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Arbeiten mit Werten: Der Schlüssel zu psychischer Gesundheit und Resilienz

Werte beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln – oft, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Sie geben Orientierung, schaffen Sinn und helfen dabei, Entscheidungen zu treffen, die langfristig zu einem erfüllten Leben beitragen. Gerade in Psychotherapie, Coaching und Beratung gewinnt die Arbeit mit Werten deshalb zunehmend an Bedeutung.

Im Interview erläutern Dr. Uta Deppe-Schmitz und Dr. Miriam Deubner-Böhme, Autorinnen des Kartensets “Arbeiten mit Werten”, warum Werte ein wichtiger Baustein für psychische Gesundheit und Resilienz sind, wie sich Werte mit kreativen Methoden erfahrbar machen lassen und welche Möglichkeiten das Kartenset für die praktische Arbeit mit Klient*innen, Paaren sowie Teams bietet.

Ein Foto eines rot-weißen Leuchtturms vor einem blauen Himmel mit einigen Wolken

Foto: Shutterstock / Benjamin B

Welche Rolle spielen Werte für psychische Gesundheit und Resilienz, warum ist die Arbeit mit Werten also so wichtig in Therapie, Coaching und Beratung?

Werte geben Orientierung, Halt und Sinn. Menschen, denen es gelingt nach ihren Werten zu leben, sind zufriedener und psychisch gesünder. Ein Beispiel: Anna arbeitet als Lehrerin und ihr ist „Hilfsbereitschaft“ besonders wichtig im Leben. Obwohl sie an eine angesehenere Schule wechseln könnte, bleibt sie an einer Schule mit sozial benachteiligten Kindern. Ihr Wert wirkt wie ein „innerer Kompass“ und hilft ihr, Entscheidungen zu treffen. Annas Arbeit ist zwar anstrengend, aber sie empfindet sie als sinnvoll. Sie lebt nach ihren Werten und fühlt sich zufrieden und psychisch ausgeglichen. Wer im Einklang mit den eigenen Werten ist, erlebt sich häufig stabiler und widerstandsfähiger. Insofern spielen Werte auch für Resilienz eine wichtige Rolle. Sie unterstützen dabei, auch in schwierigen Situationen trotz Herausforderungen handlungsfähig zu bleiben und Entscheidungen zu treffen sowie sich an schwierige Lebensumstände anpassen zu können.

Wenn wir unser Handeln nach unseren zentralen Werten ausrichten, erleben wir ein Gefühl von innerer Kontinuität – selbst wenn sich äußere Umstände stark verändern. Gerade in Zeiten von großer Unsicherheit oder Krisen geht der Zugriff zu den eigenen Werten manchmal verloren. In Psychotherapie und im Coaching unterstützen wir Menschen über das Arbeiten mit Werten darin, wiederzuerkennen, was ihnen wirklich wichtig ist. Wenn es gelingt, das Handeln danach auszurichten, fühlt es sich oft an als „sich selbst nah sein können“ oder „sich selbst spüren können“, was in schwierigen Zeiten bedeutet, Halt in sich finden zu können und Sinn durch das eigene Handeln erleben zu können. Das tut gut.

 

Sie haben sich für ein Kartenset als Form entschieden. Was ist das Besondere an diesem Kartenset?

In unserem Kartenset haben wir neben den Wertekarten auch Bildkarten und Reflexionskarten aufgenommen, so dass Werte emotional, kreativ und erfahrungsnah erkundet werden können. Das Kartenset gibt Orientierung durch konkrete Wertebegriffe und ermöglicht gleichzeitig sehr individuelle Bedeutungen, kreative Zugänge und persönliche Entwicklungsprozesse, so dass das Kartenset eine hohe praktische Anwendbarkeit für vielfältige Fragestellungen des Lebens bietet.

