70 Jahre Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie
Die „Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie A&O“ (ZAO) blickt auf eine lange Geschichte zurück: 1956 als „Psychologie und Praxis“ gegründet, prägt sie seit 1983 unter ihrem heutigen Namen die Fachwelt. Zum Jubiläum haben wir den neuen geschäftsführenden Herausgeber, Prof. Dr. Hannes Zacher, gefragt, wie er die Rolle der ZAO einschätzt und welche Weichen er für die kommenden Jahre stellen möchte.
Was bedeutet es für Sie, als neuer geschäftsführender Herausgeber die Verantwortung für eine der traditionsreichsten psychologischen Fachzeitschriften im deutschsprachigen Raum zu übernehmen?
Die Übernahme der geschäftsführenden Herausgeberschaft ist für mich sowohl eine große Ehre als auch eine Verpflichtung, die ich sehr bewusst wahrnehme. Die ZAO verfügt über eine beeindruckende, 70-jährige Geschichte und genießt sowohl in der wissenschaftlichen Community als auch unter Praktiker*innen einen exzellenten Ruf. Auf dieser Grundlage aufzubauen und die hohe Qualität der Inhalte und Prozesse der ZAO zu sichern, ist zentral für meine Arbeit. Gleichzeitig sehe ich die große Chance, nun gemeinsam mit meinen Mitherausgeber*innen, den Mitgliedern unseres hochkarätigen Beirats sowie unseren Autor*innen und Gutachter*innen wichtige Entwicklungsimpulse zu setzen und die ZAO zukunftsfähig auszurichten.
Was macht die Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie Ihrer Ansicht nach bis heute besonders wertvoll für Forschende, Praktiker*innen und Organisationen?
Die ZAO verbindet seit jeher hohe wissenschaftliche Qualität mit praktischer Relevanz. Wir veröffentlichen theoretische und empirische Forschungsarbeiten, Replikationsstudien, systematische Überblicksartikel und Metaanalysen, Beiträge zur Entwicklung und Validierung von Messinstrumenten, methodische Weiterentwicklungen, Berichte zu innovativen Praxisansätzen und Buchrezensionen. Dabei decken wir ein breites Spektrum arbeits-, organisations- und wirtschaftspsychologischer Themen ab. Diese Kombination aus Qualität, Anwendungsnähe und thematischer Breite macht die ZAO zu einer verlässlichen Ressource für Forscher*innen und Praktiker*innen.
Welche konkreten Maßnahmen möchten Sie ergreifen, um die wissenschaftliche und praktische Relevanz der ZAO weiter zu stärken?
Mein Team und ich verfolgen mehrere vielversprechende Ansätze. Erstens wollen wir die Zahl hochwertiger Einreichungen weiter erhöhen, indem wir die ZAO auf Konferenzen und in professionellen Netzwerken gezielt sichtbar machen. Wir werden zudem Promovierende, Postdocs und erfahrene Kolleg*innen gezielt ansprechen, um sie zu Einreichungen von interessanten Beiträgen zu ermutigen. Zweitens haben wir den Beirat der Zeitschrift neu organisiert und erweitert, um die inhaltliche und methodische Expertise weiter zu stärken. Der Anteil von Frauen im Beirat ist von ehemals 27% auf 55% gestiegen. Drittens optimieren wir den Begutachtungsprozess, u.a. durch frühzeitige Rückmeldungen an Autor*innen bei offensichtlichen Verbesserungsmöglichkeiten, Vermeidung unnötiger Belastungen von Gutachter*innen sowie schnellere Entscheidungen durch die Herausgeber*innen. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen, die Qualität, Relevanz, Effizienz und Attraktivität der ZAO weiter zu steigern.
Wie möchten Sie Nachwuchswissenschaftler*innen sowie erfahrene Kolleg*innen konkret dazu ermutigen, in der ZAO einzureichen – und was macht die Zeitschrift für Autor*innen attraktiv?
Wir sprechen Forscher*innen und evidenzbasiert arbeitende Praktiker*innen aller Karrierestufen aktiv an und laden sie ein, interessante Arbeiten bei uns einzureichen. Mir ist ein verlässlicher und konstruktiver Begutachtungsprozess wichtig, der Autor*innen substantielle und zeitnahe Rückmeldungen bietet. Die ZAO ist offen für unterschiedlichste Themen, Methoden und Anwendungsgebiete der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie. Darüber hinaus besteht für die meisten Autor*innen an Institutionen im deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, ihre Beiträge gebührenfrei Open Access zu publizieren, was die Sichtbarkeit in Forschung und Praxis erleichtert.
Sie sprechen sich klar für Open-Science-Praktiken aus. Warum ist dies für Sie so wichtig, und wie wird die ZAO Open Science künftig noch stärker unterstützen?
