Skip to main content

Alkoholabhängigkeit – neue Wege in der Psychotherapie

Mit der 4. Auflage von «Alkoholabhängigkeit» aus der Reihe «Fortschritte der Psychotherapie» aktualisiert Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer seinen praxisnahen Leitfaden entlang der ICD‑11, der aktuellen S3-Leitlinie und der veränderten Psychotherapierichtlinie. Im Gespräch geht es um die differenzierte Diagnostik zwischen riskantem, schädlichem und abhängigem Alkoholkonsum, um die oft unterschätzte Bedeutung komorbider psychischer Störungen und um die Frage, warum Alkoholabhängigkeit in der Psychotherapie noch immer zu häufig ausgespart wird. Zugleich macht das Interview deutlich, dass erfolgreiche Behandlung nicht bei Abstinenz endet: Es geht auch um Rückfallkompetenz, soziale und berufliche Teilhabe sowie die Einbeziehung von Angehörigen.

Illustration, die einen zusammengekauerten Mann zeigt, der in einem Weinglas sitzt, die Arme vorm Gesicht verschränkt

Bild: Shutterstock / Felink - Creative Studio

In der 4. Auflage von «Alkoholabhängigkeit» berücksichtigen Sie die ICD‑11, die neue S3-Leitlinie und veränderte Psychotherapierichtlinien. Was hat sich dadurch für Diagnostik und Behandlung von Alkoholabhängigkeit konkret verändert?

In der ICD-11 werden erstmals auch der riskante und schädliche Alkoholkonsum mit klaren Kriterien beschrieben, so dass zu hoffen ist, dass diese Diagnosen künftig häufiger gestellt werden und dadurch den Betroffenen viel früher bei der Entwicklung einer alkoholbezogenen Störung geholfen wird. Die Veränderung der Psychotherapierichtlinie soll die Behandlung der Alkoholabhängigkeit im Rahmen ambulanter Psychotherapie erleichtern, in dem mehr Zeit bis zur Erreichung von Alkoholabstinenz eingeräumt wird. Die Aktualisierung der S3-Leitlinien weist dagegen keine großen Veränderungen auf. 

Alkoholabhängigkeit gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, wird aber in der Psychotherapie oft erstaunlich spät oder gar nicht thematisiert. Warum wird das Thema von vielen Psychotherapeut*innen noch immer so häufig übersehen oder vermieden?

Viele Psychotherapeut*innen unterschätzen immer noch die Erfolgsaussichten bei der Behandlung einer Alkoholabhängigkeit. Sie vermissen eine Änderungsmotivation der Betroffenen und befürchten, dass diese die Behandlung abbrechen, wenn sie das Thema Alkohol ansprechen. Viele Psychotherapeut*innen vermuten hinter einer Alkoholabhängigkeit auch andere Probleme, die sie dann vorrangig behandeln. Sie übersehen dabei, dass eine Alkoholabhängigkeit sich früher oder später verselbstständigt und dann nicht mehr verschwindet, wenn man vermeintliche Ursachen beseitigt hat.

Sie betonen im Buch, wie wichtig eine gute Differenzialdiagnostik ist. Was heißt das in der Praxis – gerade bei der Unterscheidung zwischen riskantem, schädlichem und abhängigem Alkoholkonsum?

Bei riskantem und schädlichem Alkoholkonsum geht es um Risiko- bzw. Schadensbegrenzung durch eine Reduktion oder Einstellung des Alkoholkonsums in bestimmten Situationen. Im Vordergrund steht eine Einstellungs- und Motivationsveränderung der Betroffenen. Im Falle einer Alkoholabhängigkeit hat sich das Konsumverhalten durch Automatismen und Veränderungen im Belohnungszentrum der Betroffenen verselbstständigt. In diesem Fall ist ein vollständiger Alkoholverzicht zu empfehlen. Entsprechend konzentriert sich die Behandlung darauf, die abstinente Bewältigung persönlich relevanter Rückfallrisikosituationen so lange zu üben, bis sich neue Automatismen einstellen.  

Sie weisen auf die Bedeutung komorbider psychischer Störungen hin. Wird Alkoholabhängigkeit zu oft isoliert betrachtet, obwohl etwa Angst, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen häufig eine Rolle spielen?

Tatsächlich ist beides möglich: Es gibt sehr wohl Menschen, die einfach so in eine Alkoholabhängigkeit geraten sind. Andererseits haben viele der Betroffenen weitere psychische Störungen, die dann unbedingt in die Behandlung integriert werden müssen. Dabei kann es sein, dass der Alkohol eine verzweifelte Bewältigungsstrategie für eine andere Problematik darstellt, häufig sind aber auch mehrere Störungen unabhängig voneinander entstanden, die sich nunmehr aber wechselseitig ungünstig beeinflussen. In beiden Fällen ist eine integrierte, gleichzeitige Behandlung aller Störungen aussichtsreicher, als wenn man sequentiell vorgeht und sich zunächst nur auf die Behandlung der Alkoholabhängigkeit konzentriert. 

Sie plädieren für eine motivierende, nicht-konfrontative therapeutische Haltung. Warum ist gerade das bei alkoholabhängigen Patient*innen so wichtig – und warum reichen Druck oder bloße Krankheitseinsicht in der Regel nicht aus?

Es kann sehr wohl hilfreich sein, Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit mithilfe von Außendruck zu einer Behandlung zu bewegen. Innerhalb der Behandlung erzeugen dann aber Druck und Konfrontation eher Reaktanz bzw. Widerstand: Das Eingestehen der Alkoholabhängigkeit sowie der künftige Verzicht auf Alkohol stellen eine grundlegende Infragestellung des Selbstwertgefühls der Betroffenen dar. Hier ist stattdessen ein behutsames, an die Wertvorstellungen und Lebensziele der Betroffenen appellierendes Vorgehen der Behandler*innen erforderlich. Insbesondere der Ansatz des sog. Motivational Interviewing hat sich als wirksam erwiesen, um Menschen zu helfen sich auf eine Suchtbehandlung einzulassen. 