Der Vorteil der Wertekarten z.B. im Vergleich zu klassischen Wertelisten liegt darin, dass man die einzelnen Werte „bewegen“ kann: man kann sie „in die Hand nehmen“, „verschieben“, „gruppieren“, „miteinander in Beziehung setzen“. Die Karten eröffnen einen lebendigeren Prozess. Durch das aktive Auswählen, Sortieren und Kombinieren der Karten entsteht eine intensivere Auseinandersetzung. Menschen kommen stärker ins Spüren und Assoziieren. Oft werden Werte entdeckt, die vorher gar nicht bewusst waren. Gerade in Coaching, Therapie oder Teamprozessen entsteht so ein konkretes „Arbeiten im Raum“, das Reflexion erleichtert und Gespräche vertieft.

Die Bildkarten schaffen einen anderen Zugang zu Werten, nämlich jenseits der Sprache. Sie aktivieren Gefühle, Erinnerungen und „innere Bilder“. Dadurch entsteht häufig ein tieferer emotionaler Zugang zu den eigenen Werten. Viele Klient*innen äußern beispielsweise: „Dieses Bild, das Wollknäuel, fühlt sich genau nach dem an, was mir wichtig ist – auch wenn ich es vorher nicht benennen konnte. Es hat für mich etwas mit Kreativität zu tun, etwas entstehen lassen, selbst gestalten zu können, es in der Hand zu haben und offen und neugierig zu sein“.  Oft entdecken Menschen durch die Bildkarten Werte, auf die sie über eine reine Begriffsliste nie gekommen wären. Auch die individuelle Bedeutung von Werten lässt sich anhand der Bildkarten gut darstellen: Wenn jemand zum Beispiel eine Bildkarte auswählt, die eine Brücke zeigt, kann das ganz unterschiedliche Bedeutungen haben: Verbindung, Entwicklung, Mut, Übergang oder Vertrauen. Das Bild öffnet einen Raum für persönliche Bedeutungen – ohne sofort festgelegt zu sein.

Die Reflexionskarten auch in Verbindung mit den Bild- oder Wertekarten ermöglichen, Werte und deren subjektive Bedeutung tiefgründiger zu erforschen und Werte in den Alltag der Klient*innen zu bringen. Sie bieten eine Möglichkeit, konkrete Hinweise zu erarbeiten, wie die eigenen Werte im Alltag gelebt und sichtbar gemacht werden können, um mehr Stimmigkeit (Kongruenz) zwischen Werten und konkreten Erleben und Handeln zu erreichen.  

Außerdem entsteht durch die Karten etwas Spielerisches und Leichtes, selbst bei tiefen Themen. Das senkt oft Hemmungen und fördert Offenheit, besonders auch in Gruppen oder Teams.

Man sieht die Karten aus dem Set "Arbeiten mit Werten" auf einer Fläche liegen. Es sind insgesamt 8 Stapel mit Karten.

Es existieren sehr viele Vorstellungen darüber, was alles ein Wert sein kann. Was genau macht für Sie etwas zu einem Wert?

Wir haben uns im Zusammenhang mit der Entwicklung des Werte-Kartenspiels ausführlich mit den unterschiedlichsten Wertedefinitionen beschäftig. Es existiert keine einheitliche Definition von Werten. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der praktischen Arbeit mit Menschen findet sich ein unterschiedliches Verständnis darüber, was genau etwas zu einem Wert macht. Manche Ansätze beschreiben Werte eher als persönliche Überzeugungen oder Lebensprinzipien, andere betonen ihre Verbindung zu Bedürfnissen, moralischen Vorstellungen oder kulturellen Normen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Modelle: Einige arbeiten mit wenigen grundlegenden Werten, andere mit sehr umfangreichen Wertelisten.