Open Science ist gute Wissenschaft. Open-Science-Praktiken tragen wesentlich zur Transparenz, Reproduzierbarkeit und Replizierbarkeit, sowie Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse bei. Deshalb fördern wir explizit Praktiken wie Transparenz-Stellungnahmen zu früheren Veröffentlichung von Daten und Variablen, Präregistrierungen von Hypothesen und Methoden, Multiverse-Analysen sowie die öffentliche Bereitstellung von Daten, Materialien und Analyseskripten. Wir begrüßen ausdrücklich exakte und konstruktive Replikationsstudien. Außerdem werden wir noch in diesem Jahr das zweistufige Format der „Registered Reports“ einführen, bei dem Autor*innen in einem ersten Schritt nur ihr Forschungsprotokoll (Hypothesen, Methoden, Analyseplan) zu Begutachtung einreichen. Bei hoher Qualität des Forschungsprotokolls wird das Manuskript prinzipiell zur Veröffentlichung angenommen, unabhängig von den Ergebnissen. Danach führen die Autor*innen ihre Datenerhebung durch und reichen in einem zweiten Schritt das vollständige Manuskript erneut zur Begutachtung ein, bei der vor allem geprüft wird, ob das Forschungsprotokoll eingehalten wurde. Registered Reports sind wichtig, weil sie den sogenannten Publikationsbias reduzieren, da die Annahme nur von der Forschungsfrage und der Methodik abhängt und nicht von den Ergebnissen, welche auch nicht-signifikant sein können.
Sie möchten die ZAO internationaler machen und thematisch noch breiter aufstellen. Welche inhaltlichen Schwerpunkte oder Entwicklungen erwarten Sie für die kommenden Jahre?
Die Internationalisierung der ZAO wird weiter an Bedeutung gewinnen, insbesondere durch vermehrt englischsprachige Einreichungen und die stärkere Beteiligung internationaler Autor*innen und Gutachter*innen. Ich erwarte ein starkes Wachstum in Themenfeldern, die Unternehmen und Gesellschaft zurecht stark bewegen, wie Digitalisierung und KI am Arbeitsplatz, psychische Gesundheit und Resilienz, neue Formen der Arbeitsorganisation und Führung, ökologische Nachhaltigkeit sowie demografischer Wandel und Arbeit im höheren Lebensalter. Gleichzeitig werden wir weiterhin methodische Innovationen sichtbar machen und fördern, wie z. B. zeitstetige Strukturgleichungsmodellierung, algorithmische Verfahren und Multiverse-Analysen.
Das 70-jährige Jubiläum markiert einen besonderen Moment in der Geschichte der ZAO. Was bedeutet dieses Erbe für die Zukunft – und welche Impulse erhoffen Sie sich für die nächsten Jahre?
Das 70-jährige Jubiläum ist ein eindrucksvoller Beleg für den Erfolg, die Relevanz und die Beständigkeit der ZAO. Es ist aber auch ein Auftrag und Ansporn, die Zeitschrift mit Weitblick konsequent weiterzuentwickeln. Ich hoffe, dass dieses Jubiläum Anlass bietet, sich als wissenschaftliche und anwendungsorientierte Community weiterhin aktiv, konstruktiv und kritisch einzubringen – sowohl als Autor*innen, als Gutachter*innen, als Mitglieder im Beirat und als Herausgeber*innen. Die Zukunft der ZAO lebt davon, dass wir gemeinsam daran arbeiten, wissenschaftliche Qualität, Offenheit und Transparenz, Internationalität sowie praktische Relevanz kontinuierlich zu stärken.
Vielen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Hannes Zacher
Prof. Dr. Hannes Zacher, geb. 1979. 2000-2006 Studium der Psychologie in Braunschweig und Minneapolis (USA). 2006-2009 Promotionsstipendiat an der Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. 2009 Promotion. 2009-2010 Postdoktorand an der Jacobs University Bremen. 2010-2013 Lecturer an der University of Queensland (Australien). 2014-2015 Associate Professor an der Rijksuniversiteit Groningen (Niederlande). 2016 Professor an der Queensland University of Technology (Australien). Seit 2016 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Schwerpunkte: Alter im Arbeitskontext und Laufbahnentwicklung, berufliche Gesundheit, proaktives und adaptives Arbeitsverhalten, nachhaltige Organisationen.
Foto: Pamela Petersen
Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie
Die Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie A & O stellt anspruchsvolle, innovative Forschung zu arbeits-, organisations- und wirtschaftspsychologischen Fragestellungen dar, berichtet über aktuelle Methoden- und Instrumentenentwicklung im eignungs-/organisationsdiagnostischen und arbeitsanalytischen Bereich. Die Zeitschrift fördert so den wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch und liefert interessante Gestaltungs- und Interventionskonzepte. Sie ist ein wichtiges Informationsmedium für Psychologen*innen in Betrieben, Verwaltungen und Verbänden, für Fachkräfte im Bereich Arbeit und Gesundheit und in der Personal- und Organisationsentwicklung sowie für Führungskräfte und bietet ihnen vielfältige Lösungspotentiale für ihre konkreten Fragestellungen.