Ein Foto, dass drei Bücher zeigt, es handelt sich um die drei früheren Auflagen des Bandes "Alkoholabhängigkeit"
Die drei früheren Auflagen des Bandes "Alkoholabhängigkeit"

Sie beschreiben die Behandlung der Alkoholabhängigkeit ausdrücklich auch als Hilfe zur Überwindung von Teilhabeeinschränkungen. Warum ist dieser Blick auf Arbeit, soziale Beziehungen und Alltag für die Therapie so wichtig?

Im Schnitt vergehen 12 Jahre, bis sich Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit in Behandlung begeben. In dieser Zeit ist beruflich, familiär und sozial häufig viel in die Brüche gegangen. Die Abstinenzchancen hängen nachweislich entscheidend davon ab, inwieweit es den Betroffenen gelingt, sich beruflich und sozial wieder zu integrieren. Es stellt eine Besonderheit des deutschen Suchthilfesystems dar, dass im Rahmen der medizinischen Rehabilitation über die medizinische und psychotherapeutische Behandlung hinaus eine Vielzahl von gezielten Angeboten zur (Wieder)Herstellung der beruflichen und sozialen Teilhabe zur Verfügung stehen. 

Rückfälle beschreiben Sie nicht als Ausnahme, sondern als Teil vieler Behandlungsverläufe. Warum ist es wichtig, Rückfälle nicht als persönliches oder therapeutisches Scheitern zu deuten?

Wir wissen heute, dass ein Drittel aller Rückfälle von den Betroffenen innerhalb von wenigen Tagen selbstständig wieder gestoppt werden können. Ob dies allerdings gelingt oder nicht, hängt entscheidend davon ab, ob die Betroffenen, ihre Angehörigen aber auch ihre Therapeut*innen in diesen Momenten «die Nerven» bzw. Zuversicht behalten und konzentriert die jetzt erforderlichen Schritte einleiten. Dabei ist es hilfreich einen Rückfall als Folge kurzfristiger situativer Überforderung oder Unachtsamkeit und nicht als Ausdruck grundsätzlicher Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu begreifen. 

Angehörige spielen eine wichtige Rolle in der Therapie. Warum ist es sinnvoll, sie in die Behandlung einzubeziehen und was ist hier zu beachten?

Eine Abhängigkeitsentwicklung bewirkt zwangläufig eine Vielzahl von Veränderungen und Anpassungen aber auch von schwerwiegenden Verletzungen und Enttäuschungen im familiären oder partnerschaftlichen Zusammenleben. Es stellt alle Beteiligten vor gewaltige Herausforderungen, mit Beginn der Alkoholabstinenz offen über die Vergangenheit zu sprechen, wieder gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und das Beziehungsgefüge neu auszubalancieren. Zur Unterstützung dieses Prozesses verfügen wir mittlerweile über eine Reihe von spezifischen therapeutischen Strategien, weswegen die Einbeziehung von Angehörigen in die Behandlung der Alkoholabhängigkeit die Erfolgsaussichten signifikant erhöht.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer

Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer, geb. 1954. 1975–1981 Studium der Psychologie in Heidelberg. 1996 Promotion am Fachbereich Psychologie der Universität Marburg. 2012 Habilitation an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Technischen Universität Chemnitz. Psychologischer Psychotherapeut. Seit 1981 in der stationären Behandlung von Suchtmittelabhängigkeit und psychosomatischen Störungen tätig. 1996 - 2019 Gründungsdirektor der salus klinik Lindow. Seit 2018 Professor für Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg MHB. Autor von über 100 Fachartikeln und 11 Büchern. Trainer und Supervisor für Verhaltenstherapie an Ausbildungsinstituten im In- und Ausland. Redakteur der Zeitschrift SUCHT. 

Zeitschrift SUCHT

SUCHT ist eine interdisziplinäre Fachzeitschrift mit einem internationalen Fokus für die wissenschaftliche und klinische Kommunikation hochwertiger und innovativer Beiträge in deutscher und englischer Sprache. Besondere Merkmale sind das Interesse und die Förderung interdisziplinärer Arbeit aus dem gesamten Bereich der Suchtforschung, die Förderung des Dialogs zwischen den Fachdisziplinen sowie zwischen Forschung und Praxis bzw. Politik. Dabei werden insbesondere kontroverse Themen aufgegriffen.

Das sagt der Dorsch zu:

Alkoholismus[engl. alcoholism], syn. chronischer Alkoholmissbrauch, Alkoholsucht, Trunksucht, [KLI], Ursachen und Folgen dieser seit 1968 in der BRD als Krankheit anerkannten Komplexerkrankung sind im körperlichen, seelischen, sozialen und wirtschaftlichen Bereich zu suchen: Nach der Def. der WHO sind Alkoholiker exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, dass sie deutliche seelische Störungen, gesundheitliche Schäden, eine Beeinträchtigung der mitmenschlichen Beziehungen sowie sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen bzw. dass Vorläufer solcher Erscheinungen zu beobachten sind. …

 

Das könnte Sie auch interessieren

Frau lehnt Glas Wein in der Schwangerschaft ab, kein Alkohol

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft

Frauen, die in der Schwangerschaft Alkohol trinken, können bei ihrem Kind schwere Schädigungen auslösen. Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD)…

Mehr erfahren