Für unser Kartenset orientieren wir uns an der Definition des Werteforschers Shalom H. Schwartz. Uns war eine wissenschaftliche Fundierung bei gleichzeitig hoher praktischer Anwendbarkeit wichtig, was wir in seinem Wertemodell finden. Nach Schwartz sind Werte überdauernde Überzeugungen darüber, was wir als gut, richtig und erstrebenswert erleben. Sie entstehen aus unserer Lebensgeschichte, unseren Erfahrungen und unserem gesellschaftlichen Umfeld. Werte sind also nichts Oberflächliches oder Beliebiges – sie sind tief mit unserer Identität verbunden. Werte dienen dabei als Orientierung für Entscheidungen, Verhalten und Bewertungen. Zu genau diesen Themen stellen wir in unserem Kartenset Übungen vor.

Gleichzeitig war uns neben des strukturierten begrifflichen Rahmens für die Wertearbeit wichtig, auch einen individuellen Zugang zu Werten zu ermöglichen. Jeder Mensch nutzt eine eigene Sprache dafür, was sich für ihn oder sie stimmig und „richtig“ anfühlt. Das offene Angebot über Bildkarten zu Werten zu finden, erscheint uns besonders geeignet, da diese stärker die emotionale Ebene ansprechen.

In welchen Settings können die Karten angewandt werden und wie unterscheidet sich die Anwendung in den unterschiedlichen Bereichen?

Das Kartenset ist bewusst so entwickelt, dass es sehr vielseitig eingesetzt werden kann – in Psychotherapie, Coaching, Gesundheitscoaching, Paarberatung sowie in Gruppen- und Teamprozessen.

In der Psychotherapie steht häufig die persönliche Orientierung im Vordergrund: Was gibt meinem Leben Sinn? Welche Werte habe ich vielleicht verloren oder verdrängt? Wie kann ich wieder stimmiger leben? Das Kartenspiel kann die psychotherapeutische Arbeit hier bereichern, wenn es um die Entwicklung von Perspektiven und Lebenszielen geht. Die Beschäftigung mit Werten kann so die Selbstakzeptanz sowie die Selbstwirksamkeit von Patient*innen stärken und damit maßgeblich zu ihrer Genesung beitragen. 

Im Coaching geht es oft stärker um Entscheidungen, berufliche Entwicklung oder die Frage nach Sinn und Kongruenz im Arbeitsleben. Dort helfen die Karten, persönliche Werte sichtbar zu machen und konkrete Perspektiven für Entscheidungen zu entwickeln, indem die zugrundliegenden Werte beleuchtet und mögliche Wertekonflikte aufgedeckt werden können. 

In der Paarberatung wiederum entsteht durch die Karten oft ein sehr wertvoller Dialog: Welche Werte verbinden uns? Wo unterscheiden wir uns? Wie prägen unsere Lebensgeschichten unsere heutigen Erwartungen an Beziehung? Damit kann ein besseres Verständnis nicht nur für die eigenen Werte, sondern auch für die Werte der Partner*in entwickelt werden. 

Und in Teams oder Gruppen ermöglichen die Karten einen niedrigschwelligen Zugang zu Themen wie Zusammenarbeit, Konflikte oder gemeinsame Teamkultur. Gerade dort schaffen Bilder und Karten oft Gespräche, die in klassischen Meetings nie entstehen würden.

Warum ist die Wertehierarchie so entscheidend – besonders bei Entscheidungen und inneren oder äußeren Konflikten?

Werte, die für uns bedeutsam sind, empfinden wir alle als positiv. Je nach Kontext sind sie aber nicht alle gleich wichtig. Erst in schwierigen Entscheidungssituationen zeigt sich, welche Werte für uns Vorrang haben. Diese Hierarchie ist individuell sehr unterschiedlich – und genau deshalb reagieren Menschen auf dieselbe Situation oft vollkommen verschieden.

