durch die KBV. Arbeitsschwerpunkte: Chronische körperliche Erkrankungen, somatoforme Störungen, Traumata, Tod und Trauer. Dozenten-, Supervisions- und Selbsterfahrungstätigkeit in der Psychotherapieausbildung an mehreren Instituten und für Selbsthilfegruppen chronisch somatisch kranker Kinder, Jugendlicher, Eltern und Erwachsener (z.B. für die dt. Rheuma-Liga). Buchautorin, Entwicklerin zahlreicher therapeutischer Materialien und Spiele.

 

Eike Hovermann

Eike Hovermann jun., geb. 1967 war über 25 Jahre geschäftsführender Gesellschafter der Akademie für die Deutsche Wirtschaft und Gründer und Geschäftsführer der Akademie für Kindergarten, Kita und Hort. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und Ratgeber und Entwickler therapeutischer Spiele und Materialien. Seit Jahren setzt er sich dafür ein, Wissen und Bildung weiterzugeben, um so allen Kindern eine solide Grundlage und Ausbildung für ihr späteres Leben zu geben.

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