In der Beratung oder Therapie ist diese Priorisierung enorm hilfreich. Sie ermöglicht Entscheidungen, die langfristig stimmiger sind. Viele Menschen erleben große Erleichterung, wenn sie erkennen: „Ja, ich darf diesen Wert wichtiger nehmen.“ In der Paarberatung können die Beteiligten über ihre jeweilige individuelle Wertehierarchie ins Gespräch kommen und für konkrete Konfliktsituationen das Verhalten bzw. die Position der anderen Person besser verstehen. Außerdem kann ein Paar für die Partnerschaft eine gemeinsame Wertehierarchie entwickeln und damit eine Orientierung an gemeinsamen Zielen ermöglichen. Auch in Teams können Konflikte über die gemeinsame Entwicklung einer Wertepriorisierung konstruktiv gelöst werden. Die Verdeutlichung von unterschiedlichen Priorisierungen kann helfen, andere in ihrem Handeln besser zu verstehen und dabei helfen, neben individuellen Werten auch gemeinsame Werte zu definieren und Kompromisse abzuleiten.

Eignet sich das Kartenset auch, um konkrete Ziele von Klient*innen zu entwickeln?

Ja! Auf jeden Fall. Vor allem die Bildkarten helfen dabei, konkretere Vorstellungen von Zielen und deren Umsetzungsmöglichkeiten zu entwickeln. Wir bitten Klient*innen beispielsweise zu Beginn der Psychotherapie eine Bildkarte zu wählen, die dafürsteht, was sie in der Therapie für sich erreichen möchten. Wenn die Klientin beispielsweise eine Karte auswählt, die eine Brücke über einen Fluss zeigt, kann gemeinsam anhand des Brückenbildes erarbeitet werden, was dies genau bedeutet, z.B. „aktiv über die Brücke zu gehen, was bedeutet auf Menschen zuzugehen und Kontakt anzubieten“. Dadurch wird die Motivation der Klientin gestärkt, an ihren sozialen Ängsten zu arbeiten. Im nächsten Schritt können daraus konkrete Ziele auf der Verhaltensebene abgeleitet werden, wie die Ziele im Alltag umgesetzt werden können, z.B. Freunde und Nachbarn zum Abendessen einzuladen, einer Freundin, die in einer schwierigen Situation steckt, eine Nachricht schreiben und Unterstützung anbieten oder beim Abendessen mit dem Partner das Handy weglegen und nachzufragen, wie es ihm geht. Interessant kann in diesem Zusammenhang sein, mit der Klientin zu erarbeiten, welche Werte mit diesen Zielen verknüpft sind, wie im Beispiel Verbundenheit oder Geselligkeit. 

Durch den Einsatz von Bildkarten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Klientin tatsächlich ins Handeln kommen. Menschen werden angeregt, Ideen und Vorstellungen zu ihrem Werten und Zielen zu konkretisieren und emotional zu verankern, was wichtig ist und sich stimmig anfühlt.

Die Box "Arbeiten mit Werten" ist zu sehen und der Inhalt. Ein Manual in Form einer Broschüre, die Box und die Karten.

Das Kartenset wird von einem umfangreichen Booklet begleitet. Was war Ihnen bei der Gestaltung wichtig?

Das Booklet ist weit mehr als eine Beschreibung der Karten. Es vermittelt das notwendige Hintergrundwissen zur Wertearbeit und zeigt anhand zahlreicher Übungen und Praxisbeispiele, wie die Karten in unterschiedlichen Settings eingesetzt werden können und Werte erlebbar gemacht werden können. Es werden zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten der verschiedenen Kartentypen untereinander vorgestellt. Uns war wichtig, Anwender*innen nicht nur ein Kartenset, sondern ein fundiertes Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie Menschen professionell und kreativ bei der Erkundung ihrer Werte, Ziele und Entwicklungsmöglichkeiten begleiten können.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Uta Deppe-Schmitz & Dr. Miriam Deubner-Böhme

Beide sind seit 2003 niedergelassen in eigener Praxis für Psychotherapie und Coaching. Darüber hinaus leiten sie das Institut für Ressourcenaktivierung in Berlin. Sie sind Expertinnen für psychische Gesundheit im betrieblichen Kontext und führen Coachings und Workshops zu Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt und gesunder Führung durch. Sie sind in der Aus- und Weiterbildung für Psychotherapeut:innen tätig